Klassik-Bohlen

Kultur hat nichts mit dem Leben zu tun? Und ob! In seiner Kultur-Kolumne versucht Axel Brüggemann die aktuellen Diskussionen des Feuilletons zu erden. Als Buchautor und Journalist hat Brüggemann die Kulturdebatte immer wieder selbst belebt. Für uns schaut er sich an, worüber diese Woche gestritten wird und erklärt, was sie wissen sollten, um mitreden zu können

 

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Ich mag Götz Alsmann, wirklich! Auf jeden Fall mehr als Dieter Bohlen – obwohl ich den auch irgendwie mag. Wenn Menschen wären wie klassische Musik, wären sie wie Alsmann: strenge Form, Improvisation, großes Finale. Wenn Menschen wären wie der Pop, wären sie wie Dieter Bohlen: Aufwärmen, kurze, flache Botschaft und ein Ohrwurm, gegen den man sich den ganzen Tag wehrt.

Aber eigentlich schaue ich viel zu wenig fern, um all das einfach so behaupten zu können. Diese Woche war allerdings eine Ausnahme, da habe ich ferngesehen: Götz Alsmanns Nachtmusik und Dieter Bohlens Superstars. Klassik versus Pop! Einige meiner Freunde haben mich gewarnt, über DSDS zu schreiben, weil sich schon jetzt keiner mehr daran erinnert, wer eigentlich gewonnen hat. Und weil schon Hendryk M. Broder auf Spiegel-Online darüber geschrieben hat: "Es wurde geflötet, geraspelt und gemenschelt, als habe Ursula von der Leyen die Schirmherrschaft über das Projekt 'DSDS' übernommen." Was soll man danach noch schreiben?

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Vielleicht das: Nie waren die Pop-Helden so klassikgeil und die Klassik-Leute so popgeil wie heute. Ich habe diese Woche nämlich auch Zeitung gelesen. Die "BZ" zum Beispiel, Westberlins bunten Boulevard. Und da hat Bayreuths Katharina Wagner gesagt, dass sie auch gern DSDS schaut und mehr noch, dass sie alles ganz anders machen würde als Dieter Bohlen – wenn man sie nur in die Jury lassen würde. DSDS hat aber schon abgewunken. Vielleicht hat Wagner ja in Gottschalks neuer Casting-Show eine Chance, in "BSDST" ("Bayreuth sucht den Super Tenor").

Der neue Crossover findet in der Glotze statt. Um die Musik geht es da schon lange nicht mehr. Nur darum, etwas abzubekommen, vom Klassik-Glamour oder der Pop-Verwegenheit. Je nachdem, was ein Moderator gerade so braucht. Früher mündete all das wenigstens in großer Musik, zum Beispiel als Freddy Mercury mit Montserrat Caballé "Barcelona" sang oder als Luciano Pavarotti seine "Friends" getroffen hat. Absolutes Highlight war natürlich Placido Domingo, der mit Miss Piggy und den Muppet-Puppen gesungen hat. Wie fade sind dagegen Wagner bei DSDS und Götz Alsmann, der für die Klassik buschtrommelt?

Haben Sie das gesehen? Der Götz Alsmann aus "Zimmer Frei" wird in der ZDF "Nachtmusik" zum Animateur für einen Arbeiterwohlfahrt-Kaffee. Dann steht er mit schlecht sitzender Tolle in einer Dekoration aus verstaubten, orange illuminierten Stofftüchern, und mit jedem Satz merkt man ihm den Zwang an, lustig zu sein: Alsmann macht einen Witz, ein Klassik-Star tritt auf, Alsmann spielt ein Stück mit ihm, der Klassik-Star tritt ab, Alsmann macht noch einen Witz, der nächste Klassik-Star kommt.

Dass es in dieser Sendung um Klassik geht, merkt man eigentlich gar nicht: Max Raabe, die Queen Singers und der Tenor-Beau Jonas Kaufmann wirkten wie Staffage, allein Danielle de Nise konnte Alsmann in einem Couplet die Show stehlen. Und zum Abschlusslied singt und schunkelt das ganze überalterte ZDF-Publikum mit. Nach der Sendung warb der Seniorensender für Carmen Nebel. Jawoll. Das passt!

Warum, verdammt, glaubt das ZDF nur, dass Klassik immer lustig sein muss? Das hat schon nicht geklappt, als Harald Schmidt für die ARD Salzburgs "Le Nozze di Figaro" moderiert hat. Früher war Klassik im Fernsehen echte Unterhaltung: "Erkennen Sie die Melodie" eine Melange aus "Wer wird Millionär", "Klassik-Gala" und "Wetten dass…". Heute ist sogar DSDS ehrlicher – denn hier macht keiner einen Hehl daraus, dass die Stars von heute morgen schon wieder verglüht sind. Bleiben werden nur Bohlen und Alsmann.

Apropos Harald Schmidt. Seinen Kollegen Oliver Pocher habe ich diese Woche auch im Fernsehen gesehen. Er hat beim Boxen seinen neuen Sommer-Fußball-Hit vorgesungen. Ihn sollte man mal zur letzten echten Abendshow im Deutschen Fernsehen schicken – dann könnte er sich von Stefan Raab auf die Fresse hauen lassen. Bei der EM singen neben Pocher übrigens auch andere Pop-Stars: Rolando Villazón, Anna Netrebko und Placido Domingo. Wie wär’s mit Dieter Bohlen und Katharina Wagner als Schiedsrichter?

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