Don't call me Acki

Kultur hat nichts mit dem Leben zu tun? Und ob! In seiner Kultur-Kolumne versucht Axel Brüggemann die aktuellen Diskussionen des Feuilletons zu erden. Als Buchautor und Journalist hat Brüggemann die Kulturdebatte immer wieder selbst belebt. Für uns schaut er sich an, worüber diese Woche gestritten wird und erklärt, was sie wissen sollten, um mitreden zu können

 

Seit drei Jahren wohne ich jetzt mit Marie zusammen – sie ist 10 Jahre alt, und ihre Freunde heißen Lea, Luka und Moritz. Keiner von ihnen hat einen Spitznamen, keiner! Nur mich, mich nennt Marie neuerdings "Acki". Niemand hat mich bisher "Acki" genannt. "Acki" finde ich asi! Und aus Rache nenne ich Marie seitdem "Kackbratze". Aber das findet sie eher lustig, und es hält sie auch nicht davon ab, mich weiterhin "Acki" zu nennen. Don’t call me "Acki"!

Ich war stolz darauf, dass mich 34 Jahre lang niemand "Acki" nannte. Denn Spitznamen tragen schließlich nur Leute, die man nicht ernst nimmt. Oder Leute, die einen Beruf haben, den man nicht ernst nimmt. Fußballer zum Beispiel. Die haben alle Spitznamen, so wie Poldi und Schweini. Nur Fußballer, die wirklich wichtig sind, haben keinen Spitzamen, sondern tragen stattdessen einen Beinamen. Im Gegensatz zu Spitznamen sind Beinamen eine Auszeichnung: So wie bei Kahn, dem Titan, oder Beckenbauer, den Kaiser.

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In der Schule hatte ich auch einmal so einen Beinamen. Der Lehrer hieß Herr Brokopf, aber wir nannten ihn nur BRO. Später, nachdem ich im Schullandheim bei einem Fussballturnier vor Erschöpfung die Spaghetti, die wir zuvor selbst gekocht hatten, wieder ausgekotzt habe, nannte er mich "Professor Nudels" – plötzlich hatte ich doch einen Spitznamen. Und Schuld war: der Fussball!

Vor einigen Tagen habe ich Radio gehört. Dort hat Angela Merkel das letzte Vorbereitungsspiel der Nationalmannschaft auf die EM kommentiert. Was sie gesagt hat, ging eigentlich in Ordnung, dass noch einige Kleinigkeiten zu korrigieren seien, dass es ansonsten aber gut laufe mit unserer Elf. Gestockt habe ich nur beim Moderator, denn der nannte Angela Merkel (also: Angehlah) plötzlich Äändschela, und man hörte förmlich, dass ihm sogar das noch familiärere Äindschi auf den Lippen lag.

Das ist schon merkwürdig, in Deutschland buhlen Politiker immer wieder darum, Kumpel zu sein – und geduzt zu werden. Hamburg sollte "OLE" wählen, und, klar, Äindschi hat sogar die alte Pop-Hymne auf ihren Vorwahl-Veranstaltungen spielen lassen. Trotzdem haben Politiker in Deutschland so gut wie keine Spitznamen. Im Ausland ist das anders, da heißen die Regierungschefs "Sarko" oder Politiker tragen gleich Namen, die eigentlich Spitznamen sind, so wie Hillary oder Tony.

Nur bei uns kann Ole seinen Namen plakatieren, bis er rot wird, und wir werden ihn trotzdem Bürgermeister von Beust nennen. Und Kurt Beck, der sich über ein kollektives Kurti freuen würde, der inzwischen selbst mit dem Kosenamen Knut zufrieden wäre, bleibt einfach nur Beck, oder in der Siezform der Sozialdemokraten: Genosse Kurt. Bei Äindschi ist das anders – und ich habe die Vermutung, dass das mit dem Fußball zusammen hängt.

Unvergesslich, wie sie bei der WM mitfieberte, und klar, dass Poldi, Schweini, Waldi und Co. sie sofort in den Duz-Kader integrieren. Das hat nicht einmal Gerhard Schröder geschafft, den seine alten Fußball-Kollegen "Acker" nannten – aber als Kanzler blieb er Herr Schröder.

Dabei geht ja selbst im Fußball der Trend wieder weg von den Spitznamen. Klinsi, der war noch Klinsi – und fertig. Aber bei unserem Bundes-Jogi klingt das schon etwas gewollter. Selbst bei Spielern, für die ein Spitzname eigentlich nahe liegen würde, bleiben Reporter und Fans jedem einzelnen Buchstaben treu. Selbst bei komplizierten Namen wie Metzelder. Und selbst bei Ballack verkneift sich jeder ein nahe liegendes "Balli". Er ist ja auch der Kapitän. Es liegt wohl daran, dass die meisten unserer Jungs den Spitznamen schon von ihren Eltern geerbt haben: Lahm, Adler, Frings und Enke – was soll man daraus noch machen.

Vielleicht liegt es aber auch daran, dass unsere Fußballer unseren Politikern immer ähnlicher werden, dass wir gar kein Interesse mehr daran haben, sie zu verniedlichen, weil sie zu professionell sind. Kaum einer stottert noch "ähh" und "ich würd mal sagen" ins Mikrofon. Alle sind rhetorisch geschult, und seit Klinsi ist so ein Trainingslager auch eine Angelegenheit von Schacka-Schacka-Motivationsseminaren, und ein Spiel so taktisch wie ein Wahlkampf. Fußball ist eine ernste Sache geworden. Und wenn’s ernst wird, gibt es, wie gesagt, keine Spitznamen.

Die Kackbratze und ich werden am Samstag EM schauen – und wenn Deutschland ein Tor schießt, wird sie vielleicht neue Spitznamen für unsere Elf finden. Denn beim Fußball ist es ja so: Wenn der Ernst endlich beginnt, fängt der Spaß an.

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