Lord Extra
Vor zehn Jahren hat das britische Oberhaus seine Türen geöffnet. Seitdem sind hier Rot- und Blaublütige auf you and you. PARK AVENUE proudly presents: ehrwürdige Exoten
Einmal angenommen, der Bundesrat wäre eine Versammlung von Adligen, die ihren Titel für ihr Engagement erhalten hätten. Sie wären nicht wirklich mächtig, könnten aber Gesetzgebungen aus dem Bundestag widersprechen. In der Praxis sähe das so aus: Lord Jauch segnet Bildungsgesetze ab, Lord Hipp wird als Bio-Pionier gefragt und Lord Grönemeyer gebeten, eine Initiative zum Thema deutsches Popliedgut zu starten. So funktioniert es tatsächlich im britischen Oberhaus, dem House of Lords. Wer auf Lebenszeit - darunter machen es die Briten nicht – auf einer der roten Bänke der Kammer Platz nehmen will, muss etwas geleistet haben: mit Musicals den Tourismus ankurbeln (wie Lord Lloyd-Webber), eine Schule für lernschwache Kinder gründen (wie Lady Linklater of Butterstone) oder eine Traumkarriere absolvieren wie der konservative Lord Sheikh: Der 66-jährige Inder kam ohne einen Penny nach England und lebt inzwischen dank erfolgreicher Versicherungsgeschäfte in einer Villa mit sechs Schlafzimmern in der Nachbarschaft von Fußballstars und Chirurgen. Aber Vermögen ist nicht Pflicht: Der Viscount Simon zum Beispiel wohnt zur Miete. Dafür ist er einer von 92 erblichen Lords, den "Hereditary Peers", die Tony Blairs Reform von 1999 überlebten. Sie hatten bis dahin ihren Sitz über Jahrhunderte vererbt bekommen. Dem Premier gefiel das nicht, er forderte Leistung für einen Platz im House of Lords. Von den 732 Mitgliedern, bestehend aus zwei Erzbischöfen, 24 Bischöfen und 706 weltlichen Peers, ist heute der Großteil bürgerlich. Zum Beispiel Lord Ahmed, der erste Muslim im Oberhaus. Der kräftige Mann mit penibel gestutztem Vollbart breitet seinen Gebetsteppich mehrmals täglich dort aus, wo früher die Ehefrauen der Lords mit ihrem Gin Tonic am Schminktisch saßen und ihr Make-up auffrischten. Der Tisch mit dem großen Spiegel ist noch da, sogar die Haarbürsten und das Kristallschälchen, in dem der porzellanblasse Puder einfach vergessen wurde. Vor zehn Jahren zog Lord Ahmed ins Oberhaus ein, schwor auf den Koran statt auf die Bibel und bekam zum Beten den ehemaligen Ruheraum. "Man hängt hier sehr an den Traditionen. Und solange die funktionieren, wird auch nichts verändert", sagt er. Niemand käme auf die Idee, den ehemaligen "Peeresses Retiring Room" zu renovieren und seiner heutigen Funktion anzupassen, als Gebetsraum der muslimischen Lords. Aber Lord Ahmed gibt sich tolerant, ihn stören die alte Blümchentapete und die üppigen Polstersessel schon lange nicht mehr. Unten in der Garderobe parken elektrische Seniorenwagen. Weißhaarige Männer mit Stock und krummen Beinen tippeln über den flauschigen Veloursteppich und wirken inmitten der holzvertäfelten, zentnerschweren Säle wie vergessene Geister. Frisch geadelte Lords müssen sich an ihrem ersten Tag fühlen wie in einer Zeitmaschine. "Ich erkannte plötzlich das ein oder andere Gesicht und dachte: Er ist tot, ich bin sicher, dass er längst tot ist", erinnert sich einer der Novizen. "Dabei sitzen sie alle im Oberhaus."
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Überall hängen Monitore, auf denen die Reden der Lords und Ladys übertragen werden. So entsteht der Eindruck, dass hier im Minutentakt wichtige Dinge entschieden werden. Tatsächlich gibt es für das House of Lords bis heute keine wirklich logische Daseinsberechtigung. "Ganz machtlos sind die Lords natürlich nicht. Sie können dem Unterhaus, also dem House of Commons, widersprechen und Änderungen fordern", sagt Tom Kiehl von der liberaldemokratischen Partei, "aber sehr häufig geben sie Gesetzgebungen den letzten Schliff, da sie für solche Feinarbeit mehr Zeit haben als die Commons." Zu Wohlstand kann man als Lord am Oberhaus nicht kommen: Bei Anwesenheit gibt es eine kleine Aufwandsentschädigung. Viele Mitglieder sind Wirtschaftsbosse, Anwälte oder Ärzte, können sich dem House of Lords widmen wie einem Hobbyverein. Vom Ausland wird die Einrichtung gern als elitärer und überflüssiger Rentnerclub belächelt. Mit skurrilen Persönlichkeiten wie Lord Glanusk, der sich 37 Jahre Zeit ließ, ehe er sich das erste Mal im Haus äußerte. Doch die Briten hängen an ihrer Institution wie an vielen Traditionen. Im Gegensatz zum Gegröle im Unterhaus wird im House of Lords ein früherer Richter auch von seinem ärgsten Konkurrenten mit "my noble and learned friend" angeredet. "Es ist sehr angenehm, diese zuvorkommenden Leute zu bedienen", sagt eine Kellnerin. Dabei ist die Geschichte des Hauses und seiner Mitglieder bei Weitem nicht so fleckenlos wie die gestärkten Hemdkragen. Im 16. Jahrhundert erstach der 17. Earl of Oxford seinen Koch, Mitte des 18. Jahrhunderts landete der 4. Earl Ferrers wegen seines kriminellen Lebensstils sogar am Galgen. Heute sorgen die Mitglieder für Schlagzeilen, weil sie Millionen veruntreuen, im Rotlichtmilieu gesichtet werden oder volltrunken während eines Empfangs Vorhänge anzünden. "Diese Fälle gibt es, doch sie schaden dem Haus nicht, da es nur diese Leute etwas angeht", meint Lady Bonham Carter of Yarnbury. Im Gegensatz zu Lord Sheikh lebt die 50-Jährige in einer Dachgeschosswohnung im Londoner Westen und versteckt ihre glamourösen Wurzeln hinter Understatement: Ihre Mutter ist die Tocher des großen Verlegers Condé Montrose Nast, der Urgroßvater H. H. Asquith war Premierminister, ihre Cousine ist die Schauspielerin Helena Bonham Carter, und wenn sie ihre beste Freundin, die britische Vogue-Chefin Alexandra Shulman, zum Dinner trifft, wird über alles geredet, "nur nicht über Mode". Bonham Carter ist treue Liberaldemokratin und Fernsehjournalistin und am House of Lords sehr engagiert. "Ich könnte auf diese ganze Titelversessenheit gut verzichten. Es gibt aber Mitglieder, die nur daran interessiert sind." Häufig stehen wohlhabende Freunde der Parteien im Verdacht, für einen Lord-Titel vorgeschlagen worden zu sein, weil sie zuvor eine beträchtliche Summe in die jeweilige Spendenkasse gesteckt hatten. Quid pro quo, sozusagen.
