Buchtipp: "Mariaschwarz"

Spleenige Helden, kühne Sprache: Heinrich Steinfests mutiger Krimi "Mariaschwarz"

 

Wenn es sie denn überhaupt geben kann, die perfekte Beziehung, jedenfalls zwischen Menschen, dann ist es die des Wirts zu seinem Gast. Die Rollen sind klar verteilt, und wenn dann noch der Einschenkende weiß, wann er zu reden und zu servieren, wann er aber, wichtiger noch, die Klappe zu halten hat, steht vielen gemeinsam verbrachten, harmonischen Stunden nichts mehr im Wege. Wer findet, solcherlei Betrachtungen haben in Kriminalromanen nichts verloren, seien ja wohl für jegliche Tat, nüchtern ertüftelt oder alkoholisiert begangen, komplett irrelevant, der hat in den Büchern Heinrich Steinfests nur wenig verloren. Ergo werden auch seine Funde an Spannung und Vergnügen eher gering ausfallen. Selber schuld, muss man da rufen.

Seit vielen Jahren pendelt Steinfest, der sich partout nicht die Möglichkeiten des „richtigen“ Romans versagen will, nur weil dieser seltsame Zusatz „Kriminal- vorangestellt wurde. Gewiss, Tote gibt’s auch, verzwickte Fälle, interessante Theorien und mysteriöse Motive – aber am Ende immer weit mehr als nur die eine, allein Klarheit schaffende Wahrheit für den ratlosen Staatsanwalt. Eher ein bunter Strauß unbeliebter Wahrheiten, ein Anti-Wunschkonzert. Die lose mit der üblichen Realität verbundene Steinfest-Welt ist dabei aufs Kapriziöseste verästelt, es wimmelt von seltsamen Figuren, von Tics, Marotten und Traumata, die aber nicht als schicksalshafte Belastung bejammert, sondern gern auch mit stolzer Arroganz präsentiert werden.

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Der grobe Rahmen: Im österreichischen Dorf Hiltroff versäuft und vertrödelt ein geheimnisvoller Hotelgast namens Vinzent Olander Jahr um Jahr, ohne einen Grund für sein Ankommen, gar für sein Bleiben zu nennen. Als „sein“ Wirt, ein Mann mit dem schönen Namen Job Grong, den etwas arg sorglos umherwandernden Olander eines Tages aus höchster Not errettet, werden erste Hintergründe etwas klarer – mehr aber nicht. Erst als im benachbarten See, der dem Roman den Titel gibt und ein jeglichem Badevergnügen widerstrebender eisiger Morast ist, ein Nessie-haftes Geschöpf gesichtet, tatsächlich aber kurz darauf ein Frauenskelett gefunden wird, kümmert sich ein echter Profi um das ganze Knäuel von Fällen. Der skurrile, heillos an Selbstüberschätzung – nebst anderen, weniger auffälligen Defekten – leidende Chefinspektor Lukastik (der schon in „Nervöse Fische“ eine glänzende Figur abgab), aus Wien weniger herbeigeeilt denn hingezerrt, fragt und spinnt, fantasiert wild und kombiniert kühl, erhascht ein paar Zipfel der Erkenntnis, allein, es wird kein plausibler Mord daraus. Die Welt, wie sie hier dargeboten und vielfach kopfschüttelnd ausgeleuchtet wird, ist eine einzige große Rätselecke.

Man muss das alles mögen, diese Vermischung brillanter Komik, die natürlich stets mit mehreren Schüssen Schwermut vermengt auftritt, diese kühne Sprachmächtigkeit, die Steinfest verschwenderisch vorführt, die Thomas-Bernhard-Affinität und die Wittgenstein-Verweise. Man kann das auch alles affig oder affektiert finden, aber hier versteckt sich ein Autor eben nicht hinter irgendwelchen Vorbildern, sondern strahlt in feinster Egomanie, lässt seine Manierismen zu voller Blüte gelangen und ruft dem Leser zu: Genieße doch, es klingt ja schön! „Mariaschwarz“, voller Hintersinn, ist bis zum staunenswerten Ende ein echter Steinfest, ein komplizierter Roman für, man muss es wohl so sagen, für die höheren Bildungs-Stände. Die Freude am raffinierten Spleen ist bei Steinfest so ausgeprägt, dass man ihn im Falle von richtig schlimmem, richtig schönem, gar riesigem Erfolg dringendst parodieren müsste. Aber bis dahin ist noch etwas Zeit.

Heinrich Steinfest; Mariaschwarz; Piper; 16,90 Euro

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