StyleCouncil: Schönen Flug
Jeden zweiten Mittwoch liefert unsere Beauty-Chefin in ihrer neuen Kolumne Antworten auf drängende Stil-Fragen: Sind Lockenwickler noch okay, Waxing-Methoden eigentlich harmlos und Riesentaschen nun in oder out? Hier finden Sie Antworten - und sind herzlich eingeladen, Ihre eigenen Fragen zum Thema Style und Beauty zu stellen.
Schönen Flug
Als ich vor 30 Jahren das erste Mal einen Lufthansa-Flieger bestieg, kam dies dem Eintritt in eine andere, eine weltoffene Sphäre gleich.Alles schien dort besser, schicker, stilvoller, souveräner zu sein. Entsprechend hatte ich mich gekleidet und befand mich damit in bester Gesellschaft. Wer flog, tat dies in Garderobe, die nicht alltäglich war. Denn Fliegen war nicht alltäglich, und die Passagiere einer Boeing 747 fühlten sich weniger von der Aircondition umweht, die unermüdlich den Zigarettenqualm umwälzte, als eher vom elitären Hauch des Jet Sets. Selbst wenn kein mondäner Ausflug nach Acapulco anstand, sondern lediglich der Business-Trip zur Siemens-Niederlassung in Belgien.
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Manchmal, wenn heute am Terminal zu viel Zeit bleibt, um die Aufmerksamkeit nicht den anderen Reisenden zu widmen, wünsche ich diese Jahre zurück. Aus vielen Gründen, von denen ein sehr äußerlicher das Schuhwerk der meisten mitreisenden Männer wäre (wer oft fliegt, kann über mehr Frauen in hohen Positionen nur dankbar sein. Sie legen einfach mehr Wert auf ihr Äußeres). Travel in Style? Ja gern, aber mit wem denn? Oder anders gefragt: Haben Stil als Haltung und die damit verbundenen Werte überhaupt noch einen Platz zwischen Klofrau und Counter? Der Service der heutigen Lufthansa lässt da nur bedingt Raum für Hoffnung.
Ein Beispiel:
27.
November, Nachmittag, Münchener Flughafen (nein, der dort besonders entwürdigende Security-Check ist nicht Thema, da halte ich es inzwischen mit Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich, der die tödlichen Kugeln in Sarajewo mit „Es ist gar nichts!“ kommentierte).
Ich kam mit zwei Kolleginnen früher als erwartet von einer Präsentation, sodass wir theoretisch einen früheren Heimflug hätten nehmen können.
Wir steuerten den Abfertigungs-Boy an und erkundigten uns – freundlich – nach Möglichkeit und Verfügbarkeit.
Letzteres war unproblematisch: Die Maschine war nur zur Hälfte besetzt.
Ersteres völlig problematisch, weil „mit Ihrem Tarif nur bei Zuzahlung möglich“.
Als Vielflieger sammelt man ja außer Meilen auch Erfahrungen, also wiesen wir – freundlich – darauf hin, dass unser späterer, stets stärker frequentierter Flug eben deshalb teurer gewesen sei, weil er stärker gefragt ist.
Man könne also mit etwas gutem Willen eine Win-Win-Situation schaffen, wenn wir kulanterweise schon daheim wären, wenn Lufthansa unsere frei gewordenen Plätze an spätere „Aufrücker“ geben könne.
Und überhaupt, wir hatten doch für den Transfer gezahlt, eigentlich sollte doch egal sein, welche Maschine uns nach Hause flöge.
Die Gel-Tolle von Gate 28, an Frauen mit Ausnahme seiner Mutter erkennbar uninteressiert, legte seine süffisanteste Mimik auf und verwies uns an das Service Center, vielleicht könne man dort etwas für uns tun.
Dort schwatzten sieben unterbeschäftigte junge Damen, wir wandten uns – freundlich – an eine davon, deren Sprechblase „Für Sie nur gegen Aufpreis“ platzte, bevor sie überhaupt Gelegenheit hatte, unsere Tickets genauer anzusehen: „Wie viel Sie zahlen müssen, können Ihnen meine Kolleginnen sagen.“ Eine davon vermeldete prompt „200 Euro“, auch sie verzichtete auf den genaueren Blick.
Dann zogen sie eine Mauer aus kaltem Lächeln hoch, vor der wir kapitulierten. Wir dankten – demütig – für die Auskunft, drehten ab – und hörten in diesem Moment noch ein hingezischtes „Das waren die Drei“.
Ha.
Hatte diese kleine Klemme unter ihrem Haargel-Helm doch aus purer Lust an der Schikane telefonisch dafür gesorgt, dass Service, Entgegenkommen, Flexibilität, Größe und Haltung oder meinetwegen auch nur die bloße Freundlichkeit ausgeschaltet und Kleingeisterei und Minimacht-Gehabe auf sämtlichen Reglern hochgedreht worden waren.
Was aus ihr geworden ist, der Fliegerei? Das ist aus ihr geworden.
Ironie des Schicksals: Auf dem Heimflug saß eine Kollegin neben einem gesprächsbereiten Herren, der einsteigen durfte, obwohl sein Flieger erst der nächstspätere gewesen wäre.
Ohne Zuzahlung.
Aus reiner Kulanz.
Mit einem nicht flexiblen Ticket.
Manchmal ist die Welt – auch bei Lufthansa – nicht unbedingt schöner, aber doch besser ist als ihr Ruf.
