StyleCouncil: Würde? Wird überschätzt!
Jeden zweiten Mittwoch liefert unsere Beauty-Chefin in ihrer neuen Kolumne Antworten auf drängende Stil-Fragen: Sind Lockenwickler noch okay, Waxing-Methoden eigentlich harmlos und Riesentaschen nun in oder out? Hier finden Sie Antworten - und sind herzlich eingeladen, Ihre eigenen Fragen zum Thema Style und Beauty zu stellen.
Würde? Wird überschätzt!
Frau Rosenthal aus S. schreibt: „Ich habe mir einmal geschworen, in Würde zu altern. Zu dem Zeitpunkt konnte ich jedoch nicht ahnen, dass plötzlich alle um mich herum anfangen würden, sich wie die Irren mit Botox zu unterspritzen. Da konnte ich nicht wissen, dass ich einmal die Einzige sein würde, die alt und faltig aussieht unter lauter ,jung gebliebenen‘ Mit-Fünfzigern. Als ob es nicht schon unerfreulich genug wäre, so macht Altern keinen Spaß! Aber was, wenn ich irgendwann desillusioniert klein beigebe und sage ,ach, das bisschen Nervengift hat noch keinem geschadet‘? Gibt es wirklich kein Risiko? Darf heutzutage niemand mehr alt aussehen, der etwas auf sich hält?
Diese Frage könnten mir so oder ähnlich viele Leserinnen stellen. Sie ticken nämlich alle gleich – weil sie exakt so ticken wie ich oder Sie oder alle Ihre und meine Kolleginnen, Freundinnen, Bekannten. Wir alle über 40 bilden nämlich die erste Generation Frauen, die es sich sowohl leisten kann als auch leisten soll, jugendlicher zu erscheinen. Und das bedeutet bislang mehr Fluch als Segen.
Denn, wie Frau Rosenthal richtig bemerkt: Altern hat noch niemals großartig Spaß gemacht. Aber seit Altern ein Ruch geworden ist, Frauen reiferen Alters in der westlichen Gesellschaft in lauter unattraktiven Schubladen landen, während die Medien Hollywood-Vorbilder projizieren mit Gesichtern ohne Verfallsdatum – seitdem müssen schon ganz normale Mittvierzigerinnen zu neuen, komplett unbekannten Strategien im Umgang mit dem Älterwerden finden. Und da ist niemand, dessen Weg sie folgen könnten. Ihre Mütter wurden alt, einfach so, und niemand wagte sie aufzufordern, das gefälligst mit jugendlich erscheinendem Antlitz zu tun. Sie verloren ihre Jugend und fügten sich, wie es alle taten, und wenn sie nicht laut jammerten, nannten sie das „in Würde altern“.
Diese Zeiten sind vorbei.
Botox und kosmetische Faltenbehandlungen diverser Couleur sind heute in jeder dreieinhalbten Arztpraxis zu haben und ab dem Überschreiten gewisser Geburtstagsgrenzen gesprächsbestimmend bei jeder Zusammenkunft, die mehr als zwei Frauen zählt. Auch in dieser Beziehung hat sich die Idee der Emanzipation in eine äußerst irrige Richtung verloren. Diese Frauen haben nämlich in der Regel einen Beruf, sind finanziell und auch sonst weitgehend unabhängig oder könnten es sein, sie müssen sich im Job beweisen, der Konkurrenz stellen, ihr privates und das Karriereleben meistern – und nebenbei ihre Kinder bekommen sowie häufig auch betreuen. Diesen Frauen, diesen vielen, vielen Frauen hilft weder jemand morgens in noch abends aus dem Mantel; und wenn, würden sie es vor Erschöpfung vielleicht nicht einmal registrieren. Sie zahlen ihre Mieten, Telefonrechnungen, Restaurantbesuche und Altersvorsorge selbst, manchmal Alimente für einen gescheiterten Gatten. Sie sind kontrolliert, leistungsfähig, zäh, häufig unter Druck – und kaum jemand zollt ihnen dafür Respekt.
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Würde? Wird überschätzt!
Und wenn sie über das ganze perfekte Funktionieren müde, abgespannte Gesichter bekommen, sehen sie – müde, gestresst, abgespannt und alt aus. Ganz und gar nicht „superknackig“ wie die junge Nachbarin von nebenan oder die dauerlächelnden Irscheln aus der Werbung. Toll. Und dann? Werden sie älter. Noch toller. Und das beste: Sie sollen „Würde bewahren“.
Wie bitte? Sonst noch Wünsche? Ganz ehrlich? Ich hätte da einige. Zum Beispiel akzeptablere Preise für Faltenkiller und vor allem ein Ende der Heuchelei. Wann immer man zugibt, nicht nur die Haare zu färben, den Busen hochzupushen, die Augen anzumalen, die Muskeln zu tonen, die Körpergröße mit High Heels zu strecken, Intimhaar zu rasieren, hübsche Röcke zu kaufen, beim Shoppingsender ein taillierendes Mieder zu bestellen oder etwas schmückenden Talmi – wann immer man zu all diesen gesellschaftlich akzeptierten Maßnahmen zur Attraktivitätsuntermalung zugibt, ein, zwei Ampullen Hyaluronsäure in seine Falten versenkt zu haben, ist das SHOCKING. Jault die Gemeinde auf, wo denn die Würde bleibe. Bullshit. Mich interessiert diese Gemeinde nicht, weil ich dieses Leben nur einmal lebe, und für mein Leben bin nur ich allein verantwortlich. Ich bin niemandem Rechenschaft schuldig, ob es nun mein Singen in der Dusche ist oder ein Botox-Versuch.
Menschen essen Unsinn, bewegen sich zu wenig, legen sich in die Sonne. Und während die UVA-Strahlen tief in ihrem Hautinneren ihre zerstörerische Arbeit aufnehmen, plagt sie die oberflächliche Frage, ob kosmetische Maßnahmen moralisch/ethisch/sonstwie verwerflich seien. Am besten grübelt man noch bei einer Zigarette und macht zur Entspannung ein Fläschchen Wein auf.
Bevor ich den Begriff von Würde in solchen Zusammenhängen akzeptiere, kläre ich ihn also für mich. Gesprächsbedarf habe ich dabei höchstens zu den medizinisch impliziten Problemstellungen und Risiken, die bei jedem kosmetischen Eingriff angesprochen und geklärt werden müssen. Abgesehen von diesen Informationen hat es niemand nötig, sich bei anderen ein Werturteil abzuholen.
Bilden Sie sich Ihre eigene Meinung und stehen Sie dazu, Ihr Leben eigenverantwortlich zu gestalten. Geben Sie nicht allem Gewicht, was andere tun oder lassen. Niemand kann seine Würde verlieren, wenn er in einer Gesellschaft, die älteren Frauen wenig positive Beachtung schenkt, dafür sorgt, sich mit sich selbst besser zu fühlen. Wer sich so, wie er ist, gut fühlt, unternimmt vielleicht keine minimalinvasiven kosmetischen Schritte und bleibt, wie er ist, mit Falten und allem Drum und Dran. Wer meint, er fühle sich besser, wenn das Gesicht, der Hals etwas jugendlicher aussehen, dem soll es erlaubt sein, sich in einer Zeit der Verfügbarkeit solcher Mittel alles das zu nehmen, was er will. Jeder muss herauszufinden, was für ihn persönlich das "Richtige" ist. Es bringt Spaß und bereichert das Leben, unabhängig und mutig zu sein, was immer dabei für Wege beschritten werden. Ob man Falten zeigt, wenn alle das Alter fürchten, oder ob man offen zugibt, mit der Vergänglichkeit auch Probleme zu haben – beides hat Stärke.
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