Glückwunsch, altes Haus

Das Adlon in Berlin ist nur ein Hotel – so wie ein Lamborghini nur ein Auto ist und die Jupiter-Sinfonie nur ein Musikstück. In diesem Monat feiert die Luxusherberge, in der George Tabori Page war und ein Gast als „Schinkenbrotmörder“ berühmt wurde, ihren 100. Geburtstag

 

Man schrieb das Jahr 1945, und die Gegend rund um das Brandenburger Tor glich einer Mondlandschaft. Berlin-Mitte lag in Schutt und Asche, auch das Haus Unter den Linden 77 – einst das feinste Hotel im Deutschen Reich – war ausgebrannt. Überall herrschte Chaos, nur im Personalbüro des Adlon wurde gearbeitet, als sei nichts geschehen. Das gibt es wahrscheinlich nur in Deutschland: Da geht ringsum die Welt unter, aber die Bürokratie stempelt weiter Bescheinigungen ab. Dem letzten Empfangschef August Wieland gab man schriftlich: „Infolge Zerstörung des Hotel Adlonist es uns leider nicht möglich, Sie weiter zu beschäftigen.“ Er fand kurz darauf im Offizierskasino der Amerikaner in Dahlem neue Arbeit, Arbeitszeit: 63 Stunden wöchentlich.

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Der fünfstöckige Kasten hatte den ganzen Krieg unbeschadet überstanden, den Bombenhagel der alliierten Flugzeuge ebenso wie den Häuserkampf um Berlin und den Beschuss durch russische Panzer. Während links Hitlers Reichskanzlei und rechts der Reichstag ausbrannten, während die Botschaften der Briten und Franzosen pulverisiert wurden, ragte der Prunkbau unversehrt aus den Ruinen hervor, nicht einmal die Scheiben waren geborsten. Erst als die Kanonen schwiegen, ging das Adlon unter.

Fassungslos streifte die 17-jährige Krankenschwester Marianne Struthoff in ihren freien Minuten durch die Flure. Sie arbeitete im Lazarett, das in den letzten Kriegswochen im eleganten Foyer eingerichtet worden war. Der Friseursalon im Keller diente als OP, das Geschrei der Patienten war markerschütternd, denn schmerzstillendes Morphium gab es schon lang nicht mehr, amputiert wurde bei vollem Bewusstsein. Die niedrigen Chargen vegetierten in der Eingangshalle, erzählte sie einmal der Süddeutschen Zeitung, die Offiziere starben in der Adlon-Bar. Leichen und abgetrennte Gliedmaßen wurden im Innenhof gestapelt. Aber ein Stockwerk höher war die Welt noch in Ordnung. Da liefen die Ober in Frack und weißen Handschuhen durch die Etagen, servierten Brötchen mit Schlackwurst, das Stück zu 0,50 Reichsmark, manchmal sogar warmes Essen. Anders als früher aber trugen sie kleine Scheren in der Tasche – damit schnitten sie Coupons von den Lebensmittelkarten ab. Im Mendelssohn-Saal saß Hitlers Leibarzt, „Reichsspritzenmeister“ Morell, und ließ sich volllaufen. Da saß bei Kerzenlicht Herbert von Karajan mit seiner zweiten Frau Anita, die ihren Pelz immer bei den Fernsprechfräulein abgab, wenn sie bei Fliegeralarm in den Bunker steigen musste. Da saß der Schauspieler und Stammgast Emil Jannings, der seinen Rotwein vom Diener in den Bunker tragen ließ, wenn die Sirenen heulten. Da oben gab es Heißwasser, bis zum Schluss. Hedda Adlon, die Witwe des Besitzers Louis Adlon, schrieb später in ihren Erinnerungen: „So muss es auf der Titanic zugegangen sein.“

Man muss sich das vorstellen: Ende April 1945 war der Pariser Platz das Zentrum der Zerstörung in einer verwüsteten Stadt. Pro Tag gab es 17-mal Fliegeralarm. Im Bunker nebenan bereitete ein bleicher Hitler in schwarzseidenem Morgenmantel und schwarzen Lacklederpantoffeln seinen Selbstmord mit Gift vor. Ringsum stand kein Stein mehr auf dem anderen. Und im Adlon drehte man den Hahn auf, und es lief heißes Wasser in die Wanne, dazu konnte man beim Zimmerservice Badesalz bestellen.
Abgebrannt ist das Hotel erst, als alles vorbei war. Am 3. Mai 1945 wurde in Berlin nicht mehr geschossen, sondern nur noch geplündert. Russische Soldaten, so die Legende, machten sich über die Weinflaschen im Keller her, steckten bei dem Gelage wohl die Holzwolle an, in der die teuren Tropfen gelagert waren, und fackelten dabei das Hotel ab. Es brannte bis auf einen Seitenflügel aus.

Das Adlon ist viel mehr als ein Hotel, es war immer auch ein luxuriöser Logenplatz der chaotischen deutschen Geschichte, man saß praktisch mit dem Opernglas da und schaute zu, wie die Reiche kamen und gingen. Seine prominente Lage am Pariser Platz rückte es immer wieder in den Brennpunkt des turbulenten Geschehens. Wer immer durchs Brandenburger Tor marschierte, lief auch am Adlon vorbei. Und während das Volk draußen jubelte oder schoss oder im Gleichschritt randalierte, saß drinnen die Elite bei zehnstündigen Soupers zu Tisch und verdrückte unfassbare 74 Gänge, wie sich Kellner Paul Hetzer erinnert. Nur ein US-Milliardär durfte nicht zulangen: „Rockefeller habe ich beim Frühstück erlebt, zusammen mit seinem Arzt, seinem Anwalt, zwei Sekretärinnen und einem Mitarbeiter der Börse. Als er sich eine Scheibe Toast nehmen wollte, hielt ihn sein Arzt davon ab. Dieser schrieb ihm genau vor, was er essen durfte.“

Mit reichen Amerikanern machte auch ein junger Reporter namens Samuel („Billy“) Wilder so seine Erfahrungen, der spätere Hollywood-Regisseur hing in den 20er-Jahren öfter im Adlon rum, weil er für den Berliner Börsen-Courier die zugereisten Prominenten ausfragen musste (es tauchte später in seiner Berlin-Komödie „Eins, zwei, drei“ als „Hotel Potemkin“ auf). Klatsch-Journalismus war damals noch niedlich, Promis zerrten Journalisten nicht vor Gericht, sondern in die nächste Kneipe. Einmal sollte Wilder einen der reichsten Männer der Welt interviewen, den US-Milliardär Cornelius Vanderbilt Jr: „Er war im Adlon abgestiegen, und ich stellte ihm als Erstes die Frage, wie viel Geld er denn im Moment in der Tasche habe. Natürlich hatte er keinen Pfennig bei sich… Während des weiteren Interviews landeten wir bei ‚Aschinger‘. Vanderbilt aß drei Buletten und trank vier Bier – und ich musste für ihn bezahlen.“

Das Adlon zog die Reichen und Mächtigen aus allen Ländern an, es war vom ersten Tag an eines der modernsten und extravagantesten Hotels der Welt. Unter dem Dach befand sich die halbautomatische Wäscherei, in der Küche stand Deutschlands erste Geschirrspülmaschine, im Keller eine raffinierte Staubsauganlage, an die sämtliche Zimmer angeschlossen waren, es gab Rohrpost auf allen Etagen und Telefon in allen Zimmern, man hatte ein Notstromaggregat und einen eigenen Tiefbrunnen. Wer es sich leisten konnte, kriegte auch im Winter Erdbeeren serviert, sie wurden schon zu Kaisers Zeiten aus Holland eingeflogen. Die damals in Deutschland gänzlich unbekannte Mangofrucht ließ man von einem Boten aus London stückweise herschaffen. Der unerhörteste Luxus aber war etwas, auf das sogar der deutsche Kaiser in seinem scheußlichen Stadtschloss verzichten musste. Im Adlon hatten 140 der 300 Zimmer ein eigenes geheiztes, gekacheltes Bad, mit einem Doppelwaschbecken auf gedrechselten Bronzefüßen, einer Badewanne, einem Bidet, fließend Warm- und Kaltwasser und beheizten Handtuchhaltern.

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