Der Mann weiß zu viel
Wem die Ehefrau lästig oder der Geschäftsfreund zu mächtig wurde, ging zu Anthony Pellicano: Der schnüffelte dann im Privatleben der Gegner rum, bis sie im eigenen Schmutz versanken. Nun drohen dem Müllmann von L.A. 625 Jahre Haft – und Hollywood bibbert
Vielleicht fing tatsächlich alles mit dem Fisch an. Schlaff und tot lag er auf der Windschutzscheibe des silbergrauen Audi. Unter ihm das Glas gesplittert. In seinem Maul eine rote Rose. Und dann war da noch ein Pappschild. „Stop“ stand drauf. Die Besitzerin des Wagens, eine Journalistin, verstand die Warnung sofort. Irgend jemand gefiel es nicht, dass sie gerade für eine Artikelreihe das Geschäftsgebaren zweier berühmter Männer beleuchtete. Irgend jemand, der nicht zimperlich war. Und der zu viele Gangsterfilme gesehen hatte. Anita Busch, freie Mitarbeiterin der „New York Times“ und der „Los Angeles Times“ und tief versunken in ihre Recherchen über den Hollywood-Agenten Michael Ovitz und den Action-Darsteller Steven Seagal, alarmierte die Polizei. Die Spur führte zu einem gerichtsnotorischen Kleinganoven, der bald gestand, den Fisch samt Beilage auf Buschs Auto geschmissen zu haben. Im Auftrag von jemand, der nicht zimperlich war. Und der sich mit Leidenschaft Gangsterfilme anschaute. Als FBI-Agenten darauf die Büroräume jenes Auftraggebers durchsuchten, fanden sie im Safe zwei Handgranaten, mehrere geladene Pistolen, 200.000 Dollar in bar und genug Plastiksprengstoff, um damit ein Flugzeug in die Luft zu jagen. Als weit explosiver noch erwiesen sich die auf elf Computerfestplatten, 23 externen Laufwerken, 52 Disketten, 92 CD-Roms und zwei DVDs verteilten Daten, die an jenem Novembertag des Jahres 2002 sichergestellt wurden und die seitdem bedrohlicher als jede Smog-Wolke einen Schatten über Los Angeles werfen. Denn auf ihnen wimmelt es von berühmten Namen – Studiobosse und Filmstars, Manager und Anwälte. Was haben Hollywoods dicke Fische zu schaffen mit einem Mann, der auf tote Fische und andere Gangster-Methoden vertraut? Im Zentrum dieser filmreifen Story, die sich laut dem „New Yorker“ zum „größten und schmutzigsten Skandal in der Geschichte Hollywoods entwickeln könnte“, steht ein kleiner Mann mit großen Ohren. Ein Abhörspezialist, der unliebsame Ehefrauen von Multimilliardären und Konkurrenten mächtiger Kino-Macher belauschte; ein lizensierter Schnüffler mit fliehendem Kinn und vielen doppelreihigen Anzügen, die er seit seiner Verurteilung wegen illegalen Waffenbesitzes gegen pflegeleichte Gefängnisklamotten eintauschen musste. Anthony Pellicano, 63, sitzt seit Februar 2004 hinter Gittern – und wenn es nach der Staatsanwaltschaft geht, sitzt er da noch die nächsten 625 Jahre. Denn der Privatdetektiv aus Al Capones Heimatstadt Chicago befindet sich – seit er seine 30 Monate für den Sprengstoff und so weiter verbüßt hat – in Untersuchungshaft und muss sich in einem zweiten Prozess gegen mehr als hundert neue Anklagepunkte verteidigen, darunter organisiertes Verbrechen, Bestechung, Vernichtung von Beweismaterial und Meineid. Kurz, alles was es eben so braucht, um seine Kundschaft glücklich zu machen.
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Anthony Pellicano war Hollywoods Mann fürs Grobe. Der Ausputzer. „Sin Eater“, Sündenfresser, nennt er sich selbst: einer, der die Ausrutscher anderer verschwinden macht. „Ich will gar nicht wissen, wie Sie an Ihre Informationen rankommen“, sagte ein Klient einmal zu ihm, ein Anwalt aus einer angesehenen Kanzlei in Los Angeles. Darauf Pellicano: „So ist es mir recht.“ Der Aufstieg des Tüftlers mit der hochentwickelten Spürnase und der unterentwickelten Moral ist pures Hollywood: Nur in einem Milieu, in dem Unsicherheit und Paranoia nicht Nebenwirkungen des Geschäftslebens sind, sondern seine Grundlage, konnte Pellicano sich unentbehrlich machen als einer, der mit der Ware Wissen handelt. Seine Klienten erwarteten, dass er ihnen die intimsten Geheimnisse ihrer Gegner zuspielte. Dass er Kritiker zum Verstummen brachte. Und nur in Hollywood, wo Typen wie Pellicano in unzähligen Krimis und B-Movies verewigt und verherrlicht werden und wo seinen Arbeitgebern mit zunehmendem Erfolg der Bezug zur ganz normalen Welt verloren geht, schienen seine Dienste so alltäglich wie die Serviceleistungen von Frisören und Steuerberatern. Hast du Probleme mit einem aufdringlichen Fan? Hol Pellicano. Willst du wissen, ob das Gör tatsächlich von dir ist? Hol Pellicano. Wie kann man die Konkurrenz ausbremsen, haben die vielleicht Dreck am Stecken? Pellicano, Pellicano.
Erstaunlich, in welchem Ausmaß der „Detective to the Stars“ mit der Filmmetropole verbunden und vernetzt ist. Er durchwühlte nicht nur heimlich die Mülleimer ihrer reichen und berühmten Bewohner, er arbeitete auch ganz offiziell als „technischer Berater“ an Thrillern wie „Staatsfeind No. 1“ und „Die Firma“; in beiden geht es um sinistre Überwachungssysteme. Mehrmals überlegten Produzenten, sein Leben auf die Leinwand zu bringen, darunter der Krawall-Spezialist Jerry Bruckheimer. Dessen mittlerweile verstorbener Geschäftspartner Don Simpson war es, der Mitte der 80er Jahre Pellicano in die Rolle des Pitbulls hievte. Wenn Angestellte gegen ihren unberechenbaren, kokainsüchtigen Boss rebellierten und mit Klagen drohten, rief Simpson den Mann im Doppelreiher. Pellicano grub Peinliches aus ihrem Leben aus, das zu verschweigen ja wohl wichtiger wäre als so ein öffentlicher Prozess gegen Mr. Simpson, nicht wahr? Eine ehemalige Mitarbeiterin verklagte den Produzenten wegen sexueller Belästigung. Pellicano fand heraus, dass die Frau einmal für eine Party einen männlichen Stripper engagiert hatte, also selbst nicht gerade ein Kind von Traurigkeit … Nein, zimperlich war er gewiss nicht. Er tönte gegenüber seinen Geldgebern, dass er ihre Widersacher daran erinnern würde, „wieso sie Angst im Dunkeln haben“. Und in einem Interview prahlte er einmal damit, dass er den drogenabhängigen Sohn eines Klienten wieder zur Vernunft gebracht hätte. Und wie? „Mit dem Baseballschläger.“
