StyleCouncil: Ganz schlechter Stil

Jeden zweiten Mittwoch liefert unsere Beauty-Chefin in ihrer neuen Kolumne Antworten auf drängende Stil-Fragen: Sind Lockenwickler noch okay, Waxing-Methoden eigentlich harmlos und Riesentaschen nun in oder out? Hier finden Sie Antworten - und sind herzlich eingeladen, Ihre eigenen Fragen zum Thema Style und Beauty zu stellen.                                       

 

Momentan ist eine Stillosigkeit zu beobachten, die mich bewegt wie kaum eine vor ihr. Sie zeigt sich in einer noch nicht erlebten Frostigkeit. Die weht uns nicht aus Polartiefs entgegen, wie man der Jahreszeit entsprechend annehmen könnte. Sondern klirrt herab von den Höhen der Wirtschafts-Macht. Zum Jahreswechsel scheint sich die soziale Kälte, die manch Weniger-einflussreich-als-erwartet-Politiker immerhin zu bedauern bereit ist, in eine veritable Eiszeit auszuwachsen. Das Einzige, was noch Hitze erzeugen könnte, sind die wachsende Wut und die gerechte Empörung gegenüber dem Hochmut, der Selbstüberschätzung, der Macht-Gier und dem Komplettverlust von Moral und Ethik an all jenen Stellen, wo sich aufgeblasene Möchtegern-Kapitalisten in Brioni-Anzügen für so großartig gehalten haben, dass sie die Welt gleich global zu beherrschen suchten. Obwohl sie oft nicht einmal umsichtig genug sind, den eigenen Haushalt sauber zu halten.

Während der Münchener Erzbischof Reinhard Marx dazu seinen neuen „Marxismus“ predigt – einen, der den sozialen Staat als starken Beschützer der Individuen gegen das Gefräßige im kapitalistischen System sieht –, könnten zum Beispiel die Frauen dieser Erde ihren lange überfälligen Beitrag leisten und sich fragen, was sie eigentlich gegen diesen katastrophalen Weltenlauf zu unternehmen gedenken. Wollen sie sich weiterhin in ihre oft lächerlich knapp gehaltenen Lebensentwürfe fügen und die Klappe halten? Sich mit schicken Handtaschen und Geschmeide von Harry Winston kaufen zu lassen, derweil der Gatte die Welt verzockt, wird ihren Kinder diese Welt auch nicht sauberer und sicherer hinterlassen. Die Kleinen zum Hockey zu kutschieren und Shoppen gehen im bequemen Wunsch, die Männer würden es schon richten, war also offenbar eher ein peinlicher Denkfehler. Zur Wiedergutmachung könnten Frauen meiner Meinung nach endlich anfangen, ihr Gehirn zu gebrauchen, um die Welt mitzugestalten – aber zur Abwechslung nach ihren, also von weiblichem Denken und Handeln geprägten Regeln. Daran dürften sie zwar aller Wahrscheinlichkeit nach mit allen patriarchalischen Mitteln gehindert werden. Um einen Anfang zu machen und eine Zäsur zu setzen, wäre deshalb jetzt der ideale Zeitpunkt, es einem historischen Beispiel nachzutun: Der Verweigerung nach Lysistratas Vorbild.

In Aristophanes pazifistischer Komödie „Lysistrata“ herrscht seit 20 Jahren Krieg zwischen Athen, Theben und Sparta. Weil der nur Not und Leid bringt und ihre Kinder frisst, verbündeten sich die Frauen der verfeindeten Lager und verweigern sich ihren Männern so lange, bis diese endlich Frieden schließen.

Auf den Schlachtfeldern des enthemmten Materialismus herrscht genauso Krieg. Krieg gegen jede Vernunft, gegen die Rücksicht, die Mäßigung, gegen Kranke, Andersdenkende und gegen jeden, der sich nicht zu wehren weiß. Dabei wird am Ende keiner gewinnen. Und weil dem so ist, plädiere ich für ein neues Cocooning. Wohl bemerkt, keine Neuauflage des Cocooning 2001: Was es jetzt braucht, ist Cocooning 2.0, ein Zusammenrücken, das nicht wie nach dem Flugzeug-Attentat auf das World Trade Center den Trost suchenden Rückzug ins Familien- und Freundesnest meint. Sondern eines, in dem wir unser wirklich hart verdientes Geld in Kaschmirpullover und warme Stiefel umsetzen. Warum? Weil Kaschmir haltbar und zeitlos ist, also auch dann noch wärmt, wenn wir uns Kaschmir nicht mehr werden leisten können. Weil Kaschmir warm genug hält, wenn wir endlich wieder auf die Straße gehen, um für unser Recht auf eine lebenswerte Gesellschaft aufzustehen – denn ohne Aufstehen, liebe mit verblödeten Programmen betäubten Fernseh-Junkies, wird man sich kaum Gehör verschaffen können.

Warum wohl, glauben Sie, fallen die Fernsehkritik, der XL-Kaschmirpullover-Trend, die Stiefelmode, das selten dämliche TV-Programm, die Gender-Forschung und die Weltwirtschaftskrise zeitlich zusammen? Damit alles getan ist, was das Volk für eine richtungweisende Revolution gegen den Raubtierkapitalismus braucht: Warme Füße, dicke Pullis, sonst nichts Gescheites mehr zu tun und einen Gegner, der gegen die Waffen einer Frau absolut keine Chance haben dürfte. Wir sehen uns auf der Straße, Ladies.

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