StyleCouncil: Promis out of Control
Jeden zweiten Mittwoch liefert unsere Beauty-Chefin in ihrer neuen Kolumne Antworten auf drängende Stil-Fragen: Sind Lockenwickler noch okay, Waxing-Methoden eigentlich harmlos und Riesentaschen nun in oder out? Hier finden Sie Antworten - und sind herzlich eingeladen, Ihre eigenen Fragen zum Thema Style und Beauty zu stellen.
Promis out of Control
Der Mann kam mir in der Abenddämmerung auf der Wiese entgegen. Er trug eine hellblaue Baumwoll-Trainingsjacke mit weißen Längsstreifen auf dem Ärmel, eine aus der Form geratene, nilwasserfarbene Jogginghose und hellbraune Halbschuhe. Beim Laufen ruderten seine Arme eigenartig, was aussah, als wolle er dringend den Charterbus zum Christopher Street Day stoppen. Und er lächelte niedlich, wenn auch leicht irre, wie ich feststellte, als er an mir vorbei trabte.
Ich fand lustig, wie er aussah. Nicht schön, nicht passend für ein Lauftraining, nur lustig. Ich mag lustig. Ich finde es völlig in Ordnung und begrüßenswert, wenn Menschen modisch über Grenzen gehen. Die überwältigende Mehrheit furchtsam angepasster Leute macht das Leben schon langweilig genug. Da ist jeder Aus-der-Reihe-Tänzer eine hochwillkommene Darbietung. Allerdings nicht, wenn aus Gründen der Professionalität etwas anderes verlangt ist. Da hört dieser Spaß auf.
Professionell gekleidet, was heißt das? Dass Bankangestellte und Vorstandmitglieder aussehen wie Pinguine mit unterschiedlichen Budgets für den Schneider. Dass Tennisspieler in Shorts und Polos aufschlagen statt in Pumphosen zu Chiffonblusen. Dass für Bauarbeiter Helmpflicht besteht und Schauspieler im Blitzlichtgewitter gefälligst Giorgio Armani, Vera Wang oder Marc Jacobs buchstabieren können. Denn allen Erosionsphänomenen der Stil-Konventionen zum Trotz – stockte einem nicht der Atem, als 2003 zum Beispiel ausgerechnet der Tenniskasper John McEnroe über ärmellose T-Shirts in good old Wimbledon zeterte – trotz all dieser Randerscheinungen also steht der Großteil allgemein gültiger Garderobe-Regeln so unverrückbar wie ein Einbauschrank im Bauhaus-Bungalow.
Franka Potente sieht das offenbar anders. Wie sonst erklärt sich, dass erst ganz Deutschland und dann ganz Hollywood miterleben mussten, dass Frau Potente sich noch immer nicht alleine anziehen kann. Weder konventionell noch unkonventionell. Und schon gar nicht, wenn sie vor Boulevard-Fotografen in Position geht. Nein, geschätzte Frau Potente, es ist wenig lustig, nicht einmal albern und schon gar kein Ausdruck von Künstlerhaftigkeit, in plumpen Sneakern zum unförmig gerafften Pseudo-Kleid der Hollywood-Premiere von „Die Bourne-Verschwörung“ beizuwohnen.
Das ist schlampig, bedauerlich, unprofessionell.
Ähnliches gilt, auf deutlich lokalerer Bekanntheitsebene, für die Fernsehjournalistin Bettina Tietjen, die stets aussieht wie eine explodierte Vorstadt-Boutique, egal welcher Dresscode den Event bestimmt. Auch sie scheint, in kompletter Verkennung der eigenen Talente, ihre merkwürdigen Garderobenelemente höchstselbst zusammenzustellen, anstatt professionellen Modebeistand in Betracht zu ziehen. Jedes einzelne Bild von ihr wirft die Frage auf: Warum?
Promis out of Control
Und sicher, bei Sportlern, die auf rote Teppiche gezerrt werden, muss man modisch Nachsicht üben. Sie sollen in anderen Disziplinen brillieren und können das oft auch. Von dieser Ausnahme auszunehmen sind jedoch Publicity-geübte Ex-Pirouettendreherinnen wie Tanja Szweczenko oder Magdalena Brzeska, einst rhythmische Gymnastin, seit zehn Jahren Einrichtungsgegenstand der Unterhaltungsshow-Branche. Als berufsmäßige Gästelisten-Besetzer sollten ihnen die Gesetze der Boulevard-Berichterstattung ebenso in Fleisch und Blut übergegangen sein wie Schauspielern, die ihre Erfolge zu gewissen Maßen ihrem Talent, zu großen Anteilen ihren Regisseuren und Agenten, aber nicht zuletzt auch den Fans zu verdanken haben. Spätestens vor denen könnte man sich doch drei bis neun mal im Jahr höflich verneigen, indem man im perfekten Outfit über den roten Teppich stöckelt, statt in spätpubertärer Egalhaltung darüber zu schlurfen, als gäbe es urplötzlich keinen unerträglicheren Gewaltakt als das Licht der Öffentlichkeit.
Schlimmer sind da nur Gestalten wie Thea Gottschalk, Eva Habermann, Marion Kracht, Doris Dörrie, die komplette Familie Ochsenknecht und diverse andere deutsche Prominente, die auf ihren inneren Feld-Wald-und Provinzwiesen-Stylisten geradezu hartnäckig stolz sind. Und auf jedem Foto eine Zumutung. Aber wer orientiert sich an Messlatten, die noch tiefer hängen als der schlechte Geschmack?
Ich wäre sehr dafür, den Berufsstand des Stylisten einmal einer gründlichen Bestandsaufnahme zuzuführen. Sprich: Erst einmal all jene auszuschließen, die als Grundstein ihrer Karriere den VHS-Kurs Farblehre belegt und dann ihrem Haus-Erwin einen Web-Auftritt abverlangt haben, um schließlich ein bescheidenes Renommee bei Hundeshows und Miss-Sauerkraut-Wahlen anzuhäufeln. Vor meiner Prüfungskommission zu bewähren hätten sich in Schritt Zwei alle, die andere glauben anziehen zu dürfen, nur weil sie das Herumzuppeln an Puppen und Mitmenschen mit 16 schon so toll fanden, dass sie eine Lehre als Kosmetikerin/Friseur/Schaufenstergestalter begonnen haben. Da mag die eine oder andere Perle im Sieb landen. Aber der größte Anteil widmet sich vorzugsweise Selbstbräuner-Exzessen und scheidet schon deshalb als stilrelevante Größe aus.
Als wichtigste und entscheidende Maßnahme aber, um Deutschlands Society- und Boulevard-Protagonisten endlich auf ein international vertretbares Stil-Niveau ohne Gefahr von Fremdschämen zu heben, muss jedoch eine solide Stylisten-Ausbildung her. Ich sage mal, drei Jahre Aufbaustudium, mindestens. Von Vorteil für die Aufnahme wäre es, ein Kunststudium vorweisen zu können, Absolventen von Modefachschulen kommen zumindest in Betracht. Abschluss nach unerbittlichem Prüfungsparcours. Bis ich das alles aufgebaut und den ersten Jahrgang durchgeschleust habe, können sich hilfebedürftige Prominente direkt bei mir melden. Danach bin ich unbezahlbar.

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