Exklusivbericht

Was man machen muss, um in asmallworld.net reinzukommen? Nichts. Denn nur wer eingeladen wird, hat Zugriff auf dieses sagenumwobene Netzwerk der Reichen, Berühmten oder Adeligen. PARK AVENUE konnte eine Insiderin überreden, auszupacken.

 

Leider bin ich viel zu spät auf die Idee gekommen, den Mann dem „SmallWorld-Test“ zu unterziehen. Mir wäre sonst aufgefallen, dass sich die auf einer Party aufgelesene Neu-Akquise allzu gern mit guten Kontakten und Insiderinformationen schmückt. Im Überschwang hatte ich ihn zum Segelwochenende mit Freunden eingeladen, nicht ahnend, einen notorischen poster eingeschleust zu haben, der in aSmallWorld zu jedem Thema etwas hinterlässt. So fanden wir unseren Bootsausflug wohldokumentiert im Forum wieder, gewürzt mit Indiskretionen und der Bitte um Kommentierung. Es interessierte jedoch niemanden, da die Community gerade über Spannenderes konferierte: Eine Golfstaaten-Bewohnerin quälte sich öffentlich mit der Frage, welche Variante der Birkin Bag sie sich als Nächstes bestellen solle: Kroko oder Anakonda, Gold- oder Silberverschluss? Und in welcher Farbe bloß? Das Internet revolutioniert die Gesellschaft und die exklusive Website asmallworld.net die Society. Vor dreieinhalb Jahren hatte Erik Wachtmeister sein kleines schwarzes Adressbuch geöffnet, seine Freunde zu den ersten Mitgliedern eines neuen Online-Netzwerkes gekürt und sie mit dem Recht versehen, wiederum ihre Freunde per E-Mail und Link einzuladen. Bis heute gilt members only: Wer nicht durch ein Mitglied eingeladen wird, muss draußen bleiben. Das Privatclub-Prinzip entfachte eine feudale Kettenreaktion: Ob Windsor, Astor, Branson, Spencer-Churchill, de Rothschild, Flick, Savoyen, Bismarck, Thurn und Taxis, Fürstenberg – sie alle ließen sich von dem Spaß anstecken. Im Sommer 2004 war ASW, so das clubinterne Kürzel, beliebtestes Tischthema an der Côte d’Azur. Die damals erst zwei- bis dreitausend Auserwählten boten im Forum der Seite Mitfluggelegenheiten im Privatjet oder Helikopter an (so kam ich mal günstig nach Ibiza, konnte mich dann dort aber nicht frei bewegen, da der großzügige Spender seine Belohnung einfordern wollte…), und Arriviertere tauschten die viersprachige Nanny gegen einen Internatsplatz in Eton ein – ich hoffe, sie haben einen besseren Deal gemacht als ich. Bis zum Herbst hatte sich das „Gotha“-Personal jedenfalls gründlich miteinander connected und war – die Netzwerke anderer durchforstend, persönliche Nachrichten und das allgemeine Forum checkend – der Bewegung wie Dominosteine erlegen. Der Lieblingsbeschäftigung der Noblesse – darüber zu elaborieren, wer mit wem verwandt und bekannt ist und wann man sich an der nächsten Jetset-Schnittstelle von Aspen bis Verbier wiedertrifft – eine Online-Plattform zu geben war ein brillanter Einfall, auf den Erik Wachtmeister bereits vor zehn Jahren kam: Bei der Jagd auf einem norddeutschen Gut, genauer gesagt während der stundenlangen Warterei auf einen Keiler. Zumindest ist das die Legende, die sich tadellos in die Gentleman-Biografie des inzwischen 50-jährigen Grafen einfügt: Als Sohn des schwedischen Botschafters in den USA folgte er seinen Eltern nach Washington, studierte in Georgetown und ergänzte das Ganze durch einen MBA der französischen Eliteschmiede INSEAD, was ihn für die Profession des Investmentbankers qualifizierte. Nebenbei hatte er sich im Studio 54, auf Jachten und Bällen den Ruf eines Playboys erarbeitet, natürlich von der raffinierten, nicht der ordinären Art. Das alles macht ihn zum idealtypischen Nutzer seines Netzwerks, den er wie folgt charakterisiert: „Ein 25- bis 50-jähriger Aristo mit Master-Abschluss, der in einer europäischen Großstadt wohnt, ein internationales Leben führt und deshalb zu bestimmten Anlässen immer die gleichen Leute trifft.“ Und je privilegierter man sei, so Wachtmeister, desto mehr Interesse bestehe zu erfahren, wie und wo man das Beste bekomme: von der Privatinsel bis zur Kilodose Kaviar.

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Mag sein, dass das die Themen sind, mit denen sich Mitglieder der Kategorie Ivanka Trump, Paul Allen und Tiger Woods herumschlagen, der Etagen-Adel dagegen erörtert in den Foren alles von Politik bis zum Liebesleben. Und fahndet vor allem nach erschwinglichen Tipps, die das Leben schöner machen. Verlangt werden: Designerschnäppchen, Reise- und Partyempfehlungen oder Kontakte, die eine unmögliche Tischreservierung im El Bulli oder Karten fürs Formel-1-Rennen in Bahrain beschaffen können. Unter der Kategorie „Market Place“ findet man neben Immobilien- und Investment-Angeboten auch das Stichwort „Jobs“; leider sind nicht alle Gesuche so unterhaltsam wie das desjenigen, der nach einem Arbeitsplatz für seine zukünftige Ex-Frau Ausschau hielt, damit sie ihm nicht länger als nötig auf der Tasche liegen würde. Die vielen Hilferufe nach einem günstigen Zimmer zur Untermiete oder einem bescheidenen Häuschen im Grünen stimmen dagegen traurig: Ach, waren das Zeiten, als das Familienschloss noch kein Vergnügungspark war. ASW ist aber vor allem ein Ort blühender Sozialneurosen. Zwar wusste man auch früher schon, wer mit wem und mit wem überhaupt nicht, aber virtuell erscheint manche Existenz deutlich weniger mondän. Das animiert social climber dazu, wildfremden, in der Hackordnung über ihnen stehenden Leuten „Connection“-Anfragen zu schicken. Italian syndrome nennt Wachtmeister das Phänomen des unausgeschriebenen Wettkampfs ums eindrucksvollste Celebrity- oder Frauen-Portfolio. Von Herren, die sich auf Fotos mit aufgeknöpftem Hemd präsentieren, habe ich einige Nachrichten mit der Aufforderung „Let’s connect!“ erhalten. Darin schwingt natürlich „Schick mir deinen Link“ mit, um so in der Statistik weniger verdächtig zu erscheinen. Denn es genügt, von ein paar Leuten, denen man dieses Ersuchen gesendet hat, ignoriert oder von einer einzigen Person per „Decline“-Button abgewiesen zu werden, um aus dem Netzwerk zu fliegen. Im wahren Leben sind zwischenmenschliche Vorfahrtsregeln subtiler, und Konfusionen können leichter überspielt werden. So lässt sich dort der unverbindliche Begriff „Bekanntschaft“ unendlich weit dehnen, mit wem hat man nicht schon alles eine Nacht durchgefeiert? Es kostet weniger Überwindung, bei der nächsten zufälligen Begegnung durch jemanden hindurchzuschauen, als auf sein virtuelles „Hello again“ mit der „Ignore“-Taste zu antworten und damit seine credibility zu senken.

Es gehe aber nicht darum, ob jemand Geld habe, sondern nur darum, wen man kenne, so Wachtmeister. „My Network“ und „Friends of Friends“ heißen die Freundschaftslisten im Anwendungsmenü. Sie funktionieren wie Namedropping: In ASW werden „Freunde“ wie Schmucksteine zu einem Collier aufgefädelt. Einige sammeln vorwiegend Juwelen, andere setzen auf beliebiges Blendmaterial, um im Ranking der meisten Kontakte ganz nach vorn zu gelangen – und sei es durch jede Menge sozialen Strass. Apropos: Die Swarovskis sind natürlich auch drin; kein Wunder, immerhin steht die Modeszene an vierter Stelle der häufigsten Berufsgruppen, nach den Bankern, Medienleuten und Unternehmensberatern. Dicht gefolgt von der PR-Branche, aus der ASW-Marketingchefin und Gründer-Ehefrau Louise Wachtmeister ursprünglich kommt. Männer und Frauen treffen im Mengenverhältnis 55 zu 45 Prozent aufeinander, „als echte Menschen“; das heißt mit vollem Namen und Foto, ohne die gängigen Cyber-Pseudonyme anderer Websites wie MySpace. Kennt man sich nicht sowieso schon ewig, vom Schweizer Internat oder zahllosen Hochzeiten? „ASW ist ein Ort, um sich wiederzufinden, zu re-connecten“, so Wachtmeister.

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