"Ja, ich habe Talent"

Der Australier NICK CAVE, 50, bringt mit seiner Musik Herzen zum Denken. Wer davor keine Angst hat, wird auch von "Dig!!! Lazarus Dig!!!", seinem 25. Album, begeistert sein.

 

Wenn Sie auf Ihr Werkverzeichnis blicken, was sehen Sie? Ein rasantes Auf und Ab, ein neugieriges Herumirren? Es ist nett zu sehen, wie viel da zusammengekommen ist. Aber spielen würde ich die meisten Sachen nie wieder, nicht für viel Geld. Ich produziere ein Album, schicke es in die Welt hinaus, und dann kümmere ich mich um das nächste. Ich bin kein Zurückblicker. Haben Sie Angst, sich sonst wie ein Museumsstück zu fühlen? Komisch, dass Sie das fragen. Denn gerade habe ich meinen Keller aufgeräumt und viel Zeug dem Performing Arts Museum in Melbourne gestiftet. Noten, alte Instrumente, Bühnenklamotten. In der Ausstellung konnte man auch Kylie Minogues berühmte goldene Hotpants sehen – lauter erstklassige Nationalheiligtümer. Sie haben mal gesagt, Überraschungen seien die einzige Konstante in Ihrer Karriere… Weil ich andere damit überrasche, dass ich überhaupt irgendwas hinkriege…? Vielleicht wollten Sie sagen, dass Sie nicht bloß Erwartungen bedienen. Klingt gut. Klar, so hatte ich das bestimmt gemeint. Und ich sehe keinen Grund, nicht weiter spannende Musik zu schaffen. Manche überrascht das, wahrscheinlich weil sie sonst nur schlechte Musik hören – oder sie tun so, als dürfte man mit 50 Jahren keine schwungvollen Songs spielen… Ich bin kein bisschen überrascht. Ich weiß ja, dass ich ein talentierter Junge bin! Werden Sie Ihr Talent auch wieder in anderen Formen beweisen? Einem Film, einer Musikrevue? Ich bin Künstler! Natürlich kann ich mich in verschiedensten Formen ausdrücken! Okay, manches kann ich besser als anderes. Ich kann ein Drehbuch schreiben, aber ich bin kein guter Schauspieler. Meine Lust am Scheitern ist begrenzt.

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Heißt das, es gibt Sie nur noch als Komponisten und Musiker? Heißt es nicht. Womöglich schreibe ich ein Theaterstück. Ich habe eine Idee. Aber pardon, sie ist so gut, ich kann sie unmöglich erzählen, nicht mal andeuten. Sie würde sofort geklaut. Und ich glaube, ich werde nach „Und die Eselin sah den Engel“ noch ein Buch schreiben. Sind Sie beim Schreiben ein fleißiger Arbeiter? Ein disziplinierter Handwerker, das bin ich: täglich von 9 bis 17 Uhr. Ich finde, dass Komponieren so ziemlich das Schwerste ist, was man sich vornehmen kann – das Album aufzunehmen ist ja nichts dagegen! War es für „Dig!!! Lazarus Dig!!!“ auch reine Schufterei? Echt hart war es. Auch weil ich ganz fest entschlossen war, es anders werden zu lassen als die Alben vorher. Das hat mich etwas verkrampft gemacht. Ich schrieb und schrieb, aber alle Songs klangen wie Songs von anderen Alben, alles erinnerte mich an etwas, das ich früher geschrieben hatte. Ich hatte lange Zeit das blöde Gefühl, ich hätte mich verlaufen. Dann musste ja auch noch so viel getextet werden. Stimmt, das ist ein Album mit unendlich vielen Wörtern. Offenbar hatte ich viel zu sagen. Der Titel weist auf eine tiefe Faszination für die biblische Figur des Lazarus hin, Patron der Metzger, der Totengräber, Bettler und Aussätzigen… Das reicht in meine Kindheit zurück. Lazarus fand ich faszinierend, aber auch beunruhigend. Dieser Typ, der tot ist, aber noch herumläuft wie ein Zombie, das hat mich erschreckt, echt gruselig. Lesen Sie Ihren jüngeren Söhnen, den siebenjährigen Zwillingen, auch manchmal schön-schreckliche Märchen vor? Nein, ich erfinde viel lieber Geschichten für sie. Und spiele sie ihnen dann vor. Singen Sie auch für Ihre Jungs? Klar tue ich das. Mögen die beiden das? Aber ja! Hören Ihre Söhne denn schon Popmusik von jener Sorte, die Sie selbst herzlich verachten? Aber sicher! Dieses „High School Musical“, absolut grauenvoll! Und unvermeidlich. Ich gebe mir Mühe, sie in andere Richtungen zu lenken, schon um meiner eigenen Gesundheit willen. Sie lassen sich auch Nirvana und die Ramones gefallen, und vor Kurzem haben sie John Coltrane für sich entdeckt – es gibt also noch Hoffnung.

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