Buchtipp: "Cocksure"

Verrückte Zeiten: Mordecai Richler veralbert in „Cocksure“ die Revoluzzer der wilden Sixties

 

Andere Epochen, andere Kreise – andere Sitten.Mitten in einem beschaulichen, mit Frau, Kind und Lektorenkarriere angenehm wohl geordneten Leben kommt es zur unvermeidlichen Zeitenwende: Mortimer Griffin, ein rechtschaffener Londoner Intellektueller, gerät in die Swinging Sixties. Und er, die gründlich brave Haut, versagt gründlich, denn die Welle der totalen Offenheit, der erbarmungslosen Anti-Spießigkeit, der Zwang zur sexuellen Freiheit und zur Negierung aller nur erdenklichen Benimmregeln überfordert den guten Mann nicht bloß, sie überrollt ihn. Seine Frau Joyce, sein Sohn und die Mehrzahl seiner Kollegen verhalten sich konform, also strikt anti-konformistisch: Körperpflege ist ebenso verpönt wie sexuelle Treue, jeder Hauch von Anstand wird als übles bürgerliches Relikt betrachtet und Filme mit erkennbarer Handlung werden konsequent hämisch verlacht.

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Der erbärmlich gutmütige Mortimer, eben noch sanft vom verdienten Aufstieg träumend, wird kräftigst geschüttelt und geschleudert, bis er nicht mehr weiß, wo ihm der Kopf steht – von anderen Körperteilen ganz zu schweigen.

Mordecai Richlers krachend komische 68er-Satire ist, und das ist nicht die kleinste Überraschung, in eben diesem, mittlerweile als überschätzt beargwöhnten Jahr zum ersten Mal erschienen. Der Eifer des damaligen Gefechts ist noch gut zu spüren, denn der bekannt furchtlose kanadische Spötter Richler (u. a. „Solomon Gursky war hier“ und „Wie Barney es sah“), der sich das Geschehen damals vor Ort in London ansah, nimmt besonders die ideologische Härte der Hippies aufs Korn. Das geballte Gutmenschentum, die Pflicht zur brutalstmöglichen Aufklärung, der Befehl zu Drogenkonsum und Total-Glasnost im Schlafzimmer (obwohl Sex im Schlafzimmer ja schon wieder spießig war, irgendwie) kennt keine Rücksicht auf private Vorlieben.

Obwohl dieses brüllende Panorama inklusive famoser Hiebe auf prosemitische correctness, schon ein irrwitziger Spaß ist, setzt Richler noch ein anderes Genre obendrauf. Ein mysteriöser US-Tycoon kauft den Verlag, in dem Mortimer arbeitet, und verwirrt die Belegschaft mit explosiver krimineller Energie. Dass dieser in den schillerndsten Farben gemalte Bösewicht, dieser durchgeknallte „Star Maker“ eine reale Figur ist, wird man getrost rasch bezweifeln dürfen. Dass ausgerechnet der rundumbeschädigte Mortimer Griffin diesem, ähem, Wesen so nahe kommt wie kein Zweiter, gibt dem Plot eine surreale SciFi-Note. Das muss man sich alles erstmal trauen, in ein Buch zu packen. Das muss man erstmal können, das alles zu einer High-Speed-Burleske mit unzähligen Täuschungsmanövern zu verarbeiten. Richler schafft es, lässig.

Mordecai Richler; Cocksure; Liebeskind Verlag; 19,80 Euro

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