Die komplizierte Anwesenheit von Frau Schwarzer
Axel Brüggemann schreibt in seiner wöchentlichen Kulturkolumne auf PARKAVENUE.DE, was den Feuilleton bewegt. Und meint in dieser Woche: Die aktuelle Selbstdemontage der Alice Schwarzer ist ein Trauerspiel!
So, liebe Fußballfreunde – jetzt ist Mal Schluss mit lustig. Im Journalismus, und ganz besonders im Feuilleton, gib es die Regel des Antizyklischen. Und die geht ungefähr so: Wenn alle EM schauen, schreiben wir über das Gegenteil, also über Sachen wie: die Emanzipation.
Aber erst doch noch einen Satz über den Existenzialismus des Fußballs, der sich nach Jean Paul Sartres Logik allein dadurch verkompliziert, dass eine gegnerische Mannschaft anwesend sei. Ein Satz, den Lukas Podolski beim Eröffnungsspiel auf wunderbar dialektische Weise außer Kraft gesetzt hat, indem der gebürtige Pole die Tore für die Deutschen geschossen hat und sich danach mit seiner Freude vornehm zurückhielt. Früher hätte man so ein Verhalten weibisch genannt, heute finden wir, dass Podolski seinen Mann steht!
Sartre ist übrigens auch die ewige Legitimation der deutschen Vorzeige-Frauenrechtlerin Alice Schwarzer. Sie lässt es selten aus, darauf hinzuweisen, dass sie den Philosophen – damals noch im kurzen Röckchen – in Paris besucht habe, und dass dieses doch schon beweisen würde, dass sie nicht ganz dumm sein kann. Manche halten sie für eine Nervensäge, und als Spielerfrau taugt sie sicherlich auch nicht. Letztlich ist das mit Alice Schwarzer, und dem Feminismus ja genau so wie beim Fußball:
Die Welt der Frauen kompliziert sich durch die Anwesenheit der Männer. Und die scheinen jetzt die Schnauze voll von Alice Schwarzer zu haben – nicht, weil sie sich standhaft weigert, zur EM das Bier aus dem Kühlschrank zu holen, sondern weil sie die in ihren aktuellen Publikationen die Welt verdreht.
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Das macht deutsche Vorzeige-Machos wie Matthias Matussek sauer. In seinem Spiegel-Blog forderte er, dass Frau Schwarzer bitte aus der Jury des Henri-Nannen-Preises zurücktreten solle, da sie in einem Zeitungsartikel das System Burma verherrlich habe und damit gegen die journalistische Sorgfaltspflicht verstoßen habe. Letztlich lässt sich der Streit auf zwei unterschiedliche Urlaubserinnerungen der beiden herunterbrechen: Alice Schwarzer hatte nämlich geschrieben, dass das mit der Militär-Junta so schlimm ja nun auch nicht sei, wohingegen Matussek in Burma das Elend und die Angst gesehen hat. Schade, denken sich die Begleiter dieses Zicken-Kampfes, der im Namen der journalisitischen Sorgfaltspflicht geführt wird, dass Verona Feldbusch gerade unpässlich ist und in dieser Frage nicht ihren Mann stehen kann, da sie gerade zu ihrem Mann stehen muss.
Schwarzer ist nicht zurückgetreten. Stattdessen hat sie zurücktreten lassen. Oder genauer gesagt: Die Redaktion ihrer Zeitschrift „Emma“ und Schwarzers Nachfolgerin als Chefredakteurin, Lisa Ortgies, haben sich nach nur zwei Monaten voneinander getrennt. Warum, dazu schwieg die Schwarzer zunächst, weil dieses „im Interesse“ der Journalisten-Kollegin sei – eine verbale Blutgrätsche im luftleeren Raum! Neue Chefredakteurin der „Emma“ ist vorläufig auf jeden Fall erst einmal wieder die Herausgeberin des Blattes: Alice Schwarzer. Manchmal scheint es so, dass Frauen gar keine gegnerische Mannschaft, also keine Männer, brauchen, um sich selbst zu schlagen. Und damit hat Schwarzer ihren Freund Satre nun doch widerlegt. Die aktuelle Selbstdemontage der Alice Schwarzer ist ein Trauerspiel, wird allerdings kaum dazu führen, dass in Zukunft weniger Mädchen geboren werden, wohl aber dazu, dass der Name „Emma“ mal wieder aus der Mode kommen könnte. Aber das macht ja nichts, denn wir haben schließlich noch Podolski – und außerdem werden wir Europameister. Wen interessiert da noch der Feminismus?
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