Jürgen Vogel: "Zweifeln tue ich ganz oft"

Menschen, die er liebt, würde JÜRGEN VOGEL niemals die Schauspielerei ans Herz legen. Seiner Meinung nach sollte man besser Journalist werden. Bei PARK AVENUE...

 

PARK AVENUE.DE: Rainer Wenger, die Figur, die du in DIE WELLE spielst, ist in gewisser Weise unaufmerksam: Das zeigt sich anfangs, als er seiner schwangeren Frau Kaffee anbietet und schließlich in seinem Experiment, das sich verselbständigt. Ist dir schon einmal etwas außer Kontrolle geraten? JÜRGEN VOGEL: Ja, sicher habe ich auch schon Dinge falsch gemacht, aber ob ich die kundtue, ist die große Frage (lacht). Ich habe ja generell nicht so ein Mitteilungsbedürfnis außerhalb meiner Arbeit. Es gibt ein paar Leute, die sagen, das ist anders. Aber so wirklich zu erzählen und den Bogen von den Rollen zu mir persönlich zu ziehen, da weigere ich mich schon, seitdem ich in dieser Branche bin. Aber prinzipiell bin ich jemand, der viele Fehler gemacht hat und auch weiterhin Fehler machen wird. Das gehört zum Leben verdammterweise dazu. Und irgendwie ist es ja auch ganz gut. Überlegst du denn lange, wenn du Rollen annimmst? Das könnte ja auch ein "Fehler" sein. Ich kenne so ein Denken nicht. Was heißt Fehler? Alles, was ich gut finde, ist für mich persönlich schon mal kein Fehler. Und wenn andere scheiße finden, was ich mache, ist das noch lange kein Fehler für mich. Diese Bewertung von außen, da muss man auch sehr kritisch sein, weil das ein gefährliches Spiel ist. Tendenziell sollte man nicht versuchen, was zu machen, damit die anderen einen mögen, sondern etwas, das man gut findet. Das ist die Grundvoraussetzung, finde ich. Was wärst du denn ohne Schauspielerei geworden? Wahrscheinlich Journalist bei PARK AVENUE. (lacht)

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Eine Zeit lang hast du ja auch Musik gemacht. Warum hast du aufgehört? Ein Talent, glaube ich, hat der liebe Gott mir geschenkt, und das ist Performen. Als Schauspieler kann ich performen und vielleicht kann ich sogar auch als Mitglied einer Band Sachen performen. Dass ich Sänger bin, würde ich selber nie sagen. Ich bin Performer und dazu gehört Singen und Schauspielen. Ehrlich gesagt: Wenn die Jungs von der Band nicht so geil wären und das nicht so ein ehrliches Projekt gewesen wäre, hätte ich nie angefangen, mit der Band loszuziehen. Das hat auch damit zu tun, dass ich die alle total mag und wofür sie stehen. Ich bin Teil von denen und sie sind Teil von mir. Und wenn wir noch ne Platte machen würden, würde ich auch weiterhin Konzerte geben. Warum macht ihr es nicht? Die Jungs haben alle ihre eigenen Bands und jeder hat viel zu tun. Und das muss jeder für sich entscheiden, ob er sich so was wie eine All-Stars-Band leistet oder nicht. Willst du es? Ich find’s geil! Ich würd’s sofort machen, aber ich kann’s nicht allein. Deshalb muss jetzt der Druck von außen erhöht werden (lacht). Ich verfolge jetzt die nächste Taktik: mache es öffentlich und die Leute sollen bei Grand Hotel anrufen und sagen: "Ey, man, macht noch mal ne andere Platte!" So war es ein bisschen mit den Konzerten. Wir haben nach drei Jahren noch mal gespielt, weil ganz viele Leute wollten, dass wir noch mal auftreten. Ich habe aber keinen Bock, Stücke zu singen, die drei, vier Jahre alt sind. Da müsste ein eindeutiges Zeichen kommen, dass wir auch wieder neue Musik machen. Es war eine geile Zeit, hat total Spaß gemacht! Wie sieht es denn mit den Berufswünschen deiner Kinder aus? Wollen sie Musiker werden oder Schauspieler? Um Gottes Willen, die sollen was Anständiges machen! Was ist denn anständig? Journalist, man! (lacht) Naja, Schauspielerei, Musik, Tanzen und so, finde ich alles geil. Mein Sohn studiert in England an der Uni, meine Tochter ist gerade dabei, Abitur zu machen, mein anderer Sohn macht Mittlere Reife und meine andere Tochter geht in die vierte Klasse. So hundertprozentig wissen sie es, glaub ich, noch nicht, was sie machen wollen. Würdest du auch ein bisschen lenken wollen? Nein. Das muss jeder für sich selber finden. Aber wenn du jemanden liebst, rätst du ihm nicht, Schauspieler zu werden. Schon gar nicht deinen Kindern, die liebst du ja abgöttisch. Da willst du nicht, dass sie die gleiche Scheiße an der Hacke haben wie man selber bzw. wie andere, die man kennt. Diese Illusionen "be a star" und jeder kann Star werden, was immer verkauft wird, hat mit der Realität gar nichts zu tun.

Bist du ein Star? Ach quatsch! Das gibt’s doch in Deutschland auch gar nicht richtig. Wir haben allenfalls Glück, dass wir gut sind, aber dieses Star-tum haben wir nicht. Und das ist gut. Wir sind halt anders, sind sehr schwermütige Menschen und haben ein Problem mit diesem Glamourfaktor. Waren deine ersten Jahre als Schauspieler schwer? Naja, ich hab acht Jahre gedreht, bevor ich KLEINE HAIE gemacht hab. Das ist schon ne ganz schön lange Zeit: acht Jahre, 25 Filme. Da sind manche Karrieren schon zuende. KLEINE HAIE war der erste Kinoerfolg, wo man mich wahr genommen hat. Kino war damals ja auch nicht so erfolgreich. Ja, die ersten Jahre waren hart. Es gab auch nach KLEINE HAIE oft Löcher und ich wusste überhaupt nicht, ob und wie ich weitermache, weil es einem keiner sagen konnte. Kamen oft Zweifel auf, ob es der richtige Job ist? Auf jeden Fall. Und zweifelst du heute oft an dem, was du tust? Ja, zweifeln tue ich ganz oft. Ich bin jemand, der prinzipiell nicht mit allem zufrieden ist, was er macht. Deine Rollen bewegen sich häufig auf den Fluchtpunkt der Buße zu. Du bist derjenige, der für die Zuschauer leidet, ob es eine unheilbare oder psychische Krankheit ist. Warum diese Rollen? Das kann ich eigentlich nicht wirklich beantworten. Erstens werden mir diese Rollen eben angeboten. Zweitens bedeutet es im Kino genau das: Man kreiert Filmfiguren, z.B. James Dean-Figuren – ich will mich jetzt nicht mit James Dean vergleichen – Figuren, die in einer fast ausweglosen Situation sind, sind interessante Kinofiguren. Das ist es, wie Kino sich geschaffen hat. Wir wollen nicht sehen, wie der normale Postbeamte acht Stunden seinen Dienst macht, nach Hause geht, einen Roman schreibt und Erfolg hat, sondern wie Menschen in Ausnahmesituationen reagieren. Wie gehst du mit Ausnahmesituationen um? Ziehst du dich eher zurück? Das kommt immer ganz drauf an. Ich versuche immer, relativ ruhig zu bleiben. Ich neige nicht zur Panik, sagen wir mal so. Ich versuche, ruhig nachzudenken, wie ich da rauskomme. Das heißt nicht, dass es immer gelingt, aber das ist immer so der erste Impuls. Wie gehst du denn damit um, wenn du dich schuldig fühlst? Am besten ist es, man steht dazu. Man weiß ja, dass jeder Fehler macht. Woraus schöpfst du neue Kraft und Energie? Das passiert und ich kann nix dafür (lacht). Ich denke da nicht so drüber nach. Ich habe kein Programm, dass ich sage, ich gehe einmal am Tag zum Yoga. Es gibt keine wirklich zufrieden stellende Antwort darauf. Ich habe keine Ahnung, wo meine Energie herkommt. Machst du denn noch Kampfsport? Ja, Jiu Jitsu. Ich bin da jetzt kurz vor dem Blaugurt und muss mal endlich Zeit haben, für die Prüfung trainieren zu können. Lange hast du ja auch Kung Fu gemacht. Ja, neun Jahre Kung Fu, zweieinhalb Jahre Thaiboxen und jetzt fünf Jahre Jiu Jitsu. Leider schaffe ich es nicht regelmäßig, die Prüfungen zu machen. Bis zum Schwarzgurt ist es eh noch lang. Ich bin ja schon froh, dass ich Grüngurt gemacht habe. Beim Jiu ist es echt umfangreich, weil du sämtliche Bereiche können musst, Judo, Karate, Stand-Kampf, Bodenkampf. Und wo erholst du dich im Urlaub? Ibiza, meistens, weil es nicht weit und bisschen aussteigermäßig ist. Im Norden ist es total schön, wo es viele ruhige Ecken gibt. Da bin ich dann mit meiner Familie.

Schauspielerei, Hansenband, Synchronsprecher bei "Jagdfieber" – was haben wir noch von Jürgen Vogel zu erwarten? Naja, diese Sachen gehören auch irgendwie zusammen. Mit dem Singen nicht unbedingt, das ist entstanden, weil wir einen Musikfilm gemacht haben. Sonst hätte ich das nie gemacht. Aber irgendwann gibt es eben solche Anfragen wie Synchronsprechen. Das ist nichts, wo ich versuche, mich neu zu erfinden oder so, sondern wo ich eher denke: geil.
Ich will Regie machen, auf jeden Fall. Und dann gibt’s noch meine Produktionsfirma, die ich ein bisschen vergrößert habe, mit Lars Kraume und Matthias Glasner: Badlands Film. Und jetzt produzieren wir auch, im Sommer wird gedreht. Dann bereite ich noch das Projekt vor, in dem ich Regie machen will, und Lars schreibt grad ein Drehbuch für einen Film.
Womit haben wir bei dir denn definitiv nicht zu rechnen? Ich werde nicht in die Politik gehen, auf jeden Fall nicht dieses oder nächstes Jahr. (lacht) Natürlich. Im Film DIE WELLE hängt in Rainer Wengers Wohnung ein Schild, auf dem "Dezember 1979" steht. Was hat es damit auf sich? Keine Ahnung. (überlegt) Ich wusste es bestimmt mal, hab’s aber vergessen. 1979, da war ich... Elf. Mein erster Joint. (lacht) Auch das wurde aufgenommen. Kein Problem. Bist du einer Sache schon müde geworden? Ich muss mir nicht mehr die Feder vom Baum holen, das ist schon mal klar, weder beim Sport noch sonst irgendwo. Ich hab mit 14 angefangen, Sport zu machen. Irgendwann sagst du einfach, ich halte jetzt mein Level. Am Schluss geht es nicht um gewinnen, sondern darum, dass du es überhaupt machst. Außerdem musst du lernen zu verlieren, sonst kannst du nicht gewinnen. Du kämpfst eh nur gegen dich selbst. Und die Erfahrung ist viel wert, so ist es im Leben auch. Ich bin kein Jüngling, der sich im Stamm beweisen muss. Das klingt, als führst du keinen inneren Kampf mehr. Die Kämpfe verlagern sich auf andere Plätze. Das hat viel mit einem selbst zu tun. Früher hast du immer nach außen gekämpft und hast dir überlegt: Was kannst du außen verändern? Wenn du älter wirst, denkst du viel mehr über dich selber nach. Verändere dich selbst und verändere deine Umwelt. Das ist wirklich so. Du denkst, wenn Probleme im Leben passieren: "Ja, blabla, blöde Weiber" oder so. Und irgendwann sitzt du da und weißt genau: Du hast das Problem selbst geschaffen, du bist derjenige, der das produziert. Dann musst du dich auch nicht selbst belügen oder betrügen. Dieser Kampf ist stiller. Eine Erfahrung, die viele Menschen nicht machen. Das ist der ganz entscheidende Punkt im Leben: Fängst du an, in erster Linie dich selbst infrage zu stellen oder nicht? Viele treffen diese Entscheidung nicht. Wann kam bei dir der Punkt? Ich war schon immer sehr offen für Selbstzweifel, weil ich generell nicht jemand bin, der immer glaubt, dass er der Geilste ist. Und deswegen war ich auch immer bereit für Zweifel an mir – wenn es nicht jemand ist, der mich nur fertig machen will. Da war ich schon immer sehr hellhörig.

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