Ein ganz besonderer Spuk

John Burnsides verstörender Roman "Die Spur des Teufels"

 

In Coldhaven, im mystischen Irgendwo der schottischen Küste gelegen, wispert man nur scheu über jenen unheimlichen Mitbewohner, der seit einer der raren Neuschneenächte seinen Platz im Städtchen sicher hat – in den üblen Träumen seiner Bürger ist er allemal von mächtiger Präsenz.Der Teufel höchstselbst, so geht die Mär, habe sich damals, vom Meer kommend, an Land begeben – und er hat im frischen Weiß der Straßen, Dächer und Mauersimse seine Spuren hinterlassen, unverwechselbar und auch vom Schmelzwasser nicht mehr zu tilgen.

In Coldhaven lebt auch der reiche Nichtstuer Michael Gardiner, dessen Eltern, ein großstädtisches Intellektuellenpaar, voll des idealistischen und naturbeseelten Wagemuts, einst in diese abgeschiedene Gegend zogen.

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Ein fataler Irrtum, wie sich böse und klar und rasch herausstellte, doch die Gardiners waren stur und stolz und ignorierten das Offensichtliche, zogen lediglich aus der Mitte des Ortes in ein Haus, das außerhalb des Ortes einsam auf einer Landzunge liegt – und selbst diese Vertreibung, diese schmähliche Niederlage versuchten sie noch als erfreulichen Aufstieg, als einen Schritt weiter hinein in die geliebte, die liebliche Landschaft zu tarnen.

Nun, Jahre später, lebt ihr Sohn Michael mit seiner ihm denkbar fremden Ehefrau im erinnerungstrunkenen Elternhaus, ein müder Mann, ein freundlicher Unbeteiligter, aber letztlich doch gefangen in der Düsternis. Es braucht eine Zeit, bis der Leser bemerkt, wie schlimm es um den bemüht plaudernden Erzähler steht, wie gebeutelt er wirklich ist. Als er in der Zeitung vom Selbstmord einer Frau liest, mit der er als Jugendlicher eine kurze heftige Affäre hatte, eine Frau, die ihre beiden kleinen Söhne nun mit in den Tod nahm, aber eine ältere Tochter "verschonte", gerät er erst ins Schleudern, dann vollends aus der Bahn. Eine fixe Idee ergreift von ihm Besitz: Wenn nun diese "Überlebende", dieses Mädchen seine leibliche Tochter wäre…? Wenn er sich nun kümmerte…? Längst vergebene Missetaten, lauter vor Jahren erlittene Demütigungen drängen nach und nach ans Licht, verstören aufs Neue den um Worte wie um Würde ringenden Mann.

Der Schotte John Burnside, 1955 geboren, als Lyriker bereits sehr erfolgreich und in seiner Heimat auf eine Stufe mit A. L. Kennedy hinaufgerühmt, hat einen Mann im Labyrinth geschaffen, einen traurigen Versager, der doch so sehr lechzt nach einer, irgendeiner entscheidenden Tat, einer mit Folgen. Der sich allzu gern neu erfinden würde, allein, es fehlt der Plan. Der ahnt, wie mürrisch er sein Leben vorüberziehen lässt, der in Sanftmut und Unentschlossenheit verdämmert, ständig Neuanfänge ersehnt, allein, es fehlen auch der Glaube und der Mut. Burnside schildert dieses herbe Versagen, diese Biographie des ehrgeizlosen Einknickens mit beängstigender Präzision und einer fast grausamen Freude an bitteren Gaukeleien. Die ungewöhnliche Mixtur aus Thriller und Dailysoap, mit ein paar sagenhaften Figuren angereichert aus dem Dorf, das als Kapitale der Missgunst gelten darf, ist ein Buch, das einen hart erwischen kann und kaum Fluchtwege offen lässt. Dass die Familien in diesem Roman allesamt Orte denkbar unzärtlichen Missverstehens sind, extrem verwirrende Menschenansammlungen und keinesfalls Horte der Geborgenheit, bestätigt die Verlorenheit derer, die da wandeln, ziel- wie ausweglos.

John Burnside; Die Spur des Teufels; Knaus; 18 Euro

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