Typisch deutsch
Kultur hat nichts mit dem Leben zu tun? Und ob! In seiner Kultur-Kolumne versucht Axel Brüggemann die aktuellen Diskussionen des Feuilletons zu erden. Als Buchautor und Journalist hat Brüggemann die Kulturdebatte immer wieder selbst belebt. Für uns schaut er sich an, worüber diese Woche gestritten wird und erklärt, was sie wissen sollten, um mitreden zu können
Kann mir mal jemand sagen, wie lange die Sache mit dem Nationalismus eigentlich her war? Nicht das mit Hitler und später mit den Spaghettifressern und Knoblauchtürken, nein, ich meine die Weltordnung so kurz vor und nach dem Ersten Weltkrieg, als es sich die Länder dieses Globus’ noch gemütlich eingerichtet haben in den Wohnstuben des Chauvinismus und jedes Land ein herrlich gehässiges Bild der anderen Länder pflegte. Als "der Russ" noch ein Barbar, "der Ami" schlichtweg blöde und der Franzmann ein notorischer Lügner war, der dummerweise die schönsten Frauen zeugte.
Ich bin bei so etwas immer ein wenig aufgeschmissen. Was ist zum Beispiel heute amerikanisch? George W. Bush oder Michael Moore. Und was bitteschön französisch? Sarkozy oder Bernard-Henry Lévy? Ja, und was ist russisch? Der eine Putin oder der andere? Nur was typisch deutsch ist, das weiß ich inzwischen ziemlich genau. Thea Dorn zum Beispiel, der SPIEGEL und die ZEIT. Oder, kurz gesagt, das gesamte deutsche Feuilleton, das es schafft, auch jede Absurdität in einen Kontext zu stellen, in dem selbst Dreck noch wie Gehirngold klingt.
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Also, da hält irgend ein Schizo seine Tochter jahrelang im Keller gefangen, und die Krimiautorin Thea Dorn erklärt uns jetzt, warum das typisch österreichisch sei. Nein, genau genommen lässt sie es den seligen Thomas Bernhard erklären: "Der Österreicher ist der geborene Verbrechendecker, der Österreicher deckt jedes Verbrechen, und sei es das Gemeinste." Alles klar, Thea Dorn, in Amerika, wo die Massenmörder Kultstatus erlangen, oder in Deutschland, wo man schon wegschaut, wenn der Großmutter die Handtasche geklaut wird und kleine Kinder nicht erst in den Keller kommen, sondern gleich in die Tiefkühltruhe gesteckt werden, ist das natürlich ganz anders. Aber Thea Dorn meint auch eher, dass Österreich nun eine Image-Kampagne startet, mit der es sagen will, dass es außer Kinderschändern in diesem Land auch noch die Alpen gibt und die Wiener Hofburg.
Deutsch ist es, diese Kampagne nicht zu führen, sondern lieber einen Amerikaner über Deutschland schreiben zu lassen, so wie die letzte ZEIT. Weil irgendjemand in der Kooperations-Abteilung auf die Idee gekommen ist, der Kampagne "Netz gegen Nazis" beizutreten, musste die Redaktion das gesamte Dossier mit diesem Thema füllen. Ehrenwert. Doch neben dem Aufmacher und zwei Seiten mit einem Poster, das die Deutschen in ihre Fenster kleben sollten, was sie aber nicht getan haben (weil das natürlich typisch Deutsch wäre), fehlten noch Texte. Also hat man einen Artikel von Tuvia Tenenbom abgedruckt, der in New York das jüdische Theater leitet. Tenenbom geriet auf seinem Deutschlandbesuch ganz und gar zufällig in die Demonstrationen vom 1. Mai, um mal eben in einem Demo-Gespräch, mit dem NPD-Landesvorsitzenden Horst, ein Kurz-Interview zu führen, während von rechts und links die Steine flogen. Tenenboms Deutschlandbild fällt dementsprechend aus: Ein Land, in dem sich Nazis und Linksradikale täglich gegenüberstehen. Überhaupt seien alle Deutschen, die er an diesem Tag getroffen habe ziemlich hohl in der Birne. Und als er sich auf dem Bahnhof eine Zigarette anzündete, wurde er noch darauf aufmerksam gemacht, dass Rauchen hier verboten sei. Herr Tenenbom, dieses Verbot haben wir in der EU von Amerika abgeschaut! Und Ihr Bild, das sie malen, ist ungefähr so, als würde ich in den USA einen Tag lang im Hotel nur den Verkaufs-Kanal für Karottenschneider anschauen und danach in der New York Times schreiben, dass man von einem Land, das Bugs Bunny erfunden hat, ja nun auch nicht mehr erwarten könne.
Typisch Deutsch ist natürlich auch Eva Hermann, die in ihrem neuen Buch Frieden mit Alice Schwarzer schließen will und das Wort Autobahnen auf ihrer Pressekonferenz bewusst vermied. Ich habe mich nicht getraut zu schauen, was Schmidt und Pocher dazu in ihrer Sendung gesagt haben, denn auch sie sind ja letztlich auch nur: typisch deutsch. Ich werde diesen Text jetzt nicht noch einmal durchlesen, bevor ich ihn ins Internet stelle. Denn dann würde ich mir ganz merkwürdig vorkommen. Typisch deutsch eben. Wir haben es schon schwer mit unserem Land. Dabei sind wir doch alle eigentlich ganz nette Menschen.
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