StyleCouncil: Die Macht der Eitelkeit
Jeden zweiten Mittwoch liefert unsere Beauty-Chefin in ihrer neuen Kolumne Antworten auf drängende Stil-Fragen: Sind Lockenwickler noch okay, Waxing-Methoden eigentlich harmlos und Riesentaschen nun in oder out? Hier finden Sie Antworten - und sind herzlich eingeladen, Ihre eigenen Fragen zum Thema Style und Beauty zu stellen.
Die Macht der Eitelkeit
Gerade hinterlässt die modische Herbstsaison erste Spuren der Verwüstung auf unseren Konten, da wirft ein neues Status-Phänomen seinen Schatten ins Gold des Oktobers.„Ach, Taschen“, mögen Sie denken, „was soll an diesem Statussymbol neu sein. Die haben preislich doch schon vor langer Zeit den Bezug zur Wirklichkeit verloren!“ Stimmt. Wahr ist auch, dass sie tiefer und tiefer ab in unbekannte, Angst auslösende Preisdimensionen abgleiten. Dennoch neu zum Thema Taschen ist: die Zweittasche.
Zweittaschen waren bislang eine wenig geliebte Konzession an das Notwendige. Sie gehörten in den Arbeitsalltag jener Frauen, die sich das Taschenkaufen a) überhaupt noch und b) mit einer gewissen Rest-Freude leisten konnten, weil sie ihren Lebensgefährten den Preis für den Neuerwerb nicht gestehen mussten.
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Zweittaschen hießen nämlich bislang Aktentaschen – und waren, so sie gut genug zum Herumtragen aussahen, selten billig, aber leider nie wirklich schön. Oder attraktiv. Geschweige denn: zum Niederknien. Nun ist all das anders.
Aktuell sind sowohl preislich als auch in Fragen des Designs keine Grenzen nach oben erkennbar. Denn: Eine Aktentasche muss keine Aktentasche mehr sein. Diese vielen schrecklich bürokratisch anmutenden Fächer für Unterlagen jedweder Provenienz und Wichtigkeit – weg. Die wichtigtuerischen Extrafächer für Stifte in diversen Farben – weg. Der grausliche Henkelgriff, die Metallschließen, stabil und wertkonservativ wie der Rest der äußeren Erscheinung – weg. Weg sind aber auch die halbwegs vertretbaren Preise, die eine Alphafrau für ihre Bürotasche hinnahm in dem Gedanken, ein haltbares, hochwertiges Karriereutensil zu erwerben, das eines Tages an die Stammhalterin vererbt werden könne. Heute möchte Frau von Welt mit so einer gestrigen Tasche nicht einmal beim Penthouse-Kauf erwischt werden. Jetzt muss es eine Designertasche sein. Mindestens eine, wohlgemerkt.
Eine Entwicklung mit Höhen und Tiefen. Zwar muss diese hochmoderne Carreer Bag im Höchstfall noch Platz für Laptop, Montblanc-Füller respektive -Tintenroller und Blackberry bieten. Dafür kostet jede von ihnen ein kleines Vermögen. Zwar tragen wir unsere Arbeitsmaterialien in einer so umwerfenden wie geräumigen Signature Bag von Burberry/Bottega Veneta/YSL vom Dienstwagen ins Office. Dafür lockt jede Saison eine neue, schönere, von einer gerade „wichtigeren“ Marke – für eine Handvoll Euro mehr, versteht sich. Inflation, Sie wissen schon. Zwar passt in die neue XXXL-Tote (wie der Engländer das Tragetaschen-Format bezeichnet) noch problemlos ein knitterfreies Cocktail-Kleid und das Tütchen Kosmetik für den Kurzflug. Aber leider zahlt man für die süße Last mit dem berüchtigten Birkin-Bag-Arm, vulgo: Sehnenscheidenentzündung.
Der Preis für beruflichen Erfolg scheint bei genauerer Betrachtung zu sein, sämtliche Sonderzahlungen/Provisionen/das Weihnachtsgeld etc. sofort in neue Zweittaschen ummünzen zu müssen. Dass Emanzipation arm macht, weil ihr die Eitelkeit die Schau stiehlt – also das hatten wir uns, genau genommen, doch reichlich anders vorgestellt.
