DER GLÜCKSKEKS
Ausgerechnet dort, wo der Aufbruch Alltag ist und elf Millionen Menschen leben, wurde Blixa Bargeld zum Eremiten. In Peking kommt der Autor, Künstler, Sänger und Kopf der Einstürzenden Neubauten zur Ruhe
Schnauzbart und Halstuch, so kennt man den Schweizer Künstler. Weltruhm erlangte Meier mit seinem Elektropop-Duo Yello, das er Ende der 1970er mit dem Musiker Boris Blank gründete. Heute bezeichnet der Sohn einer Bankiersfamilie sich als „Individualanarchisten“. Und wenn er nicht gerade in Zürich oder der Welt unterwegs ist, findet man ihn vermutlich auf seiner Biofarm in Argentinien.
Für PARK AVENUE traf er Blixa Bargeld in Peking vor einem Vierteljahrhundert im Berliner „Chaos“ zum ersten Mal traf, war er gut auf Tempo und hat einem apathischen Nick Cave und der Bargeld-Gemeinde, die in dieser Dienstagnacht an seinen Lippen hing, die abendfüllende Revue „Life and Art according to Blixa Bargeld“ vorgeführt, bis die Morgensonne ihre langen Finger unanständig ins Lokal streckte. Das Vogelgezwitscher der Großstadt erinnerte die Damen und Herren, die jetzt blinzelnd aus dem Laden brachen, mit kleinem Hohn daran, dass sie den Tag nicht so munter beginnen würden wie die Spatzen, sondern wohl eher mit dem Tanz der glühenden Ameisen im Hinterkopf und jenem Wodkapelz im Maul, der nur mit großem Wassersaufen und erst am Nachmittag wegzuschwemmen war. In jungen Jahren schon hatte Christian Emmerich die Kunstfigur Blixa Bargeld erfunden und inszenierte sie „Abend für Abend“ (Hazy Osterwald, „Kriminaltango“, 1958) für den großen Auftritt in den Kneipen von Kreuzberg bis Charlottenburg. Mit einem satten Strich Mascara unter den Augen, den androgynen Beinchen in knallengen Lederhöschen und Haarsträhnen, die sein Gesicht vom Mittelscheitel fallend umrahmten, hatte sich der Hohepriester der schnellen Nächte zwischen Karl Valentin und Nosferatu eingependelt. Er zelebrierte das Evangelium seines Aufbruchs im sokratischen Dialog, wobei er, mehr Hektiker als Dialektiker, die jeweiligen Antithesen gleich selber einbrachte, damit niemand den Monolog unterbreche, der sich – „Siebenmal in der Woche“ (Vico Torriani, 1957) – sommers wie winters in den Berliner Morgen hineinzog, bis „Die dämmernde Frühe mit Rosenfingern erwachte“ (Homer).
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Der biedere Schweizermeier war schwer beeindruckt und durchaus verunsichert, wenn unser Prediger der Nacht seine Dekrete mit großem Gestus und scharfer Sprache direkt in den Berliner Marmor ätzte und die Tafeln seinen Jüngern vor die Füße knallte, dass ihnen angst und bange wurde. 25 Jahre sind ins Land gezogen, die DDR gibt’s nicht mehr, das kommunistische Weltreich ist in Sekunden implodiert, Berlin ist eine an dere Stadt, Blixa steht bei Zadek auf der Bühne des Staatstheaters und lebt in Auftritten als Sprachperformer sein dadaistisches Omen. Die Neubauten haben den permanenten Einsturz als Kunstprinzip ästhetisiert, und ihr Sänger durchmisst unseren Planeten im Monatsrhythmus als Pendler zwischen Peking, San Francisco und der alten Heimatstadt Berlin. Mein Leben lang ließ der Klang des Namens Peking Bilder aus Staubs Kinderbüchern erscheinen, die mir die Großmutter als ersten Blick in fremde Welten mehrmals täglich vorlesen musste. Und jetzt war ich da, und beim Eingang zum besten „Luxuschinesen“ (Blixa Bargeld) im Park Hyatt Hotel stand er da, leibhaftig und im Maßanzug, Mister Blixa Bargeld, die Ikone des deutschen Undergrounds, in deren Darbietungen der kontinentaleuropäische Rock eine seltene Identität gefunden hatte und nicht mehr als kopierte Importware sein wie immer virtuoses, aber wurzelloses Leben aus zweiter Hand fristete.
Der Spinnengliedrige hatte einen stattlichen Herrn geboren, der mich in feinem Tuch, in Shanghai auf den Leib geschneidert, und mit den stechend flackernden Augen von Kreuzberg musterte und nach einer Kunstpause begrüßte, als seien die Jahrzehnte seit dem letzten Treffen in der Hauptstadt gerade mal drei Ohrfeigen weit weg. Die Frivolität der bewusst klischierten Grußformel „Hallo Blixa, altes Haus, gut siehst du aus“ hatte ich mir in Erinnerung an frühere Befindlichkeiten des Künstlers im letzten Augenblick versagt und entschied mich für die weniger riskante Standardform „Guten Abend, Blixa, long time no see“. Blixa stellte mir seine Gemahlin Erin Yier Zhu vor, eine elegante, groß gewachsene Dame mit überwachen Augen, die mit ihren Eltern vor 20 Jahren dem Grauen der Kulturrevolution entfloh und nach Studien an der Stanford University jetzt in der IT-Branche arbeitet und mit ihrem deutschstämmigen Gatten nach China zurückgekehrt war, um hier einen Ableger ihres Unternehmens zu leiten.
Ich kam kaum dazu, mein kleines Gastgeschenk zu überreichen, da Blixa seine perfekt schwarz lackierten Fingernägel wie ein Schamane in die Luft warf und sofort dort weiterdozierte, wo er zehn Jahre vor dem Mauerfall aufgehört hatte, nur dass seine Weltsicht jetzt auch Peking einschloss, weshalb ich ja ins Reich der Mitte gereist war. Hinter einer Glaswand hantierten Köche mit Pfannen und Messern, als probten sie eine Zirkusnummer, und Frau Bargeld teilte dem Kellner in geflüstertem Mandarin die Speisenfolge mit, für die sie sich heute Abend entschieden hatte. Bargeld schätzt es, dass für ihn so kundig bestellt wird. Ein chinesisches Essen müsse über den Gaumen das Hirn mit Abwechslung wachhalten und entzücken. Die europäisch-kaukasische Kultur, die dem Esswilligen einen Teller mit einer einzigen Speise vorsetze, sei spätestens nach dem dritten Happen langweilig und wohl eher eine Abfütterung mit Sättigungsbeilage, als dass sie die Geschmacksnerven zur letzten Lockerung hochkitzle.
Seit 2003 befindet sich der deutsche Künstler auf einer „endlosen Hochzeitsreise“ und ist in Peking im staubig-heißen Sommer 2005 nicht aus kosmopolitischen, sondern aus makroskopischen Gründen hängen geblieben. Im Altstadtviertel Xicheng wurde die Bleibe des französischen Kulturattachés frei, ein Haus im klassischen Stil mit Innenhof, das dem hier in China nach innen gerichteten mehr entspricht als ein Penthouse in Shanghai, jener Boutiquen- und Club-Stadt, von deren Tingeltangel er die Schnauze genauso randvoll hatte wie von München schon nach zweitägigen Tourneebesuchen mit den Neubauten. Peking sei seit je die Stadt der Kunst und des Geistes, während in Shanghai sich alles nach außen richte, auf den großen Show-off im letzten Fummel von Prada und der gleichen Fendi-Tasche, die auch in Chicago und Oberhausen Modegeplagten die Illusion von Stil vorgaukeln, für die sie weltweit den sauer verdienten Rubel abdrücken, auf dass sie sich gleichen wie ein Ei dem anderen.
Was er meint: In ganz China, auch in seinen Weltstädten, gehen die Leute im Pyjama auf die Straße, eine alte Sitte, die der Regierung aus falscher Scham vor Rückständigkeit peinlich ist und die deshalb mit hohen Bußen bis zu den Olympischen Spielen 2008 endgültig ausgerottet sein soll. Tatsächlich sieht man in Peking Menschen mit zerzaustem Betthaar im erwähnten Gewand die Innenstadt abschreiten. Ganz anders in Shanghai, wo Männer und Frauen in eigens für den Ausgang angefertigten Schlafanzügen auf den Bus warten wie Banker im Pinstripe in der City of London. Blixa Bargeld, über Jahrzehnte als Musiker durch die Lande vagabundierend, ist von Natur aus ein sesshafter Seiltänzer. „Hier in Peking komme ich zur Ruhe, bin ich einer Kultur ausgeliefert, ohne sie zu konsumieren. Ich genieße das Privileg, zwischen Europa und China zu pendeln. Dort bewege ich mich nach außen, hier nach innen. Durch die Schriftzeichen der Sprachwelt, die ich mit einer Chinesischlehrerin täglich zwei Stunden lang betrete, lerne ich ein anderes Denken, in eine andere Kultur einzutreten. In der Stadt aber bleibe ich ein Fremder, und was mich hier umgibt, dringt nicht wie in Berlin in mich ein, ob ich will oder nicht.
