Die Schauspielerin spricht über ihre Rolle als Vergewaltigungsopfer im Film "Anonyma"
NINA HOSS
Ihr neuer Film „Anonyma – Eine Frau in Berlin“ (Start: 23. Oktober) erzählt von den Massenvergewaltigungen durch russische Soldaten kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Wie viel wussten Sie vorher über dieses Thema?Viel zu wenig, wie wahrscheinlich die meisten. Auch mit der Thematik des Russ landfeldzugs habe ich mich so richtig erst bei den Vorbereitungen beschäftigt. 27 Millionen Tote hat es dort gegeben. Was für eine unbeschreibliche Zahl! Da sind zwei Weltordnungen aufeinandergetroffen: die arrogante Herrenrasse, die sich besser als alle andern wähnt, und auf der anderen Seite Menschen, die eigentlich gar nicht verstehen, warum man in ihr Land eindringt.
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Wie konnten Sie die Gewaltszenen für Ihre Rolle greifbar machen?Das erarbeitet man sich, indem man viel liest, andere Filme anschaut, vor allem Dokumentationen. Ich habe mir zum Beispiel Dokumentationen über den Jugoslawienkrieg angesehen. Denn Vergewaltigungen sind ein Kriegsmittel, das durchaus heute noch angewendet wird, im Kongo und fast überall, wo Krieg stattfindet. Durch die Vergewaltigung der Frauen sollen eigentlich die Männer erniedrigt werden. Die Männer, die aus dem Krieg nach Hause kommen, wollen aber davon gar nichts wissen. Das bringt die Frauen in eine unglaublich schwierige Lage! Deswegen schweigen sie darüber. Wenn man sich damit beschäftigt, kommt man dem schon nahe, was jemand erlebt haben muss.Sie gelten als eine der wichtigsten Charakterdarstellerinnen in Deutschland. Woher haben Sie dieses Talent?Ich habe nie aufgehört, Theater zu spielen. Deswegen habe ich mit diesem Beruf überhaupt angefangen: Weil ich Bühnenschauspielerin werden wollte. Ich habe schon als Kind in mir eine Leidenschaft entdeckt, dass ich mich ausprobieren möchte, in andere Biografien eintauchen will. Ich bin neugierig auf Figuren, auf Menschen. Das ist mein Antrieb.Sie wirken immer so, als ob Sie das Rampenlicht eher scheuen.Das wird mir ein wenig nachgesagt, aber dem ist nicht so. Ich brauche die Bestätigung, sonst wüsste ich nicht, warum ich das alles mache. Ich will ja Menschen berühren oder zum Nachdenken oder Lachen bringen – das ist mein Motor. Ich wehre mich gegen gar nichts, was diesen Beruf ausmacht, auch nicht gegen den roten Teppich! Ich habe Freude daran.Haben Sie Ambitionen, auch ausländische Filme zu drehen?Ja, sehr! Ich habe auch schon ein paar Castings gemacht, aber bisher war noch keine gute Rolle dabei. Die Figur muss keine tiefgehende Intellektualität haben, es kann auch etwas Schräges oder Verrücktes sein, selbst Action. Nina Hoss prügelt sich vor der Kamera? Oh ja, das würde ich sogar unheimlich gern mal machen!