Wolke 9

Explizite Sexszenen waren nicht der Grund für das Aufsehen, das Andreas Dresen mit "Wolke 9" erregte. In dem bewegenden Seniorendrama bricht er mit gängigen Sehgewohnheiten und ästhetischen Konventionen

 

Hämmernd geht der Takt der Nähmaschine. Inge (Ursula Werner) sitzt mit gebeugtem Kopf über den Stoffbahnen. Wenig später steigt sie in die Bahn und steht vor Karls (Horst Westphal) Tür. Sie sei ohnehin in der Gegend gewesen. In der Wohnung wird umständlich der Sitz der geänderten Hose überprüft, aber die verstohlenen Blicke und Berührungen verraten den eigentlich Grund des Besuchs: Inge begehrt diesen Mann. Wenige Augenblicke später wälzen sich die beiden nackten Körper auf dem Wohnzimmerboden.

Diese sehr explizite Sexszene war keinesfalls der Grund, weshalb Andreas Dresen mit seinem neuen Film „Wolke 9“ so viel Aufsehen erregte und in Cannes den Sonderpreis „Coup de Coeur“ erhielt. Der Regisseur von „Sommer vorm Balkon“ bricht mit seiner Geschichte Seh- und Erzählgewohnheiten, indem er sie ohne Rücksicht auf Jahrgänge und somit ästhetische Konventionen erzählt:
Inge geht auf die 70 zu und ist seit über 30 Jahren mit Werner (Horst Rehberg) verheiratet. Ob sie sich einen Jüngeren geangelt habe, fragt dieser später wütend und gekränkt. Doch Liebhaber Karl ist bereits 76. Die aufkeimende Leidenschaft zwischen den beiden Senioren ist ebenso unerwartet wie unerhört, führt Inge doch eine, nach so vielen Jahren naturgemäß etwas festgefahrene, aber dennoch funktionierende und liebevolle Ehe. Ein ruhiges, bescheidenes Rentnerdasein zwischen Frauenchor und Fernsehabend. Doch ihr Leben gerät aus den Bahnen, die Hormone spielen noch einmal verrückt. Dem Rat ihrer Tochter zum Trotz, fasst Inge den mutigen Entschluss, sich zu trennen. Doch eine Trennung, so scheut sich Dresen nicht zu zeigen, hat ab einem gewissen Alter andere Konsequenzen.

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Das Thema Liebe und Sexualität im Alter wird insbesondere im Kino weitestgehend ignoriert. Der Grund für die Aussparung, ja vielleicht sogar Tabuisierung, liegt nicht nur an vorherrschender gängiger Ästhetik, die den Filmemachern Bilder perfekter, junger Körper vorschreiben, sondern nach Meinung Andreas Dresens ganz klar an der Angst vor dem eigenen Verfall. Doch so betroffen der Film den Zuschauer am Ende auch hinterlässt, Dresen befürwortet die aktive Auseinandersetzung mit dem Älterwerden und sieht dem letztlich gelassen entgegen, da das „ein Teil des Lebens ist, in dem es sehr viel Schönes zu erfahren gibt“.

Faszinierend, wie Andreas Dresen mit Fingerspitzengefühl und Einfühlsamkeit seine gealterten Schauspieler trotz ungeschönter Bilder von Falten, Altersflecken und schlaffer Haut zum Strahlen bringt.


Estelle Marandon






Regie: Andreas Dresen
Darsteller: Ursula Werner, Horst Rehberg, Horst Westphal, Steffi Kühnert
Filmstart: 04.09.2008
Laufzeit: 98 Minuten
Drama


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