Axel Brüggemann: "Warum ich mich durch die Nacht boxe"
Kultur hat nichts mit dem Leben zu tun? Und ob! In seiner Kultur-Kolumne versucht Axel Brüggemann die aktuellen Diskussionen des Feuilletons zu erden. Als Buchautor und Journalist hat Brüggemann die Kulturdebatte immer wieder selbst belebt. Für uns schaut er sich an, worüber diese Woche gestritten wird und erklärt, was sie wissen sollten, um mitreden zu können
Es ist schwierig, in der Zeit von Mitternacht bis vier Uhr morgens nicht wegzudösen. Und deshalb habe meinen gesamten Tag auf diese Stunden ausgerichtet. Ich habe die Mühen eines Hochleistungssportlers auf mich genommen, um den Jet-Lag ohne in den New Yorker Madison Square Garden zu reisen in meinem Ohrensessel unbeschadet zu überstehen. Ich habe meinen Körper, obwohl er hellwach war, erst gegen Mittag aus dem Bett gerollt, habe ihn erst kurz vor der Schließungszeit des Ars-Vitalis noch gestählt – Laufband, Hanteln, Dampfbad. Und dann bin ich mich mit einem Merlot und einer Tüte Chips auf arte durch die Nacht gesurft.
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Dort haben die Programmverantwortlichen unter dem Titel
Stattdessen habe ich lupenreines Schach-Boxen gesehen. Mit seiner Linken fummelte Klitschko immer wieder an der Fürhand von Ibragimov herum, die beiden tänzelten rundenlang wie Ballerinen durch den Ring, kleine Hiebe hier und dort. Ich mag Schach, aber dann bleibe ich für Viswanathan Anand wach, und nicht für Klitschko. 12 Runden à drei Minunten, allerhand Werbung und endlose Vergleiche mit Cassius Clay später hätte ich den Sieg nach Punkten fast verschlafen.
Während ich zuschaute, träumte ich von Clay und Co. Als Boxen noch der simplen Regel folgte: wer einen auf die Fresse bekommt, hat verloren. Damals waren auch noch Leute wie Bert Brecht am Ring und haben dicke Zigarren geraucht. Ich glaube im Madison Square Garden herrscht Rauchverbot. Und dann, als der Kampf vorüber war, hat Kai Ebel auch noch Thomas Gottschalk befragt, der einen lächerliche Mütze aufhatte nun nur vor Ort war, weil die Klitschkos bei seinem Sommerfest waren. Später wurden auch noch Oliver Pocher und die Oberlusche Oliver Geißen interviewt – ich weiß nicht, ob sie sich vorher mit Pete Doherty getroffen haben, oder ob Nachmittag-Talkshows und der Schmidt-Untergang die beiden einfach so ausgenockt hatten. Aber solche Kerle kenne ich sonst nur vom Schulhof meiner Tochter und verbiete ihr jeglichen Umgang. Schade, dass ich vor dem Fernseher saß. Mein Körper ist gerade gut in Form – ich hätte mich gern mal mit denen geschlagen.
Nein, mit Cassius Clay hatte all das nichts zu tun. Aber irgendwie scheinen wir uns ja nach der Vergangenheit zu sehen. Die Deutschen Feuilletons sind voll von diesen Nostalgie-Vergleichen. Ist Anna Netrebko die neue Maria Callas? Natürlich nicht. Das wäre so, als wenn Guido Westerwelle der neue Franz Josef Strauss wäre. Aber die Leute kapieren es nicht: Kürzlich rief der „Spiegel“ den Tenor Jonas Kaufmann zum neuen Fritz Wunderlich aus. Ist In der Musik ist das so wie im Sport und in der Politik: Es wird Schach gespielt und alle sehnen sich in die Zeit zurück, als noch geboxt wurde. Irgendwann bin ich dann eingeschlafen. Am Sonntag war ich pünktlich zur Hamburg-Wahl wieder wach. Ist Ole von Beust der neue Helmut Schmidt? Ich habe den Fernseher ausgeschaltet, und den „Spiegel“ gelesen. Dort stand diese Woche nun, dass der Tenor Jonas Kaufmann doch nur ein Werbegag sei. Ich habe mich gefragt, ob der „Spiegel“ noch der „Spiegel“ ist. Eigentlich wollte ich die Dynamik meines US-TV-Jat-Lags noch für die Oscar-Preisverleihung nutzen. Ich habe mir dann lieber „Casablanca“ angeschaut. Sein wir ehrlich: Am Ende ist doch keiner von diesen Hollywood-Leuten der neue Humphrey Bogart.
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