Wii geil!
Kultur hat nichts mit dem Leben zu tun? Und ob! In seiner Kultur-Kolumne versucht Axel Brüggemann die aktuellen Diskussionen des Feuilletons zu erden. Als Buchautor und Journalist hat Brüggemann die Kulturdebatte immer wieder selbst belebt. Für uns schaut er sich an, worüber diese Woche gestritten wird und erklärt, was sie wissen sollten, um mitreden zu können
Wie lesen Sie eigentlich Ihre Zeitung? Bei uns "Professionellen" ist das ja so: Jede Zeitung erfordert einen anderen Handgriff. In der "Süddeutschen" blättert man das Politikbuch mit der Linken vor, greift mir der Rechten nach dem zweiten Blatt und zieht es heraus. In der FAZ muss man einige Bücher weiter schlagen, um das "Feuilleton" zu erwischen, und in der "Berliner Morgenpost" ist die Kultur im hinteren Teil der Berlinseiten versteckt. Andere Zeitungen und Zeitschriften muss man auf der Suche nach Kulturberichten dummerweise immer ganz durchblättern. Die "Bild" zum Beispiel, oder den "Spiegel". Das hat den Vorteil, dass man nicht zum Fachidioten wird. Im letzten "Spiegel" habe ich mich auf meiner Kultursuche im Wirtschaftsteil verirrt, den die Leute aus dem Feuilleton eigentlich sofort entsorgen. "Mal wieder so ein Bericht über Spielkonsolen", habe ich gedacht – und erst nach der Lektüre gemerkt, dass der Text über den Erfolg der Spielkonsole Wii unter der Rubrik "Sport" stand. Ich habe den Text gelesen und finde, dass er eigentlich unter Kultur hätte stehen müssen.
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Vor drei Tagen war ich bei Freunden eingeladen – meine Frau musste arbeiten, also wurde das Kind gezwungen mitzukommen. Maries Proteste blieben zwecklos. Mein Kompromiss: Danach gehen wir ins Kino. Tatsächlich war der Brunch eine sehr nette Veranstaltung: Architekten berichteten über ihre neuen Projekte, Filmleute über ihre neuen Filme und ich über meine letzte Kolumne – einer der Gäste war gerade von einem Schweigeurlaub in Indien zurückgekommen. Er ahnte noch nicht, was mit Marie auf ihn zukam. Für sie war zunächst alles so, wie sie es befürchtet hatte: Die Gastgeberin Simone versuchte sie mit einigen Buntstiften und Papier am Erwachsenentisch abzuspeisen. Bis Simones Mann Marie fragte, ob sie Wii kenne. Kannte sie natürlich! Aus der Werbung! Dort hatte sie die neue Spielkonsole bereits gesehen, bei der man mit verschiedenen Fernbedienungen in Real-Bewegungen im Wohnzimmer Tennis, Golf, Skispringen oder Abfahrtslauf spielen kann.
Nach 10 Minuten haben wir Filme Filme sein lassen, Architektur Architektur und Zeitungen Zeitungen und uns um die Fernbedienungen gekloppt. Es konnte doch nicht sein, dass Marie uns alle abzockt – wer würde sie als erster schlagen? Wir haben zu viert Tennis-Doppel im Wohnzimmer ausgefochten und später noch das Musikspiel eingelegt. Einer am Schlagzeug, einer an der Gitarre, einer am Mikrofon. Es hat einige Zeit gedauert, bis wir die "Police"-Songs im Griff hatten. Die Brunch-Gesellschaft wurde zur Rock-Band.
Statt "Asterix und Obelix" mit Michael Schuhmacher als Ferrari-Rennfahrer bei den Olympischen Spielen anzusehen, haben Marie und ich beschlossen, zu Hause unsere eigene Olympiade auszutragen. Also sind wir zu "Saturn" gefahren, haben dieses kleine weiße Computerding gekauft – und der Tag war gelaufen.
Heute, drei Tage später, hat sich meine Meinung zu Computerspielen grundlegend geändert. Ich habe nie zu den pickeligen Pubertierenden gehört, die zu Hause geballert haben, aber einen Faible für meinen alten Commodore 64 hatte ich schon. Seither habe ich auf meinem Computer allerdings nur noch wenige Programme: Word, Photoshop, ich habe mit ihm gemailt und höchstens mal das ein oder andere Video geschnitten. Computer sind für mich ein Hilfsmittel geworden, kein Lebenselexir. Doch Dinger wie Wii sind keine Daddelanlagen, sondern Gesellschaftsspiele wie "Mensch ärgere Dich nicht" – und sie sogen sogar für Muskelkater. Außerdem ist Wii strenger als jeder Fitness-Trainer. Beim ersten Training berechnete der Computer mein Fitness-Alter noch mit 65. Unverschämt! Seitdem arbeiten Maries Mutter und ich, nachts, wenn Marie schläft, heimlich an der Verbesserung unserer Werte. Inzwischen passt unser Wii-Alter mit unserem echten zusammen. Und: Wir haben vor, noch jünger zu werden. Die Fernbedienung legen wir nur dann aus der Hand, wenn eine Sache wirklich nicht virtuell zu erledigen ist: so wie das Kochen, das Essen – und ein Wii-Spiel für unter der Bettdecke gibt es (zum Glück) auch noch nicht.
Nein, ich bin nicht süchtig! Aber ich glaube schon, dass man irgendwann die ganze Welt mit diesem Ding steuern können sollte. Zum Beispiel ein Konzert, wenn der Dirigent in lahme Tempi verfällt – wäre doch toll, wenn das Publikum in der Philharmonie mit der Wii-Bedienung die Sache etwas anheizen könnte. Oder im Kino – warum fliegen wir den Roten Baron nicht selbst, statt es Matthias Schweighöfer zu überlassen. Das Computerspiel wäre auch etwas für Katharina Wagners neues, multimediales Bayreuth durchaus geeignet: Wotans Weltuntergang per Armbewegung. Merkwürdig, dass der Spiegel Wii im Sport verhandelt hat. Eigentlich ist diese Erfindung eine Kulturrevolution. Schon jetzt werden mehr Musiktitel für Wii-Bands heruntergeladen als MP3-Tracks bei iTunes. Und nächste Woche kommt auch noch Wii-Fit auf den Markt, eine Art Badezimmer-Waage, auf der man mit entsprechenden Bewegungen Hoola-Hoop machen kann, Yoga und Abfahrtsski. Ich habe Marie schon gesagt, dass wir das unter keinen Umständen kaufen werden. Niemals. Ich werde mich nicht zum Sklaven des Computers machen, weiß doch, dass Soziologen wie Richard Sennet mir sagen würden, dass ich ein perfektes Opfer für den Markt bin, der davon lebt, mir dauernd irgendwelche unnützen Neuigkeiten zu verkaufen, statt Inhalte. Und außerdem hat mir ein Freund, dem ich von meiner Wiiphorie berichtet habe, gesagt, dass er seinem Sohn schon vor Jahren so ein Ding gekauft hätte und es nun in der Ecke stehen würde. Alles gute Argumente. Aber, anschauen werde ich mir Wii-Fit schon mal dürfen – das kostet ja nichts.
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