StyleCouncil: Wer isst hier gestört?

Jeden zweiten Mittwoch liefert unsere Beauty-Chefin in ihrer neuen Kolumne Antworten auf drängende Stil-Fragen: Sind Lockenwickler noch okay, Waxing-Methoden eigentlich harmlos und Riesentaschen nun in oder out? Hier finden Sie Antworten – und sind herzlich eingeladen, Ihre eigenen Fragen zum Thema Style und Beauty zu stellen.                                       

StyleCouncil: Wer isst hier gestört?

Ich bin es satt. Seit ich im Frühjahr aus einer Laune heraus eine Fastenwoche absolviert und danach meine Ernährung konsequenter unter Beobachtung gestellt habe – als Fachfrau für Beauty und Wellness stehe ich da in einer gewissen Verantwortung; außerdem bin ich seit meiner Kindheit ein übler Zucker-Junkie und sowieso nicht mehr die Jüngste –, muss ich mich rechtfertigen. Alle Nase lang weist man mich seit neuestem auf mein angeblich zu geringes Gewicht hin. Haben die alle eine Waage in der Optik? Muss ich mir ein neues Selbstbild angewöhnen, nur weil mein Stoffwechsel inzwischen zwei Gänge runter geschaltet hat und man auch nirgendwo mehr Tanzen gehen kann?

Mit Ausnahme meiner Schwangerschaft und der Zeit danach war ich immer sehr schlank und stehe damit in bester Familientradition. Von Onkel Schorsch einmal abgesehen. Der hat sich während seiner Wirtschaftswunder-Karriere einen derart absurden Wohlstandsbauch (eine Verharmlosungsformulierung für Fressen und Faulsein, wenn man mich fragt) über seine Beinchen wachsen lassen, dass nur sehr kleine Kinder ohne Abmahnung mit dem Finger auf ihn zeigen dürfen. Seit einigen Jahren ist Onkel Schorsch wegen diverser durch Übergewicht ausgelösten Folgeerkrankungen übrigens in dauerhafter ärztlicher Behandlung.

Während also ich keinen fülligeren Menschen jemals ungefragt und dreist darauf hinweisen darf und würde, er oder sie liege aber schwer über dem Idealgewicht, bin ich Gegenstand öffentlicher Meinungsabsonderung. Jeder Mensch, egal welches Gewicht, darf schlanken Menschen offenbar eine Essstörung andichten, bis sie sich geradezu genötigt fühlen, Rechenschaft über ihre Ernährungsgewohnheiten abzulegen. Wie krank ist, bitteschön, das denn?! Von einem absolut vernachlässigenswert geringen Anteil der Bevölkerung westlicher Länder abgesehen – darunter zirka 50 bedauernswerte Models aus ehemaligen Sowjetstaaten –, ist heute der wahre Essgestörte doch eher viel zu gut im Speck. Wobei allein diese angestaubte Metaphorik demonstriert, mit welch vorgestriger Wahrnehmung unsere Gesellschaft dieses absolut kritische Phänomen diskutiert. Ernährungsberater und Verhaltsforscher predigen sich seit mindestens zwei Dekaden Fransen an den Mund im vergeblichen Versuch, einer zusehends übergewichtigeren Erste-Welt-Gesellschaft Mäßigkeit und Eigenverantwortung beizubringen.

Das klägliche Ergebnis hat sich mir während meines aktuellen Ostsee-Urlaubs überdeutlich offenbart: Ganze Familien schoben sich und ihre überzähligen Pfunde, verteilt auf Papa, Mama und die Kinderchen, von Pommesstand zum Eismann, Cola aus der Literflasche und dahinten gibt es Pizza auf die Hand und danach ein lecker Würstchen als Überbrückung bis zum Abendbrot. Irgendwann bedauerte ich, dass ich nicht eine noch dunklere Sonnenbrille eingepackt hatte. Und das, obwohl der Sommer sich dieses Jahr in der Regenvariante besser gefiel. Jedes Touristen-Eventchen materialisierte sich vornehmlich durch die immergleichen Buden mit Ess- und Trinkbarem von flächendeckend minderer Qualität. Zwei von zwei meiner Freundinnen dort befanden deshalb nach kurzer Bestandsaufnahme wie ich: Die sind zu dick. Nicht wir zu dünn.

Das sagt auch die Statistik, wenngleich zu den klassischen Essstörungen – Anorexie und Bulimie – keine harten Zahlen aufzutreiben sind. Geschätzte 1 bis 10 Prozent Deutsche sollen daran leiden. Wirklich Dünne sind also eher eine Ausnahmeerscheinung. Der Anteil an behandlungsbedürftiger Fettleibigkeit dagegen liegt bei 20 Prozent. Und die Zahlen für all jene, die es sich zwischen Moppel-Ich und Übergröße „gut gehen lassen“, sehen auch verdächtig nach ordentlich Zuwachs in den Wartezimmern aus. Dennoch scheint es der letzte Tabu-Bruch zu sein, sie darauf ebenso unverblümt anzusprechen, wie man auf Menschen mit Tipptopp-BMI herumhackt.

Nun neigen ja Süchtige jeder Couleur dazu, mit dem Finger auf die vermeintlichen Verfehlungen anderer zu zeigen, um den Blick vom eigenen Elend zu wenden. So unterstellt man mir gern, wahrscheinlich nicht genießen zu können. Falsch. Super-Dessert bleibt Super-Dessert und ist vielleicht noch viel mehr super, wenn es keine Selbstverständlichkeit ist. Und zwei Stück Pflaumenkuchen pro Woche machen vielleicht sogar mehr Spaß, als wenn man besinnungslos täglich eines oder zwei davon einatmet. Schließlich ist, abgesehen von drei Minuten Arbeitsweg und zwei, drei Mal Yoga pro Woche, mein Tagwerk das absolute Gegenteil von kalorienzehrend. Ich sitze. Auf einem Stuhl. Stundenlang. Brauche ich da dreimal ein „ordentliches Essen“ und zwischendurch einen Snack? Wohl kaum. Verzichten kann mein Körper stattdessen auf Schrippen zum Frühstück, Zucker in allen möglichen Nahrungsmitteln, Chips oder Bier oder Fleisch oder Fette. Sowas hat er, weil man schlechte Angewohnheiten problemlos durch gute Angewohnheiten ersetzen kann, ohnehin längst satt.