Wachsköpfe

Axel Brüggemann schreibt in seiner wöchentlichen Kulturkolumne auf PARKAVENUE.DE, was den Feuilleton bewegt. Und erzählt uns in dieser Woche sogar via Video etwas über die Reproduzierbarkeit der Kunst und einen kopflosen Hitler

 






Heute wollen wir uns mal etwas mit Walter Benjamin beschäftigen. Also mit dem "Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit". Benjamin hat ja behauptet, dass Kunst ihre Aura verliert, sobald sie imitiert wird. Also, dass die Mona Lisa auf einem Foto gar nicht mehr richtig lächelt - so echt und rein und wahrhaftig wie in den Originalfarben von Leonardo da Vinci. Reproduzierte Kunst muss man sich ungefähr so vorstellen, als ob man ein Zeitungsfoto von Nicole Kidman küssen würde und sich wundert, dass es nach Druckerschwärze schmeckt und nicht nach Hollywood.

Um Missverständnissen vorzubeugen, sollte ich zunächst anmerken, dass wir es heute nicht im engeren Sinne mit Kunstgegenständen zu tun haben, sondern eher mit einem Menschen. Obwohl: vielleicht handelt es sich doch eher um einen Kunstgegenstand als um einen Menschen - kurz: es geht um Adolf Hitler.

Haben Sie gemerkt? Man zuckt noch immer ein bisschen, oder? Adolf Hitler! Egal, ob Walter Mörs ihn wie das "Kleine Arschloch" im "Bonker" samt Badeentchen absaufen lässt, Helge Schneider ihn parodiert oder Bernd Eichinger das Monster in seinen letzten Lebenstagen als Menschen vorführt - man kann den Namen Adolf Hitler nicht aussprechen, ohne zu zucken. Ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Adolf Hitler verliert seine Aura nicht. Bei ihm reicht schon der Name, um die Aura des Unwohlseins, die Schatten der Vergangenheit, das Unbehagen der Gegenwart zu entfachen. Und das, obwohl er uns gar nicht mehr drohen kann.

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Über Adolf Hitler kann man nicht schreiben wie über Ernie und Bert - da muss man sich jedes Wort gut überlegen. Wenn man sich zum Beispiel auf die Straße stellt und ruft "Hitler ist ein Arschloch! Hitler ist ein Arschloch!", ist das zwar irgendwie richtig, aber auch politisch fast zu korrekt, und im Angesicht der Vergangenheit doch etwas harmlos. Kurz: es ist lächerlich - denn das Arschloch ist tot.

Als ich mit 13 Jahren zum ersten Mal als Austauschschüler nach London gefahren bin, stand Hitler bei Madame Tussauds noch in einer Glasvitrine am Beginn des Horrorkabinetts. Im neuen Wachsfigurenmuseum in Berlin sitzt er mit traurigem Gesicht an einem Schreibtisch und beobachtet, wie seine Welt untergeht.

Schon am ersten Ausstellungstag hat ein 41jähriger Ex-Polizist und HartzIV-Empfänger Adolf Hitler den Kopf samt Schnurrbart abgerissen. Von wegen hart wie Kruppstahl - weich wie Wachs zeigte sich der Führer!
Jetzt debattiert ganz Deutschland, ob das richtig oder falsch war. Und wie die Strafe ausfallen sollte: Verwarnung? Bußgeld? Schadensersatz? Todesstrafe?

Der Journalist Hendryk M. Broder wollte zur Eröffnung eigentlich eine eigene Hitler-Show inszenieren und war mit Kameraleuten von Spiegel-TV angereist, als er Zeuge des unfreiwilligen Reality-TVs wurde. Kurz bevor der Journalist das Kabinett betrat, fiel Hitlers Kopf. "Hat sich Hitler gewehrt?" konnte Broder noch in den Tumult fragen und einige Lacher ernten. Dann führte die Polizei den Wachs-Attentäter ab, und Broder kommentierte live: "Je weiter der Nationalsozialismus in die Ferne rückt, um so härter wird er bekämpft." Dann forderte er, dass eine Wachsfigur des Krawallmachers aufgestellt werden sollte - des einzigen, noch lebenden Hitler-Attentäters.

Hitler den Kopf abzureißen, haben zu Lebzeiten einige Menschen versucht. Insgesamt wurden 42 Attentate auf ihn gezählt – die meisten Attentäter zahlten mit ihrem Leben. Beim Wachs-Hitler-Attentäter sieht die Sache etwas anders aus: Gegen ihn wird wegen Sachbeschädigung und Körperverletzung ermittelt. Dabei wird der reproduzierte Führer lediglich als Sache klassifiziert, und die Körperverletzung rührt nicht von der Beschädigung der 2000000 Euro teuren Wachsfigur her, sondern kam zustande, weil ein Wachmann (nicht aus Wachs) Kratzer abbekam, als er Hitler zur Hilfe eilte. Auf deutsche Wachmänner ist eben Verlass! Inzwischen stellte sich heraus, dass das Attentat Teil einer Wette unter Freunden war. "Es wird teuer", sagte der Attentäter noch, als er von Spiegel-TV bis vor seine Wohnung verfolgt wurde.

Merkwürdig eigentlich, dass dieser Fall für so viel Aufsehen sorgt. Letztlich ist die Wachskopf-Attacke doch das Gleiche, als wenn ich den Fernseher meiner Bekannten aus dem Fenster werfen würde, weil sie gerade eine Guido-Knopp Dokumentation des Führers und seiner Frauen eingeschaltet haben. Und letztlich ist ja auch Tom Cruise eine Art verspäteter Attentäter, der den toten Hitler in seinem Film "Walküre" auch noch mal in die Luft jagen will. Dafür ist er sogar bereit, erschossen zu werden. Natürlich nur als sein filmisch reproduziertes Alter Ego, Graf von Stauffenberg.

Um bei Benjamins Aura zu bleiben ist das so, als wollte Hollywood Blut schmecken und riecht doch nur Schminke. Hitler hätte sowohl Tom Cruise als auch dem Wachs-Attentäter ihre Köpfe abschlagen lassen, selbst wenn sie nur sein reproduziertes Ich ermordet hätten – aber, wie gesagt, Hitler ist tot und da mordet es sich ganz ungeniert.

Warum eigentlich hat der 41jährige Berliner nicht die Handtasche der Wachs-Angela-Merkel geklaut - schließlich verantwortet sie noch immer die miesen HartzIV-Sätze. Und warum hat er nicht Thomas Gottschalk die Goldlocken durchgewirbelt – schließlich sorgt der mit seiner neuen Casting-Show für die Schlechtigkeit das Prekariat-Fernsehens. Vergehen an lebendigen Wachsfiguren wäre wenigstens so etwas wie Wodoo, das eventuell einen spirituellen Einfluss auf die Wirklichkeit haben könnte.

Um es kurz zu machen: Walter Benjamin hatte eben doch Recht: der reproduzierten Wirklichkeit fehlt es an Aura. Lustigerweise lieben wir es trotzdem, die Reproduktion als Wirklichkeit zu debattieren. Nur eben ohne Gefahr für Leib und Seele. Die besteht allein für die lebendig in Wachs gegossenen Stars. Und die haben inzwischen Angst um ihren Nachruhm. Helmut Kohl, der ebenfalls als Wachsfigur bei Madame Tussauds in Berlin steht, hat bereits seinen Anwalt eingeschaltet. Er habe nie zugestimmt, ausgestellt zu werden. Ob er Angst vor einem Attentat hat? Oder davor, dass seine reale Aura im Museum schmilzt wie Wachs?

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