ANGELINA unplugged

HERRJE, all die skandalösen Storys in den bunten Blättern… KRANKHEIT, TRENNUNG, MAGERSUCHT?, fragen Sie und können doch nur raten. Wir haben uns mit ANGELINA JOLIE auf einen Wein getroffen und ganz andere Geschichten gehört: von Kindern und Keksen, von Ängsten und Albernheit und vom ganz banalen Alltag des schönsten Paares der Welt

Sie erscheint, strahlt ein herzliches Hallo und lässt sich auf ihren Stuhl gleiten. Wenn man ihr gegenüber sitzt, sind ihre berühmten Lippen bei weitem nicht die Zirkusnummer, die man vermuten könnte – es sei denn, ein suggestiver Gedanke lässt ihre Mundwinkel zucken, dann läuft die Fantasie sofort Amok, egal wie businesslike sie in ihrem dunklen Hosenanzug aussieht. Zuletzt habe ich sie vor zwei Jahren getroffen – sie scheint mir heute viel dünner, aber auch lebhafter.
Auf Fotos und im Film hat ihre Schönheit oft etwas einschüchternd Statuenhaftes. Ich kenne kein Bild, das ihre Fröhlichkeit und Wärme einfängt, ihre entspannte „Und wie geht’s dir so?“-Neugierde, die bei Weltstars eher die Ausnahme ist. Aber vielleicht hat die Vorstellung von ihr als dem Erzengel der Mühseligen und Beladenen, als der Comicfigur, zu der die Klatschblätter sie gemacht haben, den Blick auf sie verstellt. Beurteilt man sie nach ihren Filmrollen – den Kick-Ass-Heldinnen aus „Lara Croft“ und „Mr. & Mrs. Smith“, den Psychopathinnen aus „Durchgeknallt“ und „Gia“ – und nach dem, was man sonst noch so über sie hört – Messer-Obsession, Pilotenlizenz, Kaiserschnittgeburt in Namibia –, könnte man denken: tollkühn bis komplett irre. In Wirklichkeit, behauptet sie, sei sie eine akribische, fast manische Planerin. „Brad macht sich immer lustig über mich“, sagt sie, „ich bereite mich stets darauf vor, dass alles schiefgehen könnte. Ich mag nun mal keine Überraschungen, habe ich ihm gleich gesagt.“

Diese Detailbesessenheit zahlte sich in der Vorbereitung auf ihren aktuellen Film „Ein mutiger Weg“ aus. Für die Verfilmung der Memoiren von Mariane Pearl, der Witwe des Reporters Daniel Pearl vom Wall Street Journal, der in Pakistan gekidnappt wurde und von Al-Qaida-Anhängern in einem grauenvollen Filmdokument enthauptet wurde, hat Jolie viel Zeit auf die Vorbereitung verwendet. Wieder und wieder traf sie Mariane Pearl, fragte sie aus, hörte ihr zu, saugte ihr Weltbild auf. „Typisch für Mariane ist zum Beispiel, dass sie nie von sich selbst spricht, nicht mal, wenn sie persönliche Dinge erzählt. Sie redet nicht von ‚meinem Leben, meinen Problemen, meinen Ansichten‘, sie redet von ‚uns, der Welt, Liebe, Hass‘, es geht ihr immer um kollektive Gefühle.“ Angelina Jolie lernte sogar die buddhistischen Gesänge, die Marianne Pearl durch die dunkelsten Zeiten geholfen hat. „Ich bin nicht religiös, aber ich finde sehr interessant, wie der Buddhismus Menschen aus ihrem Ich löst und mit dem Universum verbindet.“

Wie Mariane Pearl selbst hat sie bis heute niemals das Enthauptungsvideo angesehen. „Mariane will nicht, dass irgendjemand das sieht. Ich glaube, sie hat recht damit, dass der Anblick die Leute stärkt, die es gedreht haben.“ Schwieriger aber war, ihrem Sohn Maddox zu verschweigen, woran sie da gerade arbeitet. Maddox hatte sich mit Adam angefreundet, dem Sohn der Pearls, mit dem Mariane zum Zeitpunkt der Tat schwanger war. „Wir haben versucht, Mad zu erklären, dass es um ein Ereignis im Leben von Mariane und Adam geht, aber mehr nicht. Wir wollten unbedingt vermeiden, dass er Adam davon beim Spielen erzählt.“ Sie stockt ein wenig. Es gebe nichts Erschreckenderes, als eine Frau zu spielen, die zu einer Freundin geworden ist. „Wir haben zusammengesessen, wir haben darüber geredet, alles kein Problem“, sagt sie, „aber dann vor der Kamera zu stehen… Am Abend vor dem ersten Drehtag hatte ich so was wie einen Nervenzusammenbruch. Ich kam mit dem Druck nicht klar, es gut hinzukriegen für sie und Danny und Dannys Eltern.“ Schweigen. „Ich hoffe, ich habe mein Bestes getan.“ Schweigen. „Meine Arbeit hat mir immer geholfen, mit meinen Problemen klarzukommen, aber wenn man sich intensiv mit so einer Geschichte beschäftigt, wird alles andere egal. Kein anderer Film hat mir je so glaskar gemacht, dass ich nicht das Geringste habe, worüber ich mich beschweren könnte.“ Sie seufzt. „Und mir war wichtig, diese tiefe, tiefe Liebe zwischen Danny und Mariane zu zeigen, diese unglaublich starke Beziehung zweier starker Menschen, die an dasselbe glauben.“ Und schon sind wir wieder da, wo Geschichten über Angelina Jolie immer landen: Weltpolitik und Liebe, Weltretten und Brad Pitt. „Ich war nicht auf der Suche nach einem Mann, als wir uns trafen“, sagt sie. „Ich war ganz glücklich als alleinerziehende Mutter mit ein paar Liebhabern. Das Letzte, was ich wollte, war eine Beziehung.“ Nun hat sie eine, und dazu die vermutlich bestbeobachtete, meistkommentierte Beziehung der Welt. Je weiter die zwei auf ihrer inzwischen zweijährigen Tournee durch alle elenden Ecken der Erde reisen – von Pakistan bis Darfur, von Kambodscha bis Irak, selbst Weihnachten verbrachten sie mit kolumbianischen Flüchtlingen in einem Camp in Costa Rica – desto kleiner scheint diese Erde zu werden und desto größer diese seltsame heilige Familie. Zu Jolies kambodschanischem Adoptivsohn Maddox kamen die heute zweijährige Zahara, von Jolie und Pitt 2005 in Äthiopien adptiert, der dreijährige Pax, den sie im März aus Vietnam mitbrachten, und die gemeinsame leibliche Tochter Shiloh, die letztes Jahr in Namibia geboren wurde. „Alle meine Freundinnen haben gesagt, man muss sechs Monate rechnen, um schwanger zu werden“, sagt Jolie. „Ich sagte, gut, ich plan’s ein. Von wegen – es hat gleich beim ersten Versuch geklappt.“

Wenn man sie über Brad Pitt ausfragt, wählt Angelina Jolie ihre Worte fast eben so sorgfältig wie bei Verlautbarungen über ihre Flüchtlingsarbeit – und vielleicht aus denselben Gründen: Sie will verhindern, dass man ihr die Worte im Mund verdreht. „Wir sind mit viel Gottvertrauen an die Sache herangegangen, wirklich“, sagt sie, den Kopf in die Linke gestützt. „Unsere Familie ist schnell gewachsen, wir tragen eine große gemeinsame Verantwortung, und wir sind uns beide darüber im klaren, dass wir eine Menge Glück hatten. Wir hätten uns sehr ineinander täuschen können, aber stattdessen hat uns jede Schwierigkeit nur näher gebracht.“