StyelCouncil: Heulen und Zähneklappern

Jeden zweiten Mittwoch liefert unsere Beauty-Chefin in ihrer neuen Kolumne Antworten auf drängende Stil-Fragen: Sind Lockenwickler noch okay, Waxing-Methoden eigentlich harmlos und Riesentaschen nun in oder out? Hier finden Sie Antworten - und sind herzlich eingeladen, Ihre eigenen Fragen zum Thema Style und Beauty zu stellen.

 

Heulen und Zähneklappern

Hören Sie das auch? Dieses Heulen und Zähneklappern? Von überall schwappt einem das Wehgeschrei du jour entgegen, die jahreszeitliche Klage, egal ob man frohen Mutes Anrufe tätigen will oder Emails öffnet oder gar ein Gespräch wagt: Das Wetter!, schlimm ist das!, wie das überhaupt aussieht da draußen!, warum eigentlich immer nur noch Regen?!, da wäre einem ja Schnee noch lieber!, alle sind hässlich blass und fade und so missgelaunt!, und so weiter, und so weiter, quak, quak, quak.Deutschland, ein Jammertal (ausgenommen möglicherweise die Karnevalisten, aber so genau kenne ich mich in deren Seelenzustand zum Glück nicht aus).

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Als Gegenmaßnahme werde ich in der Comfort Class nach Weitweitweg entschweben, UVA- und –B-Garantie sowie Hitzefaktor 10 inklusive. Bis es soweit ist, arbeite ich meinem pragmatischen Naturell entsprechend an Lösungen. Zum Beispiel beim täglichen Blitz-Ausflug in meinem eigenen, aber nach Kräften schöngeredeten Jammertal-Moment: dem frühmorgendlichen Blick in den Spiegel.

Obenrum, wo mein Haar gegen jedes gestrige Stylinggesetz verstößt, geht es ja noch ansatzweise lustig zu. Da assoziiere ich täglich neu diesen Werbeclip mit dem Gorilla, der tiefschlafende Menschen in ihren Betten so lange herumschubbert, bis sich deren Frisur in alle Richtungen gleichzeitig erbricht. Das macht Spaß zu früher Stunde, Problem gelöst. Nun ja, bis auf das Lachen selbst, das meine kissenverfaltete Morgenhaut verzerrt und dabei den Grand Canyon himself aufwirft. In meinem Gesicht. Das um diese Uhrzeit ein schattiges Maultiergrau trägt. Kein Anblick, der meinem Beruf Ehre macht.

Um den bis zu den Bürozeiten hinzubekommen, braucht es ehrlicherweise mindestens eine halbe Stunde, die diversen Rituale des Aufwachens aus Gründen der Statistikhygiene weggerechnet. Das wären in chronologischer Reihenfolge: noch fünfmal umdrehen, Jumbotasse Vanille-Soya-Latte, dumpfes In-die-Luft-Starren, das Kind in die Schule küssen, erste Emails zu lesen versuchen, Duschen. Nach dem Abtrocknen stehe ich dann als Rohmasse erneut vor dem Spiegel. Der Teint, nach wie vor eher eine Erinnerung an bessere Tage, blinzelt inzwischen zumindest und erwartet seine tägliche Pflege dringender, als Pete Doherty je an Drogen gedacht hat. Nur: Welche nehmen, aus der Menge an Test-Produkten im Schrank? Soll es das Collagen-boostende Serum von Vichy sein, oder ist das dort der Spähtrupp eines nahenden Heizungsluft-Exzems, gegen das ich besser das hautheilende Serum von La Mer aufstelle? Und passt darüber noch eine Schicht hochprozentig Hyaluronsäure-haltige Dermo-Kosmetik? Von solchen Problemen in ihren Stammzellen erschüttert, schrecken Klein- und Großhirn auf – ein willkommener Nebeneffekt. Ich denke, also schmiere ich als Creme-Verschalung noch ein Löffelchen von Diors L’Or De Vie hinterher. Egal, für welches hochpotente Untendrunter ich mich entscheide, die Creme geht immer.

Deutschland, ein Creme-Land, dozierte neulich eine PR-Dame, das sei wissenschaftlich erwiesen. Von der Marktforschung. Da werde ich nicht widersprechen und runde deshalb wie üblich nicht mit einer Foundation ab. Erwiesen ist nämlich auch: Deutsche Frauen sind die Sorgenkinder der Foundation-Hersteller. Genau wie die Französinnen, Italienerinnen, Engländerinnen und Amerikanerinnen geben deutsche Frauen zwar Millionen für Kosmetik aus. Aber anders als die anderen wollen sie einfach keine Foundation-Freundinnen werden. Ich auch nicht, weshalb ich Zeit gut machen kann: Ein paar Kleckschen Concealer auf die irritierten Fleckchen, antupfen, den Puderpinsel drüber, fertig. Also, für die Deko: leichtes Rouge auf die Wangenknochen, Gloss auf die Lippen, Lidstrich und Mascara. Ach so, Haare stylen. Und jetzt: ein drittes Mal den Spiegelblick. Am besten einen Schritt zurück treten – und siehe da: ich sehe aus, wie ich aussehen könnte, wenn Draußen (Picknick, Spazieren gehen, auf der Parkbank sitzen) eine Option wäre. Dann sähe mein Gesicht viel frischer aus. Leider regnet es. Man bekommt auch nie genug Licht. Es wird zu früh dunkel und viel zu spät hell. Die Leute sehen schrecklich aus, entweder haben sie müde Haut oder sie sind angemalt. Gräßlich. Muss unbedingt nachsehen, ob mein Flugschein schon in der Mail liegt.

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