Sex mit gelben Engeln

Kultur hat nichts mit dem Leben zu tun? Und ob! In seiner Kultur-Kolumne versucht Axel Brüggemann die aktuellen Diskussionen des Feuilletons zu erden. Als Buchautor und Journalist hat Brüggemann die Kulturdebatte immer wieder selbst belebt. Für uns schaut er sich an, worüber diese Woche gestritten wird und erklärt, was sie wissen sollten, um mitreden zu können

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Es ist mir ein Bedürfnis, Ihnen an dieser Stelle ein Geheimnis zu verraten: mein Leben ist in Wahrheit ein gigantischer Skandal! Wie? Es interessiert Sie nicht, was ich so treibe, wenn ich mal keine Kolumnen schreibe? Na, Sie haben keine Ahnung, was Ihnen entgeht. Oder denken Sie etwa, dass ich mich nicht so wichtig nehmen sollte. Und: „Solange der hier was Vernünftiges schreibt, kann er machen, was er will.“ Gut, ich bin nicht Angela Merkel, nicht Madonna und auch nicht Max Mosley. Na ja, bei Rousseau und Foucault interessiert Sie wohl auch nur, das sie einige passable Gedanken zu Stande gebracht haben. James Joyce haben Sie natürlich im Regal stehen, weil alle sagen, dass man „Ulysses“ lesen muss und Sie das auch noch vorhaben – nicht wegen der SM-Tendenzen, die man ihm nachsagt. Und das goldgerahmte Bild von Kaiser Wilhelm II., das über Ihrem Kamin hängt, ist natürlich nichts weiter als ein amüsantes Auktions-Schnäppchen mit historischer Ironie. Bei keinem dieser Leute hat sich irgendjemand über deren sadomasochistische Eskapaden aufgeregt, was wohl den einfachen Grund hat, dass keiner von ihnen eine derart große Vorbildfunktion hat wie der Chef einer Motor-Rennsport-Vereinigung.

Im letzten „Aktuellen Sportstudio“ hat Michael Steinbrecher, Sie wissen schon, der mit der neckischen Schwiegermutter-Frisur, einen Bericht anmoderiert, der am Ende der Sendung ein bisschen wie Kai aus der Kiste kam. Seit RTL sich um die Formel1 kümmert, scheinen die Leute vom ZDF das Renngeschäft hauptsächlich schlecht reden zu wollen. Auf jeden Fall hat Steinbrecher gesagt, dass ihm das Privatleben der Prominenten ja eigentlich ganz egal sei, in diesem Fall aber nicht, schließlich ging es um den Chef der FIA, Max Mosley – und der scheint nach Steinbrechers Ansicht kein Recht auf Privatleben zu haben. Mit Sensationsjournalismus hätte all das aber natürlich nichts zu tun. Also schickte das ZDF seine investigativen Reporter auf die Piste und befragte die Leute, was sie von Mosleys SM-Leben halten würden. Ausgerechnet Nick Heidfeld antwortete, dass jeder selbst wissen müsse, ob er ein Vorbild sein wolle oder nicht. Nick Heidfeld, der ein so blasser und langweiliger Saubermann ist, dass ich keinen Jugendlichen kenne, der ihn freiwillig als Vorbild wählen würde. Ob Heidfeld ADAC-Mitglied ist? Auf jeden Fall sind die Gelben Engel auch gegen das Privatleben von Max Mosley. Vielleicht sollten die erst einmal eine Umfrage unter ihren Mitgliedern machen, was die so in ihrer Freizeit tun, wenn sie nicht Auto fahren.

Dass ein Sexskandal ausgerechnet die Formel1 aus der Kurve wirft, ist schon ein bisschen komisch. Manchmal wünschte man sich eine Reportage über die Boxenluder – ob sie wohl freiwillig da stehen und manchmal auch mitgehen, wenn Kai Ebel sie anplaudert? Aber das mit den Ludern ist eben auch nur ein Werbetrick, ungefähr so wie bei den 0190er-Nummern. Da hat man ja auch selbst Schuld, wenn man anruft und darauf wartet, dass die geile Jacqueline, die sich eben noch im Fernsehen ausgezogen hat, den Hörer abnimmt und keine bügelnde Hausfrau. Die Hausfrau der Formel1 ist Nikki Lauda. Der sorgt für Ordnung, hat sogar einmal den Formel1-Star Tomas Scheckter rausgeworfen, als der sich mit einer Prostituierten in seinem Jaguar vergnügt hatte. Lauda nach dem Rausschmiss: „He blew his Job.“ Inzwischen findet er, dass Mosleys Privatleben dessen Privatsache sei.

Spätestens jetzt fragen Sie sicherlich, was all das in einer Kulturkolumne zu suchen hat. Zu Recht. Natürlich könnte man das nun so machen, wie Feuilletons es gern machen und Parallelen ziehen, zu Angelina Jolie, die sich schon mal die Arme aufschlitzt und ihre SM-Tendenzen öffentlich gemacht hat, oder zu den Eskapaden von Talker Friedman oder dem Maler Immendorf. Und dann könnte man behaupten, dass erotische Extravaganz ein Teil des Kulturguts sei. Aber man könnte unsere Kultur auch grundsätzlich in Frage stellen: Irgendetwas läuft doch falsch in einem Land, in dem Charlotte Roche zur Bestellerin wird und halb Hamburg zu Peter Zadeks St-Pauli-Inszenierung von „Nackt“ läuft und enttäuscht ist, weil es keine Haut zu sehen gab.

Am Wochenende habe ich mich mit Freunden über Max Mosley unterhalten. Die wussten nicht einmal, wer das ist, geschweige denn, was passiert war. Ich habe ihnen das dann erklärt. Und sie haben geantwortet: „Na und?“ Stellen Sie sich vor, nur einfach: „Na und?“ So, wie die meisten Leute inzwischen antworten, wenn sie von erotischen Eskapaden Prominenter hören. Wahrscheinlich, weil sie vom Internet Besseres gewohnt sind. Und weil auf den Mosley-Bildern, die durch die Medien kursierten, nicht einmal richtig nackte Haut zu sehen war. Vielleicht aber auch, weil sie Nick Heidfelds Gequatsche von Vorbildfunktion nicht mehr hören können, die Nase voll haben von unschuldigen Milchgesichtern und Mosley zustimmen, der sagte, dass er nichts falsch gemacht habe: “Wenn ich beim Rasen erwischt worden wäre oder mit Alkohol am Steuer, wäre ich sofort zurückgetreten.”

Eigentlich hat der ADAC ja ein Herz für (Verkehrs!)sünder. Aber im Falle Mosleys hebt er den Zeigefinger. Vielleicht sollte einer der größten deutschen Clubs noch einmal genau überlegen, ob er die moralische Vorbildhaftigkeit seiner Mitglieder tatsächlich zur Regel erheben will und in seinen Aufnahmeformularen neben Automarke und Motorgröße auch noch sexuelle Vorlieben und geheime, perverse Phantasien abfragt. Das bringt mich sofort auf herrliche Phantasien: Sado-Maso-Sex mit einem gelben Engel. Ist das pervers? Vielleicht sollte ich mit meinem skandalösen Lebenswandel einfach zum ADFC wechseln.

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