Nachrichten-Terrorismus

Kultur hat nichts mit dem Leben zu tun? Und ob! In seiner Kultur-Kolumne versucht Axel Brüggemann die aktuellen Diskussionen des Feuilletons zu erden. Als Buchautor und Journalist hat Brüggemann die Kulturdebatte immer wieder selbst belebt. Für uns schaut er sich an, worüber diese Woche gestritten wird und erklärt, was sie wissen sollten, um mitreden zu können

 

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Ich finde es gut, dass wir in Deutschland Meinungsfreiheit haben. Denn so kann ich ungestraft schreiben: Alle Rechtshänder sind potenzielle Terroristen. Oder: Alle Feuilletonisten sind behämmerte Besserwisser. Oder: Muslime sind auch nicht mehr das, wofür wir sie einmal gehalten haben. Haben Sie gemerkt, wie Sie beim letzten Satz zusammengezuckt sind? Keine Angst, das ist nicht schlimm, denn genau dieses Zucken ist das Kapital der Feuilletons.

Das Prinzip ist immer das Gleiche: Man nehme eine kollektive Angst und stelle die Gegenthese dazu auf. Das geht dann ungefähr so: Das Regietheater wird die Ausstattungsbühne vollends verdrängen – das macht aber nichts, denn alle, die sich an Kostümen und Perücken erfreuen, sterben eh bald aus. Oder: Dieter Bohlen bekommt neben „Deutschland sucht den Superstar“ noch Sendungen in der ARD und im ZDF – das macht aber nichts, weil wir lieber das Original sehen als einen handzahmen Casting-Tommy. Oder: In den Niederlanden hetzt ein rechtsradikaler Idiot auf Youtube gegen muslimische Immigranten – das macht aber nichts, denn so wird wenigstens ein gesellschaftliches Tabu gebrochen. Manchmal kommt ein Skandal dabei heraus, manchmal ein Aufschrei, und manchmal wird all das auch gar nicht gelesen, weil es nur im Feuilleton steht – das macht aber auch nichts, denn die wirklich klugen Texte stehen heute eh auf den Gesellschaftsseiten.

Da wir in Deutschland leben und nicht in Molwanien, darf man hier alles schreiben, solange man es als seine eigene Meinung verkauft, selbst, wenn es der größte Schwachsinn ist – und selbst das macht nichts, denn der hat die besten Chancen, gelesen zu werden. Und wer nun behauptet, dass es keine Tabus mehr gibt, der muss sich nur die Kulturseiten ansehen, wo sie angeblich dauernd gebrochen werden.

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Nehmen wir ein aktuelles Beispiel: Ein Provinztheater vor den Toren Berlins, das Hans Otto Theater in Potsdam, hat am Wochenende Salman Rushdies "Satanischen Verse" als Bühnenwerk aufgeführt. Eigentlich wäre das vollkommen untergegangen, da der Spielplan dieser Bühne in den Feuilletonredaktionen nicht aufmerksam genug studiert wird. Aber dafür gibt es ja Boulevardzeitungen, und die kennen die Mechanismen des Feuilletons inzwischen besser als manche Feuilletonisten selbst. Also haben sie geschrieben, dass das Haus in Potsdam das "mutigste Theater der Welt" sei, weil hier nach dem Karikaturenstreit und dem Youtube-Video aus Holland Leute den Mut hätten, ein Werk aufzuführen, das Muslime nicht wirklich lustig finden würden. So weit, so gut.

Plötzlich haben es auch die Feuilletons begriffen und eilig die letzten Pressekarten für die Aufführung bestellt. BBC World hat berichtet, internationale Zeitungen und Fernsehsender. Und "Spiegel Online" hat noch in der Nacht seine Kritik ins Internet gestellt: "Spätestens als man am Potsdamer Hauptbahnhof ins Taxi zum Theater stieg, war eigentlich alles klar. Auf die Frage, ob denn in der Stadt tatsächlich so viel Polizei im Einsatz sei, schaut einen der Fahrer völlig irritiert an. Schließlich fällt der Groschen: 'Ach so, wegen Fußball oder wat?!'" Weiter war zu lesen: "Wir klären den Taxifahrer auf: Hätte er heute die 'Bild'-Zeitung gelesen, sagen wir, dann wüsste er, dass hier im Theater gleich 'die mutigsten Schauspieler der Welt' zu bestaunen wären."

Aber wahrscheinlich war der Taxifahrer ein Langzeit-Student aus Berlin und hat nur den "Spiegel" und die "Süddeutsche" gelesen – sonst hätte er wohl geantwortet: „Ach, junges Mädchen, sind se auch nur hier wejen dem Bild-Skandal, wa?" Das wirklich amüsante aber ist, dass potenzielle Störer weder "Bild" noch "Spiegel" gelesen haben, auf jeden Fall sind sie im Gegensatz zu den Feuilletonisten gar nicht erst ins Taxi nach Potsdam gestiegen. Nicht mit und nicht ohne Plastiksprengsatz. Und damit hatten sie auch den richtigen Riecher, denn sie wären im gähnend langweiligen Vier-Stunden-Spektakel, früher oder später, alle zu unfreiwilligen Schläfern geworden, so wie die Leute aus den Kulturredaktionen, die nun nichts anderes zu berichten hatten als von einer öden Aufführung. Glücklich, wer da für "Bild" schreiben durfte.

Aber das ist gar nicht die Geschichte, die ich erzählen wollte. Denn eigentlich ging es ja um den Satz vom Anfang, den mit dem Zucken, Sie wissen schon. Wenn die Feuilletons doch nur so lässig und cool wären wie die deutschen, niederländischen und dänischen Muslime und einfach nur schreiben würden wie langweilig das deutsche Skandaltheater zuweilen ist. Ich meine so unaufgeregt wie die Muslime schlicht und einfach feststellen, dass manche Dinge, die in einer meinungsfreien Demokratie gesagt werden dürfen, nicht gesagt werden müssen, dann könnten wir uns jenseits des Nachrichten-Terrorismus mal wieder um richtig wichtige Dinge kümmern. Zum Beispiel um Heinrich von Kleist oder Dieter Bohlen. Zum Abspielen der Audio-Datei ist der Flash Player von Macromedia erforderlich, den Sie unter folgender Adresse herunterladen können: » Macromedia Flash Player Download-Center

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