Andreas Dresen: "Die haben sich sofort ausgezogen"
Andreas Dresen mag kein "allgemeines Gestöhne". Er will schon genauer wissen und vor allem zeigen, was da unter den Laken passiert. Somit bekommt man es in seinem neuen Film "Wolke 9" mit äußerst unverblümten Sexszenen zu tun. Das allein wäre in einer sexüberfrachteten Zeit wie der unseren normalerweise kaum eine Erwähnung wert, handelte es sich bei den Liebenden nicht um Personen, die sich bereits im Spätherbst ihres Lebens befinden. Im Gespräch mit PARKAVENUE.DE erzählt Andreas Dresen von der Angst vor dem Verfall, Nacktheit am Set und dem munteren Sexleben einer Großmutter.
PARKAVENUE.DE: Sie haben für Ihre Filme bereits viele Erfolge feiern und Preise entgegen nehmen dürfen. Für Ihren neuen Film „Wolke 9“ wurden Sie in Cannes mit dem „Coup de Coeur“ geehrt. Welche Rolle spielen Preise für die Arbeit und das Selbstbewusstsein? ANDREAS DRESEN: Billy Wilder hat mal gesagt, Filmpreise sind wie Hämorriden, irgendwann kriegt sie jedes Arschloch (lacht). Das finde ich einen ziemlich guten Spruch dazu. Es ist ja fast peinlich keinen zu bekommen, weil es so unendlich viele Festivals und Möglichkeiten gibt. Aber wenn man dann wirklich keinen kriegt, muss man sich auch keine grauen Haare wachsen lassen. Letztendlich ist da viel vom Glück abhängig. Wie lebt es sich denn mit dem Starrummel, den solche Preise ja sicherlich nach sich ziehen?Ich wohne immer noch in der gleichen Mietwohnung in Potsdam, wie vor zwölf Jahren schon. Ich gehe in den gleichen Läden einkaufen. Mein Freundeskreis hat sich nicht wesentlich verändert. Die Außensicht bekomme ich nicht so mit, ich spüre es nur in der Resonanz und im Interesse für die Filme. Auf der anderen Seite wächst natürlich der Erwartungsdruck. Damit muss man auch umzugehen lernen. Man muss versuchen, das ab einem bestimmten Punkt auch wieder zu vergessen und sich in der Arbeit zu befreien, denn Angst ist natürlich kein guter Ratgeber. Aber wenn man ehrlich ist, hat man natürlich Angst beim Produzieren. Ich habe auch tausend Ängste, weil ich schließlich mit dem Geld fremder Leute operiere. Die möchte man als Regisseur natürlich nicht enttäuschen, ganz klar.
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Der Rote Teppich gehört zur Filmwelt dazu. Ist das für Sie im wahrsten Sinn ein rotes Tuch oder ein angenehmer Teil des Berufes?Also meistens gehe ich in den Schneideraum und nicht über den Roten Teppich. Und wenn man die Branche kennt, dann weiß man auch, dass die meisten Kollegen es auch eher ein bisschen albern finden. Dieses Rote Teppich-Gehabe ist nur ein verschwindend kleiner Teil der Auseinandersetzung mit dem Beruf, das muss man einfach mit einer gewissen Gelassenheit nehmen. Als ich das erste Mal über den Roten Teppich überhaupt gegangen bin, das war bei der Berlinale 1999 mit „Nachtgestalten“, gemeinsam mit meinem Produzenten Peter Rommel, da waren wir beide pleite und die Berlinale war unsere letzte Chance, überhaupt noch in dieser Filmbranche zu überleben. Wir hatten beide geborgte Anzüge und da latscht man über so einen Teppich und die Leute stehen und gucken und denken „Wow, die haben’s geschafft“ und in Wirklichkeit sieht es ganz anders aus. Also man sollte das mit höchster Vorsicht genießen.
Wie kamen Sie zum Film bzw. zur Regie? Ich war Amateurfilmer und habe Super-8-Filme gedreht. Mein Vater hatte mir in den 70er-Jahren so eine alte Schmalfilm-Kamera geschenkt und dann habe ich irgendwann angefangen, mit Freunden kleine Geschichten zu erzählen. Das hat uns so viel Spaß gemacht, dass ich dann irgendwann den Wunsch hatte, dieses Hobby zum Beruf zu machen und mich in Babelsberg an der Filmhochschule beworben habe. Das war im Osten so ziemlich die einzige Möglichkeit in den Filmberuf überhaupt rein zu kommen. Es war ein sehr langwieriger Prozess: Ich habe mich 1981 das erste Mal dort beworben und 1986 habe ich angefangen zu studieren. Das sagt eigentlich alles. Man braucht schon einen gewissen Langmut, wenn man in diesen Beruf rein will und auch eine gewisse Leidensfähigkeit, sonst wird’s nüscht.Ihr Film Wolke 9 handelt von Liebe im Alter, ein sehr unkonventionelles Thema. Wie kamen Sie darauf? Ich hatte Mitte der 90er-Jahre einen sehr schönen Dokumentarfilm eines sehr guten Freundes gesehen. Der hieß „Die Männer meiner Oma“ und begann mit der schönen Schrifttafel: „Mein Produzent wollte einen Film über Sex. Machen wir, sagte meine Oma“. Und dann sieht man die 78-Jährige Großmutter über die Männer ihres Lebens reden und über den Sex, den sie auch jetzt noch hat. Sie sagt zum Beispiel, dass sie, bis sie 77 war, immer noch, wenn sie von ihrem Arzt gekommen ist, masturbiert hat – den fand sie so schick. Später hat sie dann doch aufgehört, sie hatte einen Herzinfarkt und wollte nicht auch noch daran sterben. Da war ich schon ein bisschen platt, weil ich bis dahin auch der landläufigen Auffassung war, na ja, mit 60, da ist mit dem Sex dann wohl Feierabend. Da hat man eh keinen Bock mehr drauf oder man kriegt ihn nicht mehr hoch. Da musste ich mich dann doch eines besseren belehren lassen.
Über das Thema Liebe und Sex im Alter wird kaum gesprochen, noch weniger gibt es Filme dazu. Was meinen Sie, woran das liegt? Angst. Angst vor dem Verfall, mit dem man dann konfrontiert wird und damit Angst vor dem Tod. Ganz klar. Wir haben Angst uns mit dem Fakt zu konfrontieren, dass es irgendwann mal zu Ende geht, wir mögen dem nicht ins Auge sehen, deswegen tun wir so als ob wir ewig jung bleiben können, wir müssen irgendwelchen merkwürdigen Schönheitsidealen gehorchen. Männer müssen einen Waschbrettbauch haben, was ihnen im seltensten Fall gelingt, und Frauen fangen an, sich ihre Falten mit Botox wegzuspritzen. Irgendwann, reich oder arm, fallen wir alle in die Grube. Deswegen hat man, glaube ich, diese Bilder nicht so gern. Aber ich finde es dennoch wichtig, denn wir werden nun mal alle im günstigsten Fall älter und sollten dem auch gelassen ins Auge schauen, weil das unter Umständen auch ein Teil des Lebens ist, in dem es sehr viel Schönes zu erfahren gibt. Die Hauptfigur in Ihrem Film ist Ende 60 und verlässt nach 30 Jahren Ehe ihren Ehemann für einen Mann, der auf die 80 zugeht. Vernunft steht hier gegen Leidenschaft. Wofür würden Sie sich entscheiden? Oh, das kann ich ganz schwer sagen. Schwer... die Hölle. Ich wünschte, ich hätte die Stärke wie sie, so ehrlich zu sein und nicht zu lügen. Na ja, sie lügt ja auch, eine bestimmte Strecke des Weges, aber tut es dann nicht weiter. Ich finde die Konsequenz, mit der sie diesen Weg geht schon recht beeindruckend, auch den Mut.
Wie stellen Sie sich Ihr Liebesleben vor im Alter? Ich hoffe, so wie bei unseren Figuren: Dass es noch richtig abgeht! (lacht)Apropos abgehen. Der Film zeigt viele Nackt- und Sexszenen. War es schwer Schauspieler in dem Alter zu finden, für die das kein Problem ist? Das war überhaupt nicht schwer. Ich habe die drei gefragt und die wollten’s machen.Waren die Sexszenen am Set problematisch? Sie zeigen das ja alles ziemlich unverblümt... Es ist eine komplizierte Angelegenheit, aber das wäre es auch mit jüngeren Schauspielern. Ich finde Sexszenen immer schwer zu drehen. Normalerweise gehören zum Sex üblicherweise zwei Leute und mehr nicht. Und kein Filmteam. Ich musste für mich auch lernen, Schauspielern, die 20, 30 Jahre älter sind, Dinge über Sex zu sagen und was sie da machen sollen. Das erfordert schon eine gewisse Überwindung. Auf der anderen Seite hatten wir uns oft genug vorher darüber unterhalten. Als wir an den Drehort kamen, sagte ich dann natürlich, lasst uns das erstmal angezogen probieren, langsam, langsam. Die haben sich aber sofort ausgezogen. Wie darf man sich das vorstellen? Horst Westphal rannte irgendwann nackt durch die Wohnung, um sich einen Kaffee zu holen und sagte dann „Jetzt wo die Kamera nicht läuft, fühle ich mich richtig nackt“. Die Kamera ist ja auch ein Schutz, man arbeitet miteinander. Ich hatte mich irgendwann sehr schnell daran gewöhnt, dass die Schauspieler nackt sind. Da ich ja auch keine allgemeinen Sexszenen haben wollte... ich kann das nicht leiden, wenn so „Allgemein-Sex“ gezeigt wird, also allgemeines Gestöhne, Walle-Walle-Laken und Hand-krallt-sich-in-Rücken, diese Nummer. Wenn man nicht richtig weiß, was die eigentlich machen. Ich will schon wissen, ob sie ihn jetzt stimuliert oder er sie oder was. Viel schwerer fand ich eigentlich die Szenen, in denen die Figuren sich nicht physisch, sondern seelisch nackt machen. Das war eigentlich ein viel komplizierterer Prozess, auch für die Schauspieler.
Der Film macht einen als Zuschauer unheimlich betroffen. Wie war die Stimmung am Set? Ach, wir haben auch Spaß gehabt. Natürlich hängt das von der Szene ab. Wenn man wirklich existentielle Momente dreht, zum Beispiel, wenn Inge die Szene spielt, in der sie die Todesnachricht erhält, dass das kein lustiger Drehtag war, das kann man sich ja ausrechnen. Auf der anderen Seite haben wir auch ganz viel Blödsinn gemacht, es war ja auch nur ein ganz kleines Team, insgesamt sieben Leute. Wonach entscheiden Sie, was für einen Stoff sie drehen? Oft sind es Gegenbewegungen. Man hat den einen Film gemacht und dann sucht man nach einer anderen Tonlage. Ich würde nie zweimal hintereinander das Gleiche machen. Ich habe jetzt wieder einen Film gemacht nach einem Buch von Wolfgang Kohlhaase, bei dem die Stimmungslage ähnlich ist wie bei „Sommer vorm Balkon“, aber auch wieder ganz anders. Ich mache sehr gerne ganz verschiedene Dinge hintereinander, weil ich das für mich als eine Herausforderung empfinde, unterschiedliche Spiellagen und unterschiedliche Stimmungslagen zu testen. Und für diese Geschichte war uns klar, wenn man nicht in so einen Schmus verfallen will, dass man sagt, es wäre genau das selbe sich mit 80 zu verlieben, als mit 40, dann muss man die Wahrheit sagen: dass es eben andere Konsequenzen hat, mit 70 verlassen zu werden. Das ist Teil dieser Erzählung. Deswegen gibt es in dem Film aber trotzdem Humor. Es werden ja auch dämliche Witze erzählt.
Schauen Sie sich Ihre eigenen Filme gerne noch mal an? Mit Publikum. Nicht alleine, alleine auf gar keinen Fall. Warum? Nein, das ist unerträglich. Das ist auch todlangweilig, ich hab sie ja oft genug gesehen. Aber mit Publikum dann schon. Ich bin da immer mit einem Ohr und Auge im Saal und nicht so sehr auf der Leinwand. Das dauert dann wieder eine Weile, ehe man den eigenen Film mit ein bisschen Abstand gucken kann. Am schönsten wird es eigentlich immer so nach ein paar Jahren, wenn man ihn lange nicht gesehen hat und vor allen Dingen selber nicht mehr so richtig weiß, was als nächstes kommt und man sich selber überraschen lassen kann... und dann erschreckt feststellt: Das ist doch irgendwie Mist, was man an der einen oder anderen Stelle so gemacht hat. Was schauen Sie sich gerne privat im Kino an? Ach, mein Herz ist groß. Ich gehe aber selten in Mainstream-Filme. Das ist nicht das, was mich primär interessiert. Ich gucke schon eher die so genannten Arthouse-Filme, die kleineren Filme. Da gibt es ja auch zum Glück so viel Gutes, dass man kaum hinterherkommt. Und natürlich das deutsche Kino, das, was meine Kollegen machen, interessiert mich auch.Und was steht jetzt an, was haben Sie vor, was sind die großen Ziele? Urlaub! Und ein Bier. (lacht)