Christa Ludwig van Beethoven

Kultur hat nichts mit dem Leben zu tun? Und ob! In seiner Kultur-Kolumne versucht Axel Brüggemann die aktuellen Diskussionen des Feuilletons zu erden. Als Buchautor und Journalist hat Brüggemann die Kulturdebatte immer wieder selbst belebt. Für uns schaut er sich an, worüber diese Woche gestritten wird und erklärt, was sie wissen sollten, um mitreden zu können

 

Für meine Reise aus der Opernprovinz Berlin in die Festspielstadt Baden-Baden habe ich mir einen Stapel neuer CDs für die siebenstündige Autofahrt mitgenommen. Da ich auf dem Weg zur "Fidelio"-Premiere war, hatte ich natürlich auch die gerade erst erschienene Einspielung aus dem Jahre 1962 dabei: Herbert von Karajan dirigiert, und Christa Ludwig singt die Titelrolle. Eine sehr unterhaltsame Fahrt, ohne Staus, allein im Verkehr der Musik. Nun war ich gespannt auf Claudio Abbados Interpretation – dem Karajan-Nachfolger in der Berliner Philharmonie.

Als ich meinen Platz in der 12. Reihe des Festspielhauses einnahm, stand eine ältere Dame vor dem Sitz neben mir – ein spitzbübisches, zufriedenes Gesicht und vorbildlich gewickelte Locken. "Wissen Sie, junger Mann, ich bleibe immer so lange stehen, bis der letzte Platz in der Mitte eingenommen ist, sonst muss ich dauernd aufstehen." Ich habe mich gefragt, in welche Aufführungen die Dame zu gehen pflegt, denn sie schien in einer Opernwirklichkeit zu leben, in der allabendlich jeder Platz verkauft ist. Wahrscheinlich ist sie selten in Berlin, dafür Stammgast in Salzburg, Wien und Bayreuth. Als ich ihrem Bedürfnis nach Smalltalk mit dieser kleinen Bemerkung entgegenkommen wollte, erkannten wir einander. Die Dame neben mir war tatsächlich Stammgast in all diesen Häusern. Nur, dass sie nicht im Publikum saß, sondern meist von der Bühne aus in die ausverkauften Reihen blickte. Meine Sitznachbarin war die große Christa Ludwig – die Stimme, die mich bereits auf meiner Fahrt nach Baden-Baden begleitete und die mich den kompletten Opernabend weiterhin begleiten sollte.

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Neben Christa Ludwig in der Oper zu sitzen, ist ungefähr so, wie einen "Tatort" anzuschauen, bei dem man aus Versehen den Knopf für den Blindenkommentar auf der Fernsteuerung gedrückt hat. Claudio Abbado hatte gerade erst angefangen, und man hörte bereits: dem Mann ging es in seinem ersten "Fidelio"-Dirigat um alles. Der Auftakt des Staatsmachtsmotives verschmilzt mit dem Motiv der geistigen Freiheit. Hier arbeitete einer an einem Bekenntnis der Freiheit als letzte Hoffnung des Menschen, an einem Weltentwurf des Humanismus gegen seinen größten Feind, den Menschen. Und schon zischte Christa Ludwig van Beethoven neben mir: "Schnell, sehr schell, der Mann. Schön schnell. Aber sehr schnell."

Und als sich dann kein Vorhang hob, sondern Filmregisseur Chris Kraus ("Vier Minuten") während der Ouvertüre Schattenspiele hinter dem Gazevorhang und einer überdimensionalen Guillotine inszenierte, flüsterte meine Nachbarin: "Hmpf." Ja, wirklich: "Hmpf!" Einige Takte später, sie hatte vielleicht Angst, dass ich sie nicht gehört haben könnte, holte sie tief Luft, blies sie wieder aus und stöhnte dabei: "Naaaa jaaaahhh."

Christa Ludwig ist eine Puristin. Schon im dritten Bild umarmten sich die Gefängniswärter-Tochter Marzelline (Ludwig über Julia Kleiter: "Die ist wirklich gut") und Leonore, die als Mann verkleidete Gattin des Gefangenen Florestan. Jetzt nuschelte die Ludwig: "Das darf doch nicht sein! Nein, nein, das darf nicht sein." Später, in der Pause, fragte mich meine Nachbarin von der anderen Seite, warum die Ludwig das gesagt hätte, und ich erklärte ihr, dass die Ludwig wohl glaubt, dass es in "Fidelio" um Gattenliebe ginge und die Gattin den Gatten nicht durch Fremdknutschen betrügen würde. Meine Nachbarin von der anderen Seite sagte aber, dass es doch genau darum in dieser Inszenierung gehen würde, dass alle Egoisten sind. Ich antwortete, dass die Ludwig das wohl anders sehe. Ich brauchte einen Sekt.

Vor der Pause mischte sich Frau Kammersängerin noch einige Male in die Partitur ein – ihr schönster Kommentar kam nach der ersten Leonoren-Arie, also ihrem eigenen Parade-Stück, bei dem Anja Kampe an diesem Abend durch Abbados schnelles Dirigat etwas der Atem fehlte. Ludwig flüsterte nach der letzten Note: "Schade. Eigentlich schade." Aber ich habe es selbst im Dunklen gesehen – sie lächelte dabei, ein bisschen so wie Don Pizarro. Den mochte Frau Ludwig nicht so sehr, also den Sänger Albert Dohmen. So hat sie das natürlich nicht gesagt, sie hat geflüstert "Bell-Canto. Bell-Canto. Wau. Wau." Und dann hat sie wieder gelacht.

Christa Ludwig ist eine wunderbare Oper! Ich liebe diese Frau. Es ist ein Spektakel, neben ihr zu sitzen – fast, als würde man bei einem WM-Finale im Fußballstadion neben Waldi Hartmann hocken. Bevor es nach der Opern-Halbzeitpause wieder losging, sagte Christa Ludwig: "Hübsch. Alles hübsch. Manches hätte sich der Regisseur auch sparen können. Aber der Abbado, der musiziert wirklich schön." Musiziert schön! Frau Kammersängerin! So hat der Karajan das nie gekonnt! Abbado hat nicht schön musiziert, sondern eine Welt geformt. Eine Welt voller Menschen, guter, böser, sehnsuchtsvoller Menschen. Und das alles nur durch Klang. Ohne Reden. Das habe ich ihr natürlich nicht gesagt. Denn Frau Ludwig hat mir schon erzählt, nachdem sie mich erkannt hatte, dass Kritiker eigentlich keine Ahnung hätten. Also habe ich meine Klappe gehalten. Auch darüber, dass ich die Regie ebenso mittelmäßig fand wie sie – nur aus anderen Gründen. Ich konnte Christa Ludwig doch nicht erzählen, dass Hans Neuenfels ein besseres Ende gefunden hat, als Chris Kraus. Der hat Leonore und Florestan zu neuen Diktatoren gemacht. Neuenfels hatte allerdings schon gezeigt, dass die Gattin die Welt eher beiläufig gerettet hat, weil sie ihre Liebe retten wollte. Doch bei ihm war Florestan durch die Haft zerstört, entmenschlicht. Aber all das traute ich mich nicht zu flüstern. Denn ich war ja gekommen, um zuzuhören.

Nach der Aufführung habe ich Frau Ludwig verraten, dass ich ihre Aufnahme auf der Hinfahrt gleich zwei Mal gehört habe. Ihre trockene Antwort: "Ja, der Jon Vickers hatte keinen guten Tag, aber besser als dieser Tenor war er allemal" – sie meinte den Florestan von Clifton Forbis.

Mein Ohr, das an diesem Abend "Fidelio" gehört hat, hat ein Ereignis gehört, das aus dem Himmel kam, aus der Welt von Claudio Abbado, der wie kein anderer lebender Dirigent den Menschen hörbar macht. Mein anderes Ohr hat den leibhaftigen Menschen gehört, die große Christa Ludwig – die mit ihren Kommentaren eigentlich fast alles gesagt hat, was an diesem Abend zu sagen war. Und mein Mund hat sich überlegt, wie das wohl in der Karajan-Aufnahme von der Autofahrt gewesen wäre, wenn er da geplappert hätte wie die Ludwig. Dann hätte man sie am Ende gar nicht mehr gehört – und das wäre ja schade. Denn sie hat schön musiziert. Wirklich schön!

Und mein Kopf, der hat gedacht, dass Christa Ludwig einen entscheidenden Schritt zur Popularisierung der Oper getan hat. Ab sofort sollte man die Opern aus dem Festspielhaus in Baden-Baden live auf "Premiere" senden – mit Sofort-Kommentar von Christa Ludwig. Schöner kann die Oper nicht sein.

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