StyleCouncil: Haltung
Jeden zweiten Mittwoch liefert unsere Beauty-Chefin in ihrer neuen Kolumne Antworten auf drängende Stil-Fragen: Sind Lockenwickler noch okay, Waxing-Methoden eigentlich harmlos und Riesentaschen nun in oder out? Hier finden Sie Antworten - und sind herzlicheingeladen, Ihre eigenen Fragen zum Thema Style und Beauty zu stellen.
StyleCouncil: Haltung
Man soll ja auch mal dankbar sein. Im Moment zum Beispiel gäbe es ein kleines bisschen Grund dazu. Menschen wagen wieder (dem saisonalen Angebot sei Dank) ansprechend aussehende Garderobe zu tragen, zeigen ihre hirschigen Tattoos nur noch Bettgenossen und Pilates-Mattennachbarn, machen also in Sachen Image einen halbwegs lernfähigen Eindruck. Anders ausgedrückt: Wenn junge Männer Baggy Pants für Anzüge im Hedi-Slimane-Stil eintauschen, muss es einen Gott geben.
Man darf allerdings gespannt sein, wann das Pendel zurück schwingt und vor allem, wohin. Denn Mode – die mancher mit Stil verwechselt, weil gleichsetzt – bewegt sich in den immer gleichen Wellen. Trug man gestern weit, muss morgen alles schmal geschnitten sein, auf viel Schwarz folgt gesetzhaft grelle Farbe, Formvollendung zieht grobe Lässigkeit nach sich und so weiter und so weiter. 2008 könnte das Jahr kreischbunter Wallawalla-Säcke werden, wenn niemand aufpasst.
Derartige modische Komplettaussetzer aber, im letzten Jahrhundert noch zeitweise zu beklagen, verhindert heute eine mit Geschenken und Champagnerparties konsolidierte Allianz aus Boulevard-Stars und Modeschöpfern, die erstere als Anziehpuppen zweckentfremden. Doch auch die Indifferenz in der westlichen Gesellschaft tut dazu das Ihrige: So sind die Stilrevolten vergangener Dekaden so wenig zu befürchten wie die Vorstellung, dass sich das arbeitslose TV-Proletariat geschlossen von den Ikea-Recamieren erhebt, zu den Megaphonen greift und „Wir haben es satt“-grölend vor das Bundeskanzleramt marschieren.
Offensichtlich hat der zähe Arbeitskampf vor der Mattscheibe sie derart mitgenommen, dass ihre Haltung ähnlich aufgeweicht ist wie die Muskulatur ihres Fernsehrundrückens. Schmerz beiseite und zurück zu den wesentlichen Aspekten von Mode und Stil. Als da wäre, huch, Koinzidenz: Haltung. Ohne die leider auch eine Ausprägung von Stil unmöglich ist. Um es mit einem arg vereinfachten Bild zu illustrieren: Was nützt das teuerste Abendkleid, wenn man darin wie ein verdummtes Stelzhuhn stakst?
Es schmerzt schon, mit anzusehen, wie das Konsumvolk mit seinen teuren Einkäufen bestenfalls die Posen seiner diffusen Vorbilder kopiert. Markentasche am Arm wie Grace Kelly, aber eine Körperhaltung wie – nun ja, eben doch nur Lindsay Lohan nachts um halb Vier. Buckelschulter, Schlurffuß und sonstige körperliche Defekte sind die unattraktiven Accessoires einer inneren und äußeren Selbstentfremdung; und wenn zur Zeit jedes hungrig Model die schmalen Schulterchen vor seinen Oberkörper biegen muss, damit einem aus dem Kampagnenfoto erschütternd viel Schlüsselbein in Erinnerung bleibt, drängt sich die Frage auf: Warum? Sollen diese Role-Model-Mädchen vielleicht aus einem bestimmten Grund so bedürftig aussehen? Hilfe, rettet mich, reicht mir ein Salatblatt? Oder sie sind die Vorboten schlechterer Zeiten?
Alles siecht, mag man annehmen angesichts derartiger „Ideale“, und wahrlich, von den Managerriegen bis zu den Politiker-Reihen kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die globale Truppe Mover und Pusher eher von Haargel und Klamotte zusammengehalten als von wahrer Größe getragen wird. Dass sie auseinander fällt, sobald einem der Hosenknopf offen steht. An einen Fisch, der vom Kopf her stinkt, sind aber auch Designerflossen verschwendet.
Ja, Dankbarkeit ist schon ein hartes Stück Arbeit.
