Keine Helden
Axel Brüggemann schreibt in seiner wöchentlichen Kulturkolumne auf PARKAVENUE.DE, was den Feuilleton bewegt. Und erzählt uns in dieser Woche, warum er die Lehmänner und Ballacks jämmerlich findet
Was ist eigentlich die Symbiose von Jammerlappen und Wohlstandskind? Ich meine jenen sozialen Zustand, den manche Jugendliche erreichen, wenn sie mit einer Mathe-Vier nach Hause kommen und das Ergebnis tränenreich am Abendbrottisch bejammern – weil die Versetzung ja gefährdet ist. Aber dann, am nächsten Tag ziehen sie mit den Freunden überheblich über die blöde Mathelehrer-Kuh her, die zwar Mathe kann, aber sonst total unlässig ist. Natürlich legt man in diesem Moment demonstrativ und zur allgemeinen Belustigung auch die Postkarte "Mathe ist ein Arschloch" auf die Schulbank. Hauptsache die Schuldisko am Wochenende wird geil. Mathe üben kann warten.
Es ist vielleicht eine Krankheit der Feuilletons, selbst beim Fußball noch gesellschaftliche Parallelen zu ziehen, und den Rot-Schwarz-Gold, äh, Schwarz-Rot-Gold-Taumel in Grund und Boden zu reden, weil Rot-Gelb einfach besser gespielt hat. Weil die Kicker aus unseren Urlaubskolonien uns überrannt haben, weil Torres und nicht Jürgen Drews der wahre König von Mallorca ist. Weil die Spanier nicht nur Eins und Eins zusammenzählen konnten, sondern in ihren Angriffen auch noch Quadratwurzeln gezogen und Wahrscheinlichkeitsrechnungen angestellt haben. Wenn ihre spektakulären Rechenwege immer ins Netz gegangen wären, hätte es am Ende Sechs zu Null gestanden!
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Sportsfreunde müssen all das eigentlich verkraften. Und das tun sie in der Regel auch. Der Bessere soll gewinnen. Aber wenn Lehmann, Ballack und Co. am Ende des Spieles auch noch larmoyante Gesichter ziehen, als hätten sie eine Vier bekommen und der Mathelehrer sei Schuld daran, finde ich das unsympathisch – ihre merkwürdig arrogante Traurigkeit, die sie zur Schau stellten, während die Spanier jubelten. Und als sie dann diese lächerlichen Schilder mit Deutschland-Schweiz- und Österreich-Flagge in den Rasen rammten, auf denen DANKE stand, hat man ihnen angesehen, dass sie noch immer geglaubt haben, die EM-Sieger der Herzen zu sein. Diese Mentalität ist der Grund, warum sie verloren haben.
Haben die denn gar nicht begriffen, dass sie hauptsächlich aus Dusel im Finale standen? Und dass dieses Glück eine Verpflichtung war, wenigstens zu kämpfen? Aber vielleicht haben sie sich ihre Kraft auch nur für den nächsten Tag aufgehoben, als sie vor 100000 Deutschland-Fans in Berlin wieder jubeln mussten. Hauptsache die Party stimmt. Wenn die neue deutsche Fußball-Elf am Ende das Ergebnis der neuen deutschen Bildungs-Moral ist, dann kann ein echter Fußball-Fan nur noch weinen.
Apropos Weinen. Es gibt Länder, bei denen die Tränen nach einem Spiel glaubhaft fließen. Bei den Holländern zum Beispiel, die genial durch die Vorrunde marschiert sind und ihre Frauen und Kinder auf das Spielfeld geholt haben. Oder bei den Russen, die als jüngste Mannschaft einfach gewinnen wollten. Oder bei den Franzosen, die selbst nach einem herben Rückstand gegen die Italiener einfach nicht aufgegeben haben – wenn die am Ende geweint haben, dachte man, ihnen ging es wirklich um etwas.
Die Türken haben nicht geweint, als sie gegen Deutschland ausgeschieden sind. Zum einen, weil Türken nicht weinen, zum anderen, weil sie stolz waren, bis ins Halbfinale gekommen zu sein. Und weil sie einfach gut waren. Und in vier Jahren noch besser werden wollen. Das sind Helden. Aber die Deutschen, diese Lehmänner und diese Ballacks, die sich am Ende des Finales Tränen aus den Augen quetschen wollen, weil sie wissen, dass die ARD große Gefühle filmen will, sind unglaubhaft. Von 90 Minuten haben sie sich die letzten 80 Minuten geschont. Nein, mit denen will ich mich nicht identifizieren. Das sind keine Sommermärchen-Helden, sondern Jammerlappen und Wohlstandskinder!
Überhaupt dieses ganze Gequatsche von einer Mannschaft, die zusammengewachsen sei. Wo waren denn Poldi und Schweini? Im dauernden Grenzzustand zwischen Euphorie (wenn es mal geklappt hat) und Depression (wenn mal ein Ding daneben ging). Und dieser pseudorationale Taktik-Streber Löw, der mal wieder alles erklären kann. Warum haben wir immer dann gesiegt, wenn er nicht auf der Bank saß und stattdessen im Glaskäfig der FIFA lässig eine Zigarette rauchte (am Ende des Österreich-Spiels und während der Portugal-Partie). Und dann Lehmann, der nach allen Patzern im Ernst gedroht hat, bis zur WM weitermachen zu wollen. Ey, Lehmann, das geht gar nicht! Nicht, weil Dir die Gegner durch die Beine spielen, sondern weil Du einfach eine Memme bist und kein Mann.
Apropos Mann – diese EM war die EM der Frauen. Angeblich haben mehr Frauen zugeschaut als Männer. Sie haben sich nicht einmal von der Abseitsfalle abschrecken lassen. Sie wollten endlich auch jubeln. Aber worüber? Über 11 Softies? Was für ein Bild haben sie nur vom Sport der Sporte bekommen? Gut, sie haben Schweinis Freundin, die aussieht wie ein Claudia-Schiffer-Verschnitt aus "Germany's Next Top Modell", kennen gelernt und einen Philipp Lahm – der einzige, der eine wirklich konstante EM gespielt hat. Aber nach ihm verdreht sich kaum eine Frau den Kopf. Zu klein.
Vielleicht ist es beim Fußball eben doch wie im wahren Leben: die Jammerlappen und Wohlstandskinder, die eine Vier schreiben und am Ende noch cool tun, kriegen alle Weiber! Aber irgendwann werden auch sie erwachsen. Und dann – das ist der Trost der Feuilletonisten – sieht die Welt wieder ganz anders aus.
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