Buchtipp: "Und das Meer gab seine Toten wieder"
Hanseatische Geheimnisse: Robert Bracks Krimi "Und das Meer gab seine Toten wieder"
Die Hamburger "Weibliche Kriminalpolizei" war, ist man im Rückblick auf die Jahre 1931/32 versucht zu lästern, ein sehr sozialdemokratisches Projekt: Erst vehement gefordert, dann zaghaft realisiert, beim ersten heftigeren Gegenwind im Stich gelassen.Aber auch andere Traditionslinien lassen sich mit diesem Kriminalroman recht deutlich nachzeichnen: Politische Intrigen innerhalb des Polizeiapparats, eine kläffende Presse, das Einknicken des Senats vor diversen Lobbyisten… Doch gemach, denn Robert Brack, der unter diesem und anderen Pseudonymen (das bekannteste dürfte Virginia Doyle sein) schreibende, hochfleißige Autor, hat keine hastige Abrechnung mit Frauenfeinden verfasst, sondern das Kunststück eines spannenden Tatsachenromans vollführt.
Auf die Spur brachte ihn die so wahre wie traurige Geschichte von zwei Mitgliedern der erwähnten Truppe, die im Juli 1931 tot am Strand von Pellworm aufgefunden wurden.
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Eine Obduktion fand nicht statt, das Original des Abschiedsbriefs verschwindet aus den Akten, verdächtig rasch begrub man die beiden ortsfremden Frauen – an einer sorgfältigen Untersuchung war den Behörden offenbar weder auf der nordfriesischen Insel noch in Hamburg gelegen.
Es folgte eine Untersuchung, die fast mehr Fragen aufwarf als beantwortete und augenscheinlich vor allem dem Ziel diente, die auch international renommierte Leiterin der Polizistinnen-Gruppe zu diskreditieren und die ungeliebte Dienststelle selbst aufzulösen.
Soviel Vertuschungswille machte Brack neugierig und spornte ihn nicht bloß zu akribischer Archivwühlerei an, sondern auch zu einem feinen literarischen Spielzug: Die englische Ermittlerin Jennifer Stevenson, Gesandte der besorgten "International Association of Policewomen", lässt er ebenda mit ihren unbequemen Fragen und immer erschreckenderen Thesen beginnen, wo er selbst am Anfang stand – nur eben gut 70 Jahre später.
Dabei fängt er die bedrohlich vibrierende Stimmung einer Gesellschaft kurz vor dem Umsturz von 1933 exzellent ein, als Kenner der Hamburger Verhältnisse gelingen ihm plastische Szenerien und pointierte Charaktere.
Straßenkämpfe, politischer Extremismus, ein harter Winter und eine von beinahe allen verlassene Republik geben hier eben nicht nur den Hintergrund für ein fiktives Verbrechen.
Stattdessen sind die Toten samt ihrer Biographien und der beklemmenden Atmosphäre echt, erfunden ist "nur" die in der zeitgeschichtlichen Wirklichkeit unerwünschte (und erstaunlich schlüssige) Aufklärung des skandalösen Falles.
Dass Brack seiner wackeren englischen Schnüfflerin – quasi als Ausgleich für nimmermüdes Anrennen gegen die Schweigemauern – eine private Leidenschaft gönnt, die diese sich selbst kaum zugetraut hätte, ist das gute Recht des Erfinders gegenüber dem löblichen Gewissen des Rechercheurs.
Robert Brack; Und das Meer gab seine Toten wieder; Edition Nautilus; 13,90 Euro
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