Wahlkrampf mit Beck und Bush
Kultur hat nichts mit dem Leben zu tun? Und ob! In seiner Kultur-Kolumne versucht Axel Brüggemann die aktuellen Diskussionen des Feuilletons zu erden. Als Buchautor und Journalist hat Brüggemann die Kulturdebatte immer wieder selbst belebt. Für uns schaut er sich an, worüber diese Woche gestritten wird und erklärt, was sie wissen sollten, um mitreden zu können
In der „Süddeutschen“ war gerade zu lesen, dass Kyoto-Blockierer und US-Präsident George W. Bush aus seiner Ranch in Texas eine Art Öko-Bauernhof gemacht hat: mit Solaranlagen, Wärmewiedergewinnung und allem Schnickschnack. Dagegen haust Nobelpreisträger und Erderwärmungs-Gegner Al Gore in einem 20-Zimmer-Anwesen mit aufwändig beheiztem Swimmingpool. So unglaublich das klingt, so logisch ist das. Schließlich hat Bush den Wahlkampf gegen Gore gewonnen und seit dem schlicht und einfach mehr Zeit, um sich um seine eigenen Dinge zu kümmern, während Gore noch mit seiner Karriere beschäftigt ist. Aber angeblich rüstet er schon nach und hat bereits wärmeisolierte Fenster bestellt.
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Die Erkenntnis, dass Politiker auch nur Menschen sind, ist nicht neu. Sie ist so alt wie das Wissen, dass Privates und Politisches einander bedingen. Wir kennen das aus der Oper, von Shakespeare und von „Taff“ oder „Brisant“. Dort war diese Woche zu sehen, wie Hamburgs Ex-Law-and-Order-Senator Ronald Barnabas Schill sich zwei Linien Koks in Südamerika durch die Nase pfiff. Vor einigen Monaten konnten wir hier bereits Nicolas Sarkozy und Carla Bruni auf ihrem langen Marsch von Ägypten bis in den Elysée-Palast begleiten. Und wenn man auf CNN umschaltet, ist die Berichterstattung der Vorwahlen bei den US-Demokraten mindestens so spannend und abendfüllend wie Stefan Raabs Wok-WM.
Als Kind war ich oft bei meinen Großeltern. Mein Großvater hatte einen Schwarz-Weiß-Fernseher in der Küche stehen, und dort hat er jeden Morgen die Parlamentsdebatten verfolgt – ich hatte meine Klappe zu halten und musste schweigend zusehen, wie Demokratie funktioniert. Mein Opa war Eisenbahner, hat asbestverseuchte Zugbremsen repariert und ist als stolzer DB-Rentner an Krebs gestorben. Hartmut Mehdorn hat er zum Glück nicht mehr erlebt. Gestreikt hat er, glaube ich, nie. Politik war für ihn ein Kampf Mann gegen Mann: Franz Josef Strauß gegen Herbert Wehner. Ja, Politik war für meinen Großvater noch Politik.
Heute ist sie Theater, und deshalb verdrängt sie wahrscheinlich auch mehr und mehr die Kultur aus den Feuilletons. Doch selbst die schaffen es nicht mehr, die Lifestyle-Abstimmungen der letzten Woche vernünftig zu ordnen. Bei so viel Demokratie kann man ja auch schon mal den Überblick verlieren. Deshalb hier eine kurze Zusammenfassung: Die Sarkozy-Turteltauben wurden für ihr Privatleben bei den Regionalwahlen in Frankreich abgewatscht. Barak Obama hat mit Wyoming einen weiteren Staat dazu gewonnen. Hillary Clinton konnte nicht einmal ein Werbespott helfen, den Jack Nicholson persönlich auf youtube eingestellt hatte. Er wollte zeigen, dass seine Hollywood-Helden, der Batman-Joker und der Shining-Psychopath Hillary wählen würden. In Spanien scheinen die Leute die Sozialisten tatsächlich noch einmal bestätigt zu haben, weil Jose Luis Rodriguez Zapatero den Politik-Stil verändert hat. Ein so klarer Sieg, dass Kurt Beck neidisch werden könnte. Dessen Führungsposition bei der SPD wackelt nach eigenen Aussagen nicht wegen trotteligen Taktierens, sondern schlicht und einfach, weil er zwei Wochen krank war und sich nicht kümmern konnte.
Man kann gar nicht verstehen, warum die Leute politikverdrossen sind – so viel Gaudi war schließlich selten. Die Wok-WM hat (übrigens ganz ohne Abstimmungen) mal wieder der Hackl Georg gewonnen.
Kurt Beck könnte der Al Gore Deutschlands werden, nur ohne Swimmingpool und Sendungsbewusstsein. Die Feuilletons beschäftigen sich derzeit jedenfalls intensiv mit ihm und stilisieren ihn zum Provinzei aus dem Rheinland-Pfälzischen Bad Begzabern. Angela Merkel ist derweil auf dem besten George W. Bush-Weg: Als Kanzlerin hat sie so viel Zeit, dass sie schon vor einigen Jahren dafür gesorgt hat, dass ihre Berliner Nachbarn von der Museumsinsel Abends keine Open-Air-Konzerte geben dürfen: ihr Mann sei zu lärmempfindlich. Krach mag er höchstens, wenn er im Sommer nach Bayreuth fährt.
Der Kulturkampf im Wahljahr 2009 ist also vorgezeichnet: Aber bis dahin werden wir aufmerksam das Nachrichtenmagazin „Taff““ verfolgen – mal sehen, was die noch über Beck, Merkel oder Saarlands Ministerpräsidenten Peter Müller herausfinden, so ganz privat gesehen, meine ich natürlich.
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