Revolverherz
Pralles Leben, verdammter Job: Simone Buchholz’ Kiez-Krimi "Revolverherz"
Man muss es gleich sagen: Simone Buchholz ist uns nicht nur von Namen und zahlreichen persönlichen Begegnungen bekannt, sondern auch als hochmuntere, einfallsreiche Kollegin mit einem wunderbaren Hang zur Schnoddrigkeit.
Und vor allem wussten wir ja: Die Frau kann schreiben. So war es für uns auch gar nicht, wirklich kein bisschen überraschend, dass sie einen Krimi geschrieben hat, der mit einem wunderbaren Drang zur Schnoddrigkeit auffällt. Diese braucht man aber auch in Schrift und Alltag, wenn man wie unsere Heldin, die Staatsanwältin Chastity Riley, auf den Straßen von St. Pauli über eine Leiche nach der anderen stolpert, jede übler zugerichtet als ihre Vorgängerin. Doch, Sie haben richtig gelesen: Diese deutsche Beamtin heißt tatsächlich Chastity (hier die Übersetzung für alle, die bis hier noch nicht grinsen: Keuschheit), soweit ist es mit den sprechenden Namen seit Thomas Mann (Lobgott Piepsam, Bendix Grünlich ...) schon gekommen!
Wir lernen bei und mit Frau Riley, dass es Dinge und Einfälle gibt, gerade von Eltern, die sind mit normalem Verstand nicht mehr zu fassen. Simone Buchholz, auch das kein Geheimnis, ist eine weitestgehend unbelehrbare Kiez-Freundin, für jeden rührseligen Moment auf dieser Meile zu haben, eine Freundin des Prinzips, dass zum Herz auch Schnauze gehören soll – und umgekehrt sowieso. Die Frau kennt sich aus und lässt uns teilhaben, reiht lakonische Mitternachtsdialoge aneinander, bei denen es um verschiedene Arten von Verletzungen geht und der alte Refrain "The first cut is the deepest" beileibe nicht immer gilt – weder in der Beziehungsarbeit noch bei der Gerichtsmedizin.
Chastity ist eine verhinderte Schwerenöterin (in der sehr ausgedehnten Ausbildung), die mit einer gewissen Verlässlichkeit auf die falschen Männer trifft, aber im Gegenzug die richtigen Tipps aus dem Milieu bekommt, wenn sie auf Mörderfang geht. Natürlich schläft sie zu wenig und säuft zuviel, muss sich beharrlich gegen ihre Freundin wehren, die sie stets mit einem neuen Unwiderstehlichen verkuppeln will, der Rest der Energie geht damit drauf, sich allseits Respekt zu verschaffen und angesichts männlicher Geistesarmut am Arbeitsplatz nicht völlig durchzudrehen.
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Der Roman, gespickt mit durchaus wiedererkennbaren Typen aus diversen Hamburger Szenen, ist ganz nebenbei ein sorgfältiger Reiseführer durch Sitten, Gebräuche und Lokale des heutigen St. Pauli, wo ja die perfekt organisierte Touristen-Abzocke gleich neben den echten Bewohnern existiert, die unter anderem einem ethnologisch interessanten, so unbeirrbaren wie irrationalen Kult um einen Fußball-Zweitligisten pflegen.
So, jetzt aber mal gut hier mit all dem Loben und Hudeln, denn sonst glaubt es ja wieder kein Schwein. Ehrlich feines Buch, spannend und amüsant. Dittsche würde es vielleicht so ausdrücken: "Mal sagen, echt gut, also, zum Lesen."
Und man lernt was, gerade auch über schnoddrige Frauen – und wie man sie trotzdem weich kriegt.
Simone Buchholz; Revolverherz; Droemer; 14,95 Euro
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