Bürgerkrieg Talstation
Kultur hat nichts mit dem Leben zu tun? Und ob! In seiner Kultur-Kolumne versucht Axel Brüggemann die aktuellen Diskussionen des Feuilletons zu erden. Als Buchautor und Journalist hat Brüggemann die Kulturdebatte immer wieder selbst belebt. Für uns schaut er sich an, worüber diese Woche gestritten wird und erklärt, was sie wissen sollten, um mitreden zu können
Bürgerkrieg Talstation
Es gibt Regionen, in denen die Welt noch in Ordnung ist, wo nur das ganz normale Chaos herrscht.In Fiss zum Beispiel, woher ich gerade komme. In den österreichischen Alpen hat man sich längst an den Bürgerkrieg gewöhnt, den deutsche Touristen nach Beginn der Osterferien alljährlich untereinander austragen. Und deshalb wird das Gerangel an der Talstation sicherlich nicht als „großer Skilift-Aufstand von 2008“ in die Geschichtsbücher eingehen – obwohl es kaum Verletzte gab, verloren an diesem Vormittag Hunderte die Nerven. Das und der anhaltende Sturm auf dem Gipfel, führte dazu, dass die Teutonen schon in der Mittagspause zum Après-Ski übergingen, „Almdudler“ gegen Marillenschnaps tauschten und in der Bar von Fiss die Kampfzone auf die Körper der Bedienungen ausdehnten.
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Doch schon gegen 13 Uhr stellte sich wieder Ruhe ein, da die österreichischen Tourismusexperten derartigen Eskalationen mit Ordnungsschildern an den WC's entgegentreten: „Beim Kotzen bitte hinknien.“ Skiurlaub ist eben auch nur ein Mallorca-Urlaub ohne Sangria und Sonne.
Eine alltägliche Weltkrise, die so marginal ist, dass die Zeitungen sich darum nicht auch noch kümmern können.
Stattdessen beschäftigen sie sich lieber mit dem Börsencrash, mit China und natürlich mit der Dauerkrise Kurt Beck, die nun auf Tuchfühlung mit der Basis geht – dummerweise ohne Marille und Sangria.
Allein die FAZ betreibt humanistische Prophylaxe.
Debatten-Journalist Frank Schirrmacher lässt die aktuelle Unmenschlichkeit der Massen links liegen und kümmert sich stattdessen um das Gehirn eines jeden Einzelnen.
Mehr noch: Er fordert nach den neuesten Erkenntnissen der Gehirnforscher eine Volksbewegung, die mindestens „so aktiv sein könnte wie die Trimm-Dich-Bewegung der 70er und 80er Jahre“.
Seine These: Die Welt könnte besser werden, wenn wir nur die Synapsen unserer Gehirne ein bisschen besser vernetzen würden.
Und dafür hat die Zeitung auf einer ganzen Seite ein Bild gedruckt, auf dem Farben in Worten stehen, die man, ohne sich zu verhaspeln, vorlesen soll.
Ein Spiel, das unser Kind seit Monaten mit Begeisterung auf ihrem NintendoDX spielt.
Keine schlechte Idee, das Feuilleton zum Papier-Gameboy zu verwandeln und die Köpfe so noch ein bisschen klüger zu machen.
Etwas größer als die Trimm-Dich-Bewegung, sind die Olympischen Spiele, die im Alten Griechenland noch dafür garantierten, dass die Kriege des Imperiums innehielten.
In Tibet ist das anders.
Hier im Wüstengebiet auf dem „Dach der Welt“ wird auch nicht Ski gefahren.
Am Rande des Himalaya findet der Aufstand auch ohne Talstation statt – und gefährdet das Treffen der Jugend der Welt.
Coca-Cola ist gegen einen Boykott, einige Menschenrechtsorganisationen dafür.
Als die Aufstände in Tibet begannen, zeigte das Olympische Komitee die Smog-Werte aus Peking auf seiner Homepage.
Stephen Spielberg ist als Berater der Spiele längst ausgestiegen, allein der Pianist Lang Lang hofft darauf, der Jugend der Welt den Marsch klimpern zu können.
Und wo bleibt das Schöne? Diese Woche leider Fehlanzeige! Denn bis auf Martin Walser scheinen sich auch die Künstler hauptsächlich um den Untergang der Menschheit zu kümmern. Ich habe mir erst jetzt den Oscar-Film „No Country for Old Men“ angesehen: Ein Irrer, der sich durch das US-Mexikanische Grenzgebiet ballert.
Gewalt als gähnende Langeweile.
Um wie viel spannender ist da das Buch „Kaputt in El Paso“ des Outlaw-Schriftstellers Rick DeMarinis: Ein Ex Bodybuilder und Hausmeister verdingt sich als Henker in einem Dominastudio.
Bei seinem ersten Einsatz stirbt ein Bankchef, der sein Geld mit Koks verdient.
Ein Lesesog aus Pulp und Trash.
Blicke in den Abgrund der Kreatur Mensch.
Und damit wären wir dann auch wieder beim Verhalten der Deutschen an der Talstation von Fiss und bei der Weltwirtschaftskrise.
Aber zu der fällt weder den Feuilletons noch mir etwas ein.
Im „Deutschlandfunk“ wurde kürzlich der Lead-Sänger von „New Model Army“, Justin Sullivan, interviewt.
Der fasste die aktuelle Lage ungefähr so zusammen: „Wir sind am Ende doch nur eine kleine, kluge Spezies, eine Randnotiz der Geschichte des Universums, die irgendwann untergehen wird.
Ich finde das einen sehr angenehmen Gedanken, dass wir nicht so wichtig sind, wie wir uns nehmen.“
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