StyleCouncil: Mexiko

Jeden zweiten Mittwoch liefert Alke von Kruszynski Antworten auf drängende Stil-Fragen. Sind Gummistiefel Fußkleid du jour zum Beach Polo? Warum ist Wrestling ein Trennungsgrund? Ist Waxing auch einer und sind Riesentaschen artgerechte Frauenbegleiter? Jede Frage ist eine gute Frage – und Sie sind natürlich eingeladen, eigene zu stellen.                                       

Sollten sie mich vermisst haben: Ich bin vergangene Woche einer Einladung von Mandarin Oriental nach Mexiko gefolgt. Intensivrecherche, Sie verstehen? Mandarin Oriental klingt schließlich nach Flair, Exotik, Stil, in so ziemlich dieser Reihenfolge. Und den Service der berühmten Hotelgruppe in ihrem ersten Resort an der Karibikküste kennen zu lernen, kommt meinem Reiseverhalten sehr entgegen. Karibik klingt nach Luxus, Flair, Wärme, Tauchen, Stil, in so ziemlich dieser Reihenfolge. Ein paar Eckdaten habe ich trotz außergewöhnlicher Entspannungszustände auch tatsächlich in meinem Reisetagebuch notiert:

Tag 1
Flug von Hamburg nach Frankfurt: Eine Delegation der Provinzial Versicherung nährt bedenklich Zweifel an der These, die Menschheit habe sich seit der Steinzeit weiter entwickelt. Die mittlere Konversationstemperatur in diesem akustisch übermächtigen Viertel des Fliegers liegt bei „Aufgestanden, Platz vergangen, hähä!“ und „Zwischen Leber und Nierchen passt noch ein Bierchen, höhö!“. Zwischen diesen Tölpen sehen die wenigen Provinzial-Kolleginnen aus wie Rehe vor dem Verbluten: gebrochen, leer, ergeben. Entsprechend dankbar gehe ich in Frankfurt vor dem Upgrade-Kommando Condor Comfort Class auf die Knie. Elf Stunden Holzklasse haben null Flair, null Exotik, null Klasse. In der Comfort Class dagegen: Platz, Privacy, Perlen im Champagner.

Ankunft Cancun in der Abenddämmerung, in den Palmen kreischen frech die Tropenvögel, ein goldig schimmernder US-SUV blubbert uns entgegen; kaltes Wasser, eisgekühlte Tücher, getränkt mit entspannenden Zitrusaromen. Träger. Das Leben ist schön.
Check-in im Mandarin Oriental Riviera Maya. Noch ein Tablett mit eisgekühlten Tüchern, Fruchtcocktails, kurz die Kreditkarte einlesen, dann hurtig in die Mini-Suite und ins Bett. Ach ja, Air Condition aus, immer und überall. Urlaub auf 15 Grad geht gar nicht.

Tag 2
Hallo, Jetlag. Von 4 Uhr bis 7 Uhr auf meiner Terrasse alle bekannten Meditationen durchgeatmet, zum Abschluss einen dicken Klacks Yoga obendrauf. Frühstück, ich komme.

Salatblattzartes Spa-Frühstück. Für morgen Waffles mit Fruchtmark und Ahornsirup, eine große Fruchtplatte, 2 Café Latte, Mangosaft und Schoko-Croissant auf den mentalen Speiseplan geschaufelt. Rundgang im Mandala-Garten des Spas.

Ein Dutzend Kräuterpflanzen nach Maya-Ritual abgeschritten, mich für etwas groß und kräftig Wachsendes entschieden. Fühle mich klein und schwach, sagt mein Gefühl, das in diesem Garten zu mir sprechen soll. Das sollte zu ändern sein. Nach Ganzkörpermassage, warmen Kräuterkompressen und Fußreflexzonen-Behandlung schwebe ich zwei Stunden später, groß und kräftig, auf eine Liege im Spa-Garten. Smoothies und Fusion-Snacks aus dem Restaurant, dann Temazcal-Ritual mit Schamane II. Schamane I, sagt der General Manager, blieb eines Tages verschwunden und ward nie mehr gesehen. Aha, Abenteuer! DAS ist allerdings eher eine lustige Angelegenheit:. Der Schamane leitet unsere Temazcal-Truppe über einen Pfad mit weißen Steinen, erführt „von dieser in die andere Welt“. Hinterfragen nutzlos, mitmachen reicht völlig. Falls möglich, umschalten von Erwachsenen- in den Kinder-Modus und tun, was der Onkel Schamane sagt. Der verbannt schlechte Energien, seinem Räuchertopf sei gedankt, in das spirituelle Wartezimmer, dann geht es unter Beschwörungsformeln in das Dunkel eines Steiniglus.

Es folgen weitere Beschwörungen, Gebetsformeln und Gesänge zum Mitmachen, heiße Steine, die ein Gehilfe hineinreicht, Kräuterwasserdämpfe, Wunschsagungen und noch mehr Beschwörungen, während die Tür mehrfach geschlossen und wieder geöffnet wird, die Luft wird trockener und heißer, die Gesänge im Dunklen werden es auch, weil man jetzt auch nicht mehr merkwürdiger rüberkommen kann als ohnehin schon.

Herr Schamane quirlt die Kräuterluft, nimmt noch mehr Böses und schleust Gutes in unsere Energiebahnen – und eine gute Stunde später gebiert uns die schmale Öffnung zurück nach draußen. Dort warten Regendusche, Kopfmassage, Früchte und Liegen, auf denen jetzt spirituell rundumoptimierte Wesen liegen, die eben noch voller Zweifel und sonstwie sorgenbepackt mit ihrem Dasein haderten. Der personal shaman – ein Trend mit Karrierechancen, falls man mich fragt. Tag 3
Ausflug zu den Sehenswürdigkeiten: Tulum (historische Maya-Stadt, um Längen bvesser ohne dicke Amerikaner, also früh kommen!), Tulum Beach (Öko-Resort.Streifen, Empfehlung: Resort Esmeralda K), Cenote (Grotten zum Schnorcheln zwischen Stalagmiten und Stalaktiten) – der hübsche Gedanke reift, Mexiko dringend für längere Zeit zu bereisen. Zurück im Resort finde ich noch immer, dass meine Dusche nicht funktioniert. Aber wenn Tropenvögel ans Panoramafenster klopfen, geht kalt duschen schon okay. Muss ich erwähnen, dass in den Restaurants gekochzaubert wird? Das Personal zum Adoptieren freundlich ist? Sonnencreme unverzichtbar? Die Sonne morgens aufgeht und abends wieder unter?

Tag 4
Mein Highlight: Tauchen mit Luís. Er und ich (und der Skipper, na wenn’s sein muss) fahren für einen Drift-Dive an die erste Tauchstelle. Drift-Dives sind wie Unterwasser-Sightseeing: Man fährt, von der Strömung getragen, flott alles Sehenswerte ab. Ungewöhnlich, aber lustig. Da schnappt sich Luís meine Hand und zieht mich zu einer kleinen Höhle herunter. Da wohnt doch nicht – oh, doch, sie wohnt: zehn Zentimeter vor mir schnappt eine große grüne Muräne nach Wasser, ihr Kopf nicht kleiner als meiner. Ich ventiliere kurz in meinen Lungenautomaten. Aber wenn Luís meine Hand hält … Nach einem Anekdoten-Austausch zum Thema Muräne werfen wir uns für Tauchgang zwei erneut von Bord, ohne Drift und mit einer anderen grünen Riesen-Muräne, die auf der Suche nach ihrer Heimstätt eilig von uns schlängelt. In Zukunft buche ich Tauchgänge nur noch mit Option auf Händchen haltende Tauchlehrer, die mir jede noch so kleine Meersbewohnerhöhle zeigen. Allein, natürlich!

Abends eine herbe Enttäuschung: Bin zu blöd zum Duschen. Habe die ganze Zeit die falsche Seite der Designarmatur aufgedreht. Tag 5
Strand! Bevor wir am Abend zurück in die Comfi Class klettern, lassen wir Liegen ausrichten, Schirme aufspannen, den Brillen-Butler Brillen putzen, den Service Früchtchen am Spieß und kalte Tücher reichen. In Gedanken intensive Fürbitte bei allen spirituellen Instanzen: Das nächste Leben bitte mit mehr Kontovolumen. Alles andere darf gern bleiben, wie es ist.

Worüber schreibt Alke von Kruszynski in 14 Tagen? Für unser Projekt „Demokratie im Alltag“ stellen wir folgende Themen zur Auswahl: Dessous – was geht für wen und wann und warum?
Abstrakte Schuhe – das Ende des Schuh-Fetischismus
Silver Sex – vergnügliche Freizeitgestaltung für den Sommer

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