Lohnende Wiederentdeckung: Lawrence Block
Verluste und Abzocker : Zwei durchaus blutige Krimis des US-Autors Lawrence Block, der in Deutschland bisher nur in Fan-Kreisen bekannt ist
Schon klar, dass man nicht auf ein paar milde Giftmorde zur Teestunde in englischen Pfarrhäusern hoffen darf, wenn einige der vielen Romane A Ticket to the Boneyard, A Dance at the Slaughterhouse oder A Walk Among the Tombstones heißen. Der Mann dahinter, sehr fleißig und in Deutschland bisher nur in Fan-Kreisen ein Begriff, dort allerdings ein sehr hartnäckiger und fester, heißt Lawrence Block. Zwei eher kleine, zwei eifrige Verlage haben den heute 70-Jährigen, dessen Werk mittlerweile über 50 Romane umfasst (darunter verschiedene Reihen), dem Dämmerschlaf der Antiquariate entrissen: Der Berliner Shayol Verlag, wo in der Reihe mit dem – hier nicht so ganz passenden – Titel Funny Crimes der Thriller Verluste (im Original trockener: Everybody dies) erschien, und der verdienstvolle Rotbuch-Verlag, dessen mutige neue Hard Case Crime-Reihe – die mit den knalligen Pulp-Covern! – unter anderem mit Blocks Abzocker als zweitem Buch ihr Glück versucht.
- Schlagen Sie hier relevante und interessante weiterführende Inhalte zu diesem Artikel vor.
Zwischen den beiden Werken liegen 37 Jahre – Abzocker erschien in den USA bereits 1961, Verluste 1998 – und eine deutlich erkennbare literarische Reife. Der titelgebende Abzocker namens Joe Marlin, der versehentlich einen Koffer voller Heroin klaut, ist ein kleiner Ganove, eine kriminelle Ich-AG quasi, mit Schwerpunkten, die noch ganz nah mit der eigenen Person verbunden sind: Heiratsschwindel und Zechprellerei. Einerseits ahnt er, dass das Geschäft mit dem teuren weißen Pulver mindestens eine Nummer zu groß für ihn ist, andererseits wittert er just hier den einen wirklich großen Deal, der ihm, so träumt er dumm, ein sorgloses Leben finanzieren soll. Als kurz darauf Mona trifft, die schöne junge Frau eines alten reichen Mannes, ist das Genre nach dem Muster „Der Halunke und die femme fatale" komplett, doch Blocks muntere Variationskunst noch lange nicht erschöpft. Die diversen unglücklichen, so unselig wie zwangsläufig scheiternden Vorläufer respektive „Kollegen“ Marlins, die recht viele Bücher Jim Thompsons und Ross MacDonalds bevölkern, von anderen Urahnen zu schweigen, bleiben zwar in des Lesers Hinterkopf, mindern aber nicht das Vergnügen an Blocks geradliniger jugendlicher Fingerübung.
Auch fast 40 Jahre später sind die Polizisten nur traurig-ratlose Randfiguren im Block-Universum, doch von anderem Kaliber sind die zwei Freunde im Mittelpunkt von Verluste: Der zurückhaltende, skeptische Ex-Cop Matt, der einst im Suff ein Kind erschoss, der eine Ex-Hure geheiratet hat und in seiner Anonyme-Alkoholiker-Gruppe als „Matt, der immer nur zuhört“ bekannt ist, wird von einem Freund um Hilfe gebeten, der erst recht nicht zu den ehrbaren Bürgern zählt. Mick Ballou hat so gar nichts Gemütliches an sich, er ist ein krimineller Mittelständler mit einem irischen Pub als Teil der Tarnung, entschlossen, einsam und von latentem Rassismus durchdrungen. Als mehrere seiner „Jungs“ ohne Vorwarnung regelrecht hingerichtet werden, auch ohne erkennbares Motiv, schickt er Matt los: Nur mal so ein wenig herumhören. Man weiß ja, wie das endet: Matt findet, auch aus verständlichem Selbstschutz, nicht viel heraus. Gerade als er sich – wie abgesprochen – aus der Sache zurückziehen will, überfallen Matt zwei rabiate Typen mit der überdeutlichen Mahnung, er möge sich ja aus der Sache zurückziehen. Klar, dass Matt, der so erfährt, dass es tatsächlich eine „Sache“ gibt, sich nun nicht mehr aus der Sache zurückziehen kann. Dass er allerdings so knietief in eine blutige Abrechnung hineingerät, von der lange Zeit reichlich unklar ist, wer hier wen förmlich ausrotten will und warum, das hat er sich auch nicht albträumen lassen. Das Jagen nimmt nun seinen Lauf: Zahn um Zahn, Mord um Mord, bis zum blutigen Ende. Der karge Plot ist Konzept, denn Block reichert ihn mit liebevoll ausgebreiteten Details an, gibt lange Dialoge, ja Erörterungen dazu. Die Themen sind von einiger Größe: Ehre, Verrat, Mord, Loyalität, Besitzansprüche, Erbschuld… Dabei werden verschiedene philosophische Denkschulen locker durchkonjugiert, ohne dass Schwere aufkommt: Moralkodizes im ganz selbstverständlichen Milieu- und Praxistest der New Yorker Unterwelt zum Ende des 20. Jahrhunderts. Nichts für Feinsinnige dennoch: Ja, es gibt lakonische Blutbäder, ja, es gibt ein triefendes Finale mit Leichenbergen, aber das ist bloß die Kulisse. Im Grunde geht es in diesem sehr unterhaltsamen und im besten Sinn anregenden Roman um nichts Geringeres als die Frage, vor welchen Dingen in seinem Leben ein Mann davonrennen kann, und vor welchen nicht. Und wie man die einen von den anderen unterscheidet.
Lawrence Block Abzocker; Rotbuch/Hard Case Crime; 9,90 Euro Verluste; Shayol/Funny Crimes; 14,90 Euro
- Faces of Evil - Das Böse zeigt...
- Edward Steichen und die Kunst des...
- Andreas Dresen: "Die haben sich...
- Wie wird man Milliardär?
- Jürgen Vogel: "Zweifeln tue ich...
- Buchtipp: "Englischer Harem"
- Jeff Koons in Berlin
- Warum ich mit Carla Schluss gemacht...
- TV-Tipp: Prestes Maia - Freiheit...
- Sol Gabetta - Il Progetto Vivaldi...
