CDtipp: Bye-bye, Bonanza
Der studierte Politologe Mittermeier hat intensiver denn je an seinen Texten gearbeitet und traut sich nun federnd, mutig und eloquent aus der Hampelmann-Ecke heraus.
Einige Klamaukrumbrüller, die mit der Endlosschleife aus „Nee?! Ja? Vastehste?!“ ganze Fußballstadien füllen, möchte Michael Mittermeier wohl weniger denn je als „Kollegen“ wahrnehmen.Er selber behauptet zwar, er mache sich „da gar nicht so große Gedanken“, wenn man ihn nach seiner erkennbaren Abnabelung vom Primat der Albernheit fragt, aber das ist wohl nur der Unwille zum plakativen Statement. Der quirlige Clown Mittermeier, dessen Bosheiten manch Zuschauer bislang nicht wahrnahm, weil man sich lieber im gemeinsamen Wiedererkennen und Abfeiern von TV-Mythen vergnügte, fordert seine Fans zum Umdenken auf: Bye-bye, Bonanza.
- Schlagen Sie hier relevante und interessante weiterführende Inhalte zu diesem Artikel vor.
Mittermeiers neues Programm „Safari“, eine doppelte Reiseerzählung durch die dank deutscher Touristen auch humoristisch globalisierte Welt und die heimische Seelenlage – jawohl, der Vollkontakt von beidem führt direktemang in das Image-Desaster! – markiert einen gar nicht so kleinen Schritt für den Unterhalter M.: Er ist jetzt, man mag es kaum sagen, man will ihm ja nicht schaden, na, es muss doch raus – er ist jetzt sowas wie ein politischer Kabarettist.
Also, ja.
So, jetzt ist es raus, und jetzt mögen bitte alle, die „Oh, nee“ genölt haben oder „Aber der war doch immer so lustig!“ seufzten, trotzdem weiterlesen, beim bösen K-Wort nicht bloß an den düffeligen „Scheibenwischer“ denken, sondern mal (ein Mal!) etwas weiter.
Denn Mittermeier geht den Wahnwitz - der ja nur nominell politisch Verantwortlichen - mit seinen, den bewährten Mitteln an.
Das bedeutet, dass er bei seinen Geschichten, ganz wie in einer ziemlich verzwickten, also wiederum recht lebensnahen Soap, reichlich Umwege bis an den Rand der sozialen Beziehungen geht.
Dank vielfältiger wie kunstvoller Verzögerungen und Verästelungen kann er, didaktisch klug, gerade weil man’s nicht merkt, möglichst viele Pointen am Rande einsammeln und mitnehmen, aber sein Publikum auch auf Erkenntnisse vorbereiten, die bitterer ausfallen als gewohnt.
Das Ergebnis ist ein durchdachtes Zwei-Ebenen-Programm: Weil Besserwisserei, noch dazu von der Bühne herunter, weder beliebt noch erquicklich ist, wird vorne nach Herzenslust gekaspert, während im Hinterkopf durchaus böses Schmunzeln gefördert wird.
Der studierte Politologe Mittermeier hat intensiver denn je an seinen Texten gearbeitet und traut sich nun federnd, mutig und eloquent aus der Hampelmann-Ecke heraus, wo man ihn, in pessimistischen Momenten, schon unwürdig altern sah.
So hoffen wir, dass er sich weder irre machen lässt von den „Früher gab’s mehr Lacher“-Deppen, noch kriegen lässt vom sozialdemokratischen Rechthaber-Virus.
Der – inoffizielle – Club der Comedians mit Haltung ist kein gar so großer Haufen.
Da kann vorerst auf keinen verzichtet werden.
Hörprobe aus Michael Mittermeiers "Safari": Der Bremser
Michael Mittermeier, "SAFARI", die CD ist ab 22.
Februar im Handel;
- Faces of Evil - Das Böse zeigt...
- Edward Steichen und die Kunst des...
- Andreas Dresen: "Die haben sich...
- Wie wird man Milliardär?
- Jürgen Vogel: "Zweifeln tue ich...
- Buchtipp: "Englischer Harem"
- Jeff Koons in Berlin
- Warum ich mit Carla Schluss gemacht...
- TV-Tipp: Prestes Maia - Freiheit...
- Sol Gabetta - Il Progetto Vivaldi...
