Woll-Lust

Strick war lange Zeit das ungeliebte, unelegante Stiefkind der Mode. Bis letztes Jahr plötzlich voluminöse Wollpullis und Strickjacken auf allen Laufstegen auftauchten. Die mehrfach preisgekrönte Berliner Designerin Lisa Tjelma Winkel beweist nun mit ihrem Label Tjelma, dass der neue Stricktrend mit spießigem Zopfmuster rein gar nichts mehr zu tun hat.

 

In Ihren Kollektionen verarbeiten Sie hauptsächlich Strick. Wie sind Sie auf dieses Material gekommen? Schon während des Studiums habe ich manche Nacht an den Handstrickmaschinen der UdK verbracht. Die Technik hat mich fasziniert. Zur Aufnahmeprüfung bei Vivienne Westwood habe ich mir dann den ersten Pulli gestrickt. In grün und gold. Vivienne hat mich dann während des Studiums ermuntert und ich habe noch viele komische Dinge gestrickt. Von Industriestrick konnte ich während des Studiums nur träumen. Ich verdanke im Strick alles dem Eigentümer der Strickmanufaktur Zella in Thüringen. Er hat mir die Chance gegeben, dort zu lernen und ich hatte alle Möglichkeiten, meine Entwürfe umzusetzen. Heute eine solche Firma in Deutschland zu finden, gleicht einem Wunder. Zwei komplette Kollektionen habe ich mich ausschließlich auf Strick konzentrieren können. In der Winterkollektion 2008/09 habe ich nun erstmals wieder ergänzend zum Strick mit Stoffen gearbeitet. Strick wird immer ein wichtiger Teil meiner Arbeit sein. Die Möglichkeiten sind herrlich und unerschöpflich.

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Was muss man bei der Strickverarbeitung beachten? Die Entwicklung im Strick dauert viel länger als bei Webware. Im Stoff kann ich den Schnitt für das Material gestalten und es muss nur noch genäht werden – fertig. Ich habe den Stoff als fertige Ware vor mir und weiß, wie er sich verhält. Beim Strick gibt es viele Faktoren, die stimmen müssen, damit ein Kleidungsstück am Ende funktioniert. Das fängt beim Garn an und hört bei der Ausrüstung auf. Beim Strick ist jeder Quadratzentimeter Verschnitt ein Unding. Bei Webware dagegen ist ein gewisser Verschnitt normal und kalkulierbar. Selbst wenn der Schnitt und das Gestrick für sich einzeln perfekt sind, kann es viele Durchläufe kosten, bis alle Festigkeiten und Maße stimmen und richtig programmiert sind. Aber wenn es dann soweit ist, kann am man die Teile dafür endlos laufen lassen und hat in der Konfektion kaum noch Arbeit.

In den letzten Jahren hat sich die Kleiderproduktion immer mehr ins Ausland verlagert. Sie hingegen arbeiten bewusst mit einer Strickmanufaktur aus Thüringen zusammen und achten auf ökologisch korrekte Materialien. Glauben Sie, dass dieser hohe Anspruch ein neuer Trend in der Modewelt ist? Sicher ist, dass ein Öko-Image gerade sehr in Mode ist. Manchmal frage ich mich allerdings, ob die Leute auch Bio kaufen würden, wenn sie ihre LOHA-Produkte in einer Alditüte nach Haue tragen müssten. Es ist doch Wahnsinn, wenn ein Produkt aus pestizidfreier Baumwolle in Bangladesh fair produziert wird, um anschließend um die Welt geflogen zu werden und damit dem Energiebedarf einer Näherin dort entspricht. Auf die Co2-Bilanz der Tjelma Produkte bin ich da richtig stolz. Es ist eine Selbstverständlichkeit, mit der Umsetzung meiner Entwürfe niemandem auszubeuten oder die Umwelt zu unnötig zu belasten. Das gilt übrigens auch für die Handhabung von Praktikanten. Der Umgang mit Praktikanten und die Doppelmoral in der Modebranche sind widerlich.

Sie waren an der UdK in Berlin Schülerin von Vivienne Westwood. Was war das Wichtigste, was sie Ihnen mit auf den Weg gegeben hat? Dass es einem egal sein sollte, was andere von einem Denken. Dass man Originalität nicht geschenkt bekommt, sondern sich nur mit viel Disziplin erarbeiten kann. Und nicht zuletzt: Dass Kopieren ein Tabu ist. Wer ist Ihr Vorbild? Seit ich Mode denken kann Dries van Noten. Es ist auch der Einzige, bei dem ich mich nach dem Studium beworben habe. Ich absolvierte gerade mein gewonnenes Praktikum bei Mustang und bekam eine Absage. Damals war ich sehr traurig. Sie haben schon eine Auszeichnungen für Ihre Kollektionen erhalten, darunter den renommierten Moet & Chandon Fashion Debut-Preis. Was ist Ihr nächstes Ziel? Große Träume sollte man nicht aussprechen, sondern lieber für sich behalten. Aber es gibt da sehr konkrete.

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