Buchtipp: "Fortschrittlich leben für jedermann"
Von wegen Idylle: Carrie Tiffanys australischer Farm-Roman "Fortschrittlich leben für jedermann"
Man darf sich vom Cover nicht täuschen lassen: So niedlich, wie sich hier die Stickereien von Berg, Wiese, Mäusen und Eisenbahn mit dem hochoptimistischen Titel zusammenfügen, so kuschelig ist das Buch ganz und gar nicht.
Das Australien der Jahre ab 1934 ist gerade für Farmer und solche, die es werden wollen, ein unwirtliches Land, gelinde gesagt.Doch der Enthusiasmus, der Glaube an die unwiderlegbare Wissenschaft ist bei einigen stärker ausgeprägt, als ihrer Lebensplanung gut tut.
Zu diesen strengen Anbetern des Fortschritts gehört auch der englische Bodenexperte Robert Pettergree, der mit Hühner-, Schaf-, Rind- und anderen Experten in einem Sonderzug des Landwirtschaftsministeriums von Victoria über die Dörfer tingelt, den Menschen zu helfen.
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Dass sie in den öden Gebieten fast die Funktion des Wanderkinos oder –zirkus' übernehmen, ist den Teilnehmern dieser Dauerexpedition, darunter auch eine prüde Hauswirtschafts-Lehrerin, wohl bewusst.
In diesem Zug – den es übrigens wirklich in den 20er und 30er Jahren gab – fährt auch die junge Näherin (und angehende Kunststickerin) Jean mit, ahnungslos und neugierig, munter und ausdauernd.
Es kommt zur hastigen, (auch) hormonell bedingten Kollision, gefolgt von einer Blitzheirat und dem Ausstieg des jungen Paares aus der pädagogisch wertvollen Tournee. Robert, dessen Kopf voll ist von Wissen, der als "Schmecker" jede Wette darum, woher ein x-beliebiger Erdklumpen stammt, locker gewinnt, er stürzt sich in neue Anbaumethoden.
Er will alles umkrempeln, mit ihm soll die neue Zeit nun gefälligst ziehen, die des technischen Fortschritts und der minutiös planbaren Ertragssteigerungen.
Doch ach, der australische Busch, die Mäuse, der Wind, der Regen, die Dürre – irgendwas kommt immer dazwischen.
Die Ehe, erst ein kurzes saftiges Vergnügen, magert quasi ab, die Begeisterung Jeans für das Genie des immer sturköpfiger schweigenden Gatten erleidet manch herben Rückschlag, weit ruppiger noch fallen die Beschimpfungen der Farmer aus, die der selbstgewisse Robert zu neuen Sorten und Methoden bekehrt hatte.
Carrie Tiffany – entgegen allen Erwartungen wohl kein Pseudonym – schreibt das aus Sicht der zunächst arglosen, aber rasch die Tröstungen der Lakonie erlernenden Jean.
Der Roman nutzt eine verblüffend einfache Sprache und lässt die schmunzeltaugliche Komik des "Dorfes auf Rädern", im Nachhinein das soziale Paradies, voll erblühen, bevor die harte Realität samt sinkender Erträge und steigender Schulden zuschlägt.
Dieser Debütroman ist ein feines Stück Lebenskunde voller dezenter Melancholie, ehrlicher Tragik und verblüffender Klarheit.
Zur Sicherheit nochmal: Lassen Sie sich bloß nicht täuschen vom Cover, das ländliche Idylle samt Obstkuchen und anderem Kitsch antäuscht: Das Leben ist viel staubiger, das Buch viel besser, als man bei diesem ersten Anblick denkt.
Carrie Tiffany; Fortschrittlich leben für jedermann; dtv; 9,95 Euro
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