Buchtipp: Hier keine Kunst
Schelmisch, lustig, gut: Marc Degens' neuer Beinahe-Roman
Buchtipp: Hier keine Kunst
Wie man sich wohl fühlt, wenn einem das Feuilleton der FAZ bescheinigt, man sei "der kafkaisch-joyceanische Strindberg der Generation X für Beckett-Leser, die gern comiclesend fernsehen"? Ganz toll? Deprimiert? Mindestens verwirrt, soviel scheint gewiss.Suizidgefährdet gar oder einfach nur verzweifelt angesichts dieser Überhöhungskaskade?
Und nun die gute Nachricht: Marc Degens, der das alles schon vor über zehn Jahren anlässlich seines Romandebüts "Vanity Love" einstecken musste, im zarten Alter von 26 Jahren, hat seine Autorenlaufbahn mutig-munter fortgesetzt.
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Er veröffentlichte die Erzählung "Rückbau" (2000), die in 18 Fortsetzungen just in der FAZ erschien, verblüffte mit der äußerst tonfallsicheren und lakonischen Romankolumne "Unsere Popmoderne" (2001/02), sammelte diverse Arbeitsstipendien und war auch sonst gar nicht faul.
Bis zu seinem zweiten Roman hat es aber – trotz oder wegen der seltsamen Hymne – bis zum Frühjahr 2008 gedauert.
Und dann scheint es noch eine gewisse Scheu vor dieser "großen Form" zu geben, denn als Unterzeile zu "Hier keine Kunst" liest man "fast ein Roman" auf dem recht lieblos gestalteten und übertrieben düster gehaltenen Cover.
Da vor wie nach der Lektüre unerfindlich bleibt, was an einem ganzen, ja echten Roman denn nun hier fehlen soll, muss man Degens mindestens vorläufig unter schärfsten Koketterie-Verdacht stellen.
Dass der gebürtige Essener zudem behauptet, er lebe – und zwar durchaus freiwillig – in Eriwan, gehört unter diesen Umständen eigentlich auch gründlichst überprüft, indes hier fehlt der Spesenetat.
Man muss auch mal glauben und vertrauen können, und wenn’s denn der Interessefindung dient! Mätzchen aber, erdacht oder bloß rapportiert, hat dieses Buch gar nicht nötig.
Denn "Hier keine Kunst", da muss man dem FAZ-Kollegen mit elfjähriger Verzögerung doch auch quasi über Bande schließlich Recht geben, hat tatsächlich was von Kafka, von Joyce, von Beckett.
Und von Eckard Henscheid sowieso, von Frank Schulz auch, dazu Helge Schneider, etwas noch von Simon Borowiak, und das alles nicht zu knapp.
Man kann sich wahrlich schlechtere Voreiferer suchen.
Erzählt wird mit erstaunlicher Sicherheit ein Schelmenroman, der ohne Mühen auch "Von einem, der auszog, das Verlieren zu lernen" heißen könnte.
Seine Großmutter nennt den redseligen und erklärfreudigen Kerl "Jürgen", aber er hat es auch nicht leicht mit ihr.
Der Nahezu-Taugenichts, noch früh, aber doch schon bedrohlich sicher in seinen Dreißigern, flieht aus der münsterländischen Provinz in die ach so brodelnde Hauptstadt, versucht sich als Schriftsteller, Nachtschwärmer und Frauenversteher – man könnte nicht mit Bestimmtheit sagen, in welcher dieser (und weiterer) Disziplinen er am konsequentesten scheitert.
Er scheitert jedoch mit Verve, mit unerschrockener Freude an all den jeweils nächsten, zwanglos entwickelten und ebenso unverkrampft verfolgten, gern auch rasch wieder aufgegebenen Plänen und Möglichkeiten.
Jürgen kehrt heim, und nur wer ihm wirklich Böses wollte, könnte ihn "geschlagen" nennen.
Mama und Papa sind freundlich und genügsam, doch das Ende der Leidenszeit ist noch fern: Eine hartnäckige, leider komplett reizlose Literatur-Verehrerin folgt ihm, das Lokalblättchen erkennt nicht, welche Kisch-Reinkarnation ihm da ins Redaktionsstübchen geweht worden ist, die erste Lesung unseres viel versprechenden Künstlers, in die Porno-Abteilung der Videothek gelegt, wird zum psychischen Fiasko… Degens untertreibt systematisch, wo sein Narr besonders übel auf die Schnauze fliegt, er lässt ihn träumen und spinnen, fabulieren und faseln, schwadronieren und ihn sich selbst ermahnen, dass es eine wahre Freude ist.
Ganz nebenbei bekommt der so genannte "Literaturbetrieb", wo unserem aufrechten Tor die blutleeren Wichtigtuer und Phrasendrechsler reihenweise begegnen – man versteht, klaro, einander ganz und gar nicht –, sein Fett so verdient wie überreichlich weg.
Man leidet fast mit Jürgen, diesem lethargischen, aber doch unermüdlichen Pechvogel, der in Slapstick-Manier immer dann besonders, ja nahezu brüllend komisch ist, wenn er sich im Prinzip als glücklichen Menschen er- und empfindet.
Degens schreibt fein und schräg, man lacht sich schlau und scheckig.
Vielleicht ist es doch nicht so übel in Eriwan…
Marc Degens; Hier keine Kunst; Erata Literatur Verlag; 19,95 Euro
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