Buchtipp: Die Sehnsucht der Atome

Eine mörderische Rätselreise: Linus Reichlins wundersamer Thriller "Die Sehnsucht der Atome"

 

Buchtipp: Die Sehnsucht der Atome

Schon von vielen seltsamen Hobbys der auch sonst oft eigensinnigen Ermittler hat man uns berichtet, auch wenn die Trunksucht, das Wettbedürfnis und eine Schwäche für die "falschen Frauen" gewiss weiterhin und wenig originell die ersten Plätze besetzt halten dürften, dicht gefolgt von diversen kulinarischen Gelüsten und Kenntnissen.Zu den Skurrilitäten zählten dagegen bereits Papageienzucht, Zauberkunststücke und Gartenarbeit. Aber dass sich einer vorrangig um das Heliumatom sorgt, dass er also der Quantenphysik sein Herz, seine Zeit und einen beträchtlichen Teil seines pekuniären Verdienstes schenkt, das hat eine gewisse Klasse.
Das Heliumatom ist ohnehin etwas ganz Besonderes, denn, das weiß ja jedes Quantenphysikerkind, es geht mit keinem anderen Atom eine Verbindung ein.

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Fast wie bestimmte Kriminalisten, die ja auch… einsame Wölfe sind, jaja. Doch bevor die Symbolik hier größenwahnsinnig wird, soll lieber und besser ein wenig geschwärmt werden von Linus Reichlins Krimidebüt. Denn sein Inspektor Hannes Jensen, ein misstrauisch beäugter Deutscher in Brügge, verwitwet und ungeliebt, keine menschliche und/oder sexuelle Wechselwirkung in Sicht, ist ein armer Kerl, dem man sofort alles Gute wünscht – einfach weil es ihm daran so eklatant fehlt. Aber kurz vor der vorzeitigen Pensionierung, nach der er sich eigentlich nur noch, genau, diversen Experimenten widmen wollte (Kernfrage: Kann ein Elektron an zwei Orten gleichzeitig sein?), ereilt ihn noch ein mysteriöser Fall. Er trifft ihn so, wie einem ein Ast auf den Kopf fallen kann – jede Menge anderer Bäume bleiben stabil, an jedem anderen Tag weht kein Windhauch, jede Menge anderer Leute sind unterwegs, ungetroffen.

Aber ihn bittet nun zuerst ein zwielichtiger amerikanischer Tourist namens Ritter um Schutz vor nur vage benannter Bedrohung. Jensen lehnt mürrisch ab, am Tag darauf liegt der Mann tot auf der Gasse. Der Gerichtsmediziner, neuestens ja oft Hirn & Held aller Beweisführungen, zuckt hier – dafür sei Reichlin allein schon herzlich gedankt! – bloß ratlos mit den Schultern: Ein Mord, eine höchst seltene Infektion, ja, das alles wohl schon, ein Verbrechen, das ja, aber im Grunde unmöglich auszuführen. Was zudem stutzig macht, ist das fast spurlose Verschwinden zweier elfjähriger Söhne, die das versoffene und in ruppigen Rätseln sprechende Opfer begleiteten, als es noch lallen und ihnen ordentlich Angst einjagen konnte. Jensen macht sich auf den Weg, fliegt in die USA, gerät in libidinöse Verwirrung angesichts einer sehr diktatorischen blinden Schönen, die eher ihn resolut aufgabelt, im Wortsinn von "aufspießen" fast, als dass er sich ihr anschlösse. Gemeinsam erreicht man den Wohnort der Ritters in Arizona, aber auch da wartet nur wieder eine Tote samt Geheimnis.

Reichlin, in "unseren" Journaille-Kreisen bereits als stilkundiger Kolumnist hoch angenehm aufgefallen und verdienter Träger des Ben-Witter-Preises (der Namensgeber war ein fantastischer "literarischer Spaziergänger" für die "Zeit"), schildert eine atemraubende Odyssee, Metamorphose und ein paar lässig gestreute Esoterik-Phänomene inbegriffen. Denn der eben noch so missmutig daherwankende Jensen rafft sich auf, wird bissig und hartnäckig, zieht immer weiter durch staubige Prärien, dann nach Mexiko, auf schlammigen Pfaden, an steilen Berghängen, besessen von der Chance, sich noch einmal, ein Mal wohl nur noch, zu beweisen, dass er etwas taugen kann. Dass er dieses Rätsel lösen kann. Das klappt natürlich nicht ganz, aber Jensen ist ein sehr interessanter Verlierer. Reichlin, dessen Vorlieben für den film noir ab der Hälfte resolut das Kommando übernehmen, irgendwo zwischen B. Traven, Robert Mitchum und einem Wim-Wenders-Roadmovie angesiedelt, hat einen vertrackt charmanten, im guten Sinne amüsanten, oft spielerischen und dabei (auch noch) anspruchsvollen Thriller gewonnen, bei dem man freilich nicht auf klare Whodunit-Lösungen und andere simple Wahrheiten hoffen sollte.

Linus Reichlin; Die Sehnsucht der Atome; Eichborn Berlin; 19,95 Euro

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