Buchtipp: Roter April
Weit mehr als nur ein fesselnder Thriller: Der junge Santiago Roncagliolo führt durch eine so fantastische wie blutige Karwoche in der peruanischen Provinz
Der Mittwoch vor dem Karfreitag ist in der abgelegenen peruanischen Stadt Ayacucho, „Stadt der 33 Kirchen“, wo zum Osterfest eine prächtige Prozession der anderen folgt, ein sehr guter Tag für einen Mord. Denn erstens ist jeder irgend mögliche Zeuge damit beschäftigt, seinen Rausch auszuschlafen, der das Ende der Fastenzeit besiegelt, zweitens kann man Trunk- wie Eifersucht, beides feststehende Beigaben zur ekstatisch begangenen Karwoche, für jede Gewalttat verantwortlich machen.Dass der junge stellvertretende Staatsanwalt Félix Chacaltana sich dennoch ganz pflichtgemäß für den grausam verstümmelten Leichnam interessiert, ist sämtlichen Obersten, Kommandanten und anderen korrupten Provinzpotentaten erst schlicht unverständlich, dann aber bald ein regelrechter Dorn im Auge.
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Wo alle ganz gewohnheitsmäßig vertuschen, wo die Propaganda und die Psyche – unabhängig von der Wirklichkeit – gemeinsam beschließen, dass die Guerillataktik des „Leuchtenden Pfads“ gescheitert und die nationale Ruhe dank der ach so tapferen Sicherheitsorgane wieder hergestellt sei, wirkt der beflissene Ermittler wie eine kafkaeske Witzfigur. Denn Chacaltana allein glaubt an die offiziellen Beteuerungen, man befinde sich in einem Rechtsstaat, nur er traut noch der Kraft von Indizien und Beweisen, während rund um ihn her routiniert vertuscht und ignoriert wird und die Idee der Unschuldsvermutung nur für amüsiertes Kopfschütteln sorgt. Der kleine Beamte, der erst zaghaft fragt, auf Ungereimtheiten stößt, dann mit einer Hartnäckigkeit weiterforscht, die angesichts der Umstände nur als grotesk, wenn nicht selbstmörderisch bezeichnet werden muss. Doch Chacaltana kann nicht anders, dem aus dem fernen Lima heimgekehrten Mann, zudem mit einem unheilbaren Mutterkomplex beladen, bleibt nichts anderes übrig zur Rettung seiner kümmerlichen Rest-Würde. So wird das unscheinbare Kerlchen zum unverhofften Sandkorn im mühsam am Laufen gehaltenen Getriebe, ein Alien – das ist die fintenreiche und bitterböse Story des jungen Autors Santiago Roncagliolo, der weit mehr als nur einen Thriller vorlegt. Der Kunstgriff, das gesamte Geschehen in die Osterzeit zu verlagern, ist schlüssig, denn Chacaltana stolpert auf einem mehr und mehr persönlichen Passionsweg, der keinerlei Auferstehung verheißt. Der „Oster-Krimi“ als Subgenre: Mit dem zu tragenden Kreuz, mit Leiden und Blut – hier scheint sich, siehe zuletzt David Hewsons Cadiz-Variante „Semana Santa“, eine noch junge, doch zweifellos ausbaufähige Tradition zu entwickeln. Dieser Zeitrahmen wird mit all seinen bildermächtigen Anspielungsmöglichkeiten, mit dem Dilemma zwischen tradiertem Katholizismus und der gar nicht so gestrigen „Theologie der Befreiung“, voll ausgeschöpft. Der Tod ist allgegenwärtig: „Das einzige, was alle teilen, das einzige, worüber niemand spricht.“ Das Trauma der Nation und zugleich jeder einzigen Familie, die Blutspur der Attentate und Vergeltungsschläge, die drückende Belastung, die auch nach Jahren nicht schwindende Angst, dieses Klima schildert Roncagliolo mit bitterer Präzision. Dass beinahe alle Menschen, mit denen Chacaltana spricht, egal auf welcher Seite sie tatsächlich oder vermeintlich stehen, kurz darauf tot sind, dass ausgerechnet der Weg jenes seltsamen Mannes, der zart gegen das bloß mit Achselzucken quittierte Schlachten aufbegehrt, bald von einer ganzen Leichenschar gepflastert ist, dient nur als eine der zahlreichen ironischen Volten des immer fantastischer anmutenden Romans. Roncagliolo, so aufmerksamer wie eigensinniger Schüler von Vargas Llosa und García Márquez, zeigt uns die Höllenseite des magischen Realismus. So wächst Chacaltana zur tragischen, zur verfluchten Figur, die inmitten der Blutstrudel noch versucht, das Grauen in korrekte Amtssprache zu kleiden, ein verfluchter, armer Ritter, ein unfreiwilliger Mit-Tänzer im peruanischen Todesreigen. Santiago Roncagliolo; Roter April; Suhrkamp; 19,80 Euro
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