Buchtipp: "Englischer Harem"

Ein Schlagabtausch, bei dem der gesellschaftliche Fortschritt brachial zurückgedrängt wird

 

Besonders geknickt, gar erschüttert ist Tracy, die 21-jährige Londoner Kassiererin nicht gerade, als sie wieder mal einen Job verliert. Die muntere und fantasiebegabte Cat-Stevens-Verehrerin macht sich auf und stößt, so spielt das Leben in der multikulturellen Metropole, auf das gehobene Speiserestaurant des Exil-Iraners Saaman „Sam“ Sahar. Der ist nun aber britischer – im traditionellen Sinne – als alle seine britischen Freunde zusammen, versucht also mit höflichen Mitteln, diese etwas grelle junge Dame mit dem etwas arg kurzen Rock abzuwimmeln. Das gelingt ihm weder schlecht noch recht, so dass er bald eine sehr tüchtige Kellnerin hat. Die interessiert sich flugs für den Islam, doch da ist Sam, eher glaubensschwach, kann ihr da wenig helfen, aller rührenden Versuche zum Trotz, den belesenen Koran-Interpreten zu geben. Die jeweiligen Vorurteile zerfallen in rasantem Tempo, nur Tracys Eltern und ihr frisch verlassener Lover, allesamt von geistiger Einfalt, können der Völkerverständigung recht wenig abgewinnen. So hätte der neuseeländische Autor Anthony McCarten, erfolgreich mit dem Theaterstück „Ladie’s Night“ (verfilmt als „Ganz oder garnicht“) und hoch gelobt für seine bittere Teenie-Groteske „Superhero“, seine ungewöhnliche Integrationsgeschichte zu immer weiteren komödiantischen Gipfeln treiben können, doch steigert sich die furiose Geschichte noch: Tracy und Sam finden stärkeren Gefallen aneinander – und heiraten. Das Problem: Sam hat bereits zwei Frauen, die Perserin Firouzeh und die Französin Yvette. Weil er aber den ersten beiden Gattinnen liebevoll-platonisch zugeneigt ist und auf standesamtliche Bestätigung verzichtet wurde, ist das Zusammenleben juristisch unanfechtbar.

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Und dieses denkbar unlüsterne, dafür aber vollkommen zufriedene Quartett, das durch vier Kinder komplettiert wird, sieht ohnehin keine größeren Probleme in der, äh, ungewöhnlichen Lebensform. Aber nun kommen alle anderen ins immer bösere Spiel: Erst wird nur gelästert, aber auf eine anonyme Anzeige hin schaltet sich das Jugendamt ein, übernimmt die Unterstellungen des Plebs und verlangt ausgiebig Auskunft, was wiederum Sam als ungesetzlichen Eingriff in seine Privatsphäre aufbringt. Was als gelebtes antirassistisches Idyll begann, wird zum grotesken Kampf gegen klischeebeladenes Unwissen und gewollte Missverständnisse.
McCarten, dessen Talent für gewitzte Dialoge an manchen Stellen allzu eitel Kapriolen schlägt, verwandelt seine zarte und intelligente Komödie langsam in einen erregten Schlagabtausch, bei dem der gesellschaftliche Fortschritt brachial zurückgedrängt wird. Eine ganze Parade der Unbelehrbaren tritt auf und stellt sich demmin jeder Hinsicht sittsamen Sam in den Weg. Denn nicht bloß Tracys Eltern, unbewusst dankbar für jede Ablenkung vom ehelichen Klein- und Stellungskrieg mischen sich aufs Dümmste ein, sondern auch Sams Eltern kommen aus Teheran zu Besuch, um ihren Renegaten-Sohn – zu allem Elend ist der Spross einer berühmten Metzgerssippe auch noch Vegetarier – auf den religiös wie kulinarisch rechten Weg zu bringen. Die turbulente Burleske wird von der herben Wirklichkeit verdrängt, von der starrsinnigen Bürokratie vereinnahmt, die kein Glück gestatten mag jenseits fester Grenzen und Vorstellungen – und so bleiben es bis zum Schluss McCartens ironische Hiebe in alle Besserwisserrichtungen, die einen halbwegs mit dieser tragischen Kehrtwende versöhnen.

Anthony McCarten; Englischer Harem; Diogenes; 21,90 Euro

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