Buchtipp: "Restlicht"

Die Bürde der Erinnerung: Jochen Rauschs melancholischer Krimi

 

Auf einmal war die Frau weg.Das Mädchen eigentlich. Weg, einfach so. Bevor sie sich noch unmöglich machen konnte, den Freund weiter irre werden ließ, bevor sie sich wieder küssten oder schlugen oder irgendwas, im schlimmsten Fall miteinander erwachsen werden konnten. Bevor man reden konnte über „alles“. Damals, Mitte der 70er, als dieses „Zonenrandgebiet“ noch genau so verheerend miefig war wie das Wort klingt. Astrid war verschwunden, und sie blieb es. Keine Karte mit lustigen Kiffergrüßen aus Amsterdam oder Berlin, nichts, keine tränenfeuchte Rückkehr. Aber auch nie eine Leiche, weder hier noch anderswo.

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So und nicht anders wird man zur ewig betrauerten Legende, zur unüberwindbaren „Ersten Liebe“, ein bittersüßes Hindernis für alles, was danach kommen kann. Alles und jede wird sich daran messen lassen müssen, und wird verlieren.

In der Gegenwart kehrt der Erzähler, ein Geflohener bis über den Atlantik, als Peter Bloom aus den USA zurück, seinen sterbenden Vater ein letztes Mal zu sehen. Die Gegend, in der er sein wichtigstes, mühsam unterdrücktes, nun aber doch schmerzlich lebendiges Trauma erlitt, ein Verlassenwerden wie kein anderes, ist nicht mehr Rand, sondern nun mitten in Deutschland. Aber als eine Art trostloser Sonderzone erlebt der verwunderte Bloom die Stätten der Kindheit dennoch. Es sind immer noch alle da, die etwas wissen konnten und könnten, alle, die eine Rolle gespielt haben könnten, vielleicht, die in den entscheidenden Momenten geschwiegen, etwas verschwiegen haben? Die zarte, aber mit aller Angst der Jugend belegte und belastete Liebesgeschichte von einst, in der auch damals viel und missverständlich ausgewichen und auch gelogen wurde, ein zittriges Glück ohne Gewähr, sie wird zaghaft beschworen. Bloom, ein Mann, der in den USA geschieden wurde, der in Deutschland fremder denn je wirkt, der also nichts zu verlieren hat, verwandelt seine triste Nostalgie in zielgerichtete Verärgerung. Verspätet, aber nun doch macht er sich auf die Suche nach den ewig verweigerten, auch gefürchteten Wahrheiten. Dass ihn die örtliche Polizei, aufgeschreckt durch aktuelle Knochenfunde, die auf eine Frauenleiche deuten, als Verdächtigen stempelt, dass die Gefährten von gestern sein Geschnüffel verwünschen, all das spornt ihn, der nichts Kämpferisches hat, sondern nur melancholische, beinahe blinde Beharrlichkeit, nun wieder neu an.

Jochen Rausch, lange Zeit Referent des WDR-Intendanten Fritz Pleitgen und mittlerweile Chef der erfolgreichen WDR-Radiowelle 1Live, hat einen mal zarten, mal lakonischen Roman über die schweren Bürden geschrieben, mit denen einer ins Erwachsenen-Leben „entlassen“ werden kann, über Verbrechen und Gruppensolidarität, über die Suche nach Wurzeln, über die fiesen Tricks der Erinnerung, die nicht weggehen will. Seine Hauptfigur, dieser irrende Bloom, ist dabei keineswegs ein Held, ist kein rächender Aufräumer, sondern ein böse verunsicherter Kerl, der schon lange verlernt hat, sich um andere zu kümmern, zuzuhören, dem Tonfall einen verborgenen Sinn abzugewinnen. Er ist kein guter Gesprächspartner, seine desinteressierte Gleichmut schirmt ihn gegen die übrige, ja auch nicht wohlgesinnte Welt ab. Ein schönes trauriges, wahres Buch, das man sich zutrauen muss, eine präzise Studie über die Macht der Vergangenheit.

Jochen Rausch; Restlicht; Kiepenheuer & Witsch; 8,95 Euro

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