Buchtipp: Sommerlicht, und dann kommt die Nacht
Kleines Dorf, große Träume
Die Tante will sich kurz vor ihrem Ende der Sinnhaftigkeit des ganzen Unterfangens vergewissern: "Wozu habe ich gelebt?" Die Verwandten, als hätten sie´s geahnt, schürzen die Lippen, verschiedene Antworten, absurde und simple, gelogene wie tröstliche, liegen auf den Zungen bereit, eine so unvollkommen wie all die anderen – da ist die alte Frau schon tot.
So geht es eigentlich jedem Menschen, sein ganzes Leben lang: Immer haben wir eine neue Frage, nie wissen wir wirklich, wohin es sich zu wenden gilt.Bevor es zu früh vorbei ist, gibt es knapp bemessene Momente der Entschlossenheit, Oasen in der Wüste der Ratlosigkeit.
Der Isländer Jón Kalman Stéfansson, der sich vor seiner Autorenkarriere schon als Fabrikarbeiter (Fischdosen!), Maurer, Polizist, Lehrer und Journalist bewies oder auch erprobte, bannt den riesigen Kosmos menschlichen Strebens in ein Kaff an der Westküste seiner Heimat, geduckt unter dem großen Himmel.
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Der Titel des Buches verweist auf das meteorologische Ungleichgewicht, das nicht ohne seelische Folgen bleiben kann: Kurz sind die Sommer, lang hingegen dauert die furchteinflößende Düsternis.
Umso wichtiger, das haben die Bewohner verstanden, dass man im richtigen Augenblick nicht zögert, die Chance zur Ekstase ergreift, eigensinnig bis zur Verbohrtheit, geradlinig bis zur Blödheit.
Skurril wirkt das kunstvoll verflochtene Panorama der Sehnsüchte bisweilen, aber der beinahe heilige Ernst, die aufrechte Haltung, mit der Stéfanssons Dörfler ihren Weg gehen, immer auf der Suche nach Erfüllung, verhindert jedes Abdriften ins Folkloristische.
Ein Fabrikbesitzer träumt ganz plötzlich in lateinischer Sprache, verfällt der Sternenkunde und verliert alle irdischen Interessen, darunter das an seiner Frau.
Eine Bäuerin verfällt unverhofft ihrem verheirateten Nachbarn, es kommt zu einer handfesten Wald-und-Weiden-Obsession, bis die Gattin der Angelegenheit ein so abruptes wie rabiates Ende bereitet.
Eine Familientragödie lässt dem Ort keine Ruhe, die Toten beginnen in der Lagerhalle der Genossenschaft herumzuspuken… Die Leben gehen ihren verworrenen Gang, dankbar ist man für die Handvoll heller Tage und für ein befreites Lachen.
Es geht um kleine Spinnereien und große Sehnsüchte, es geht um Gott, Sex und Suff, auch um Poesie und Astronomie – wenn auch nicht unbedingt in dieser Reihenfolge.
Manche wachsen an den härtesten Bewährungsproben, andere zerbrechen, mürbe geworden vor der Zeit, bei geringem Gegenwind.
Der schabernackige Charme der Bewohner verführt indes nicht zum bloß amüsanten Schmunzeln, dafür ist die Trauer zu stark, sind die Dramen zu intensiv, die Lösungen zu vorläufig, das Entrinnen zu fragil, die Abgründe zu nah.
Die beinahe als Episodenroman einzuordnende Sammlung von Anekdoten, Possen und Phantastereien, durchtränkt von Tränen, Scherz und Ergriffenheit, passend mit Lakonie angereichert, sie rührt einen.Weil es doch immer um die großen Sehnsüchte geht, nicht zuletzt die, nicht vergessen zu sein am (gefühlten) Ende der Welt.
Um Irrsinn und Rausch und das ewige Hoffen auf Würde.
Sie rührt einen, ehrlich gesagt, sogar sehr.
Jón Kalman Stéfansson; Sommerlicht, und dann kommt die Nacht; Reclam; 19,90 Euro
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