StyleCouncil: Im Netz mit doppeltem Boden

Jeden zweiten Mittwoch liefert Alke von Kruszynski Antworten auf drängende Stil-Fragen. Sind Gummistiefel Fußkleid du jour zum Beach Polo? Warum ist Wrestling ein Trennungsgrund? Ist Waxing auch einer und sind Riesentaschen artgerechte Frauenbegleiter? Jede Frage ist eine gute Frage – und Sie sind natürlich eingeladen, eigene zu stellen

 

Plötzlich herrscht Hülle und Fülle. Selbst Norddeutschlands windschiefer Baumbestand ist auf ein trendiges Saftiggrün umgestiegen, die Blumen benehmen sich unwiderstehlich schamlos, und die Sonne wärmt zunehmend schon unterhalb einer durchschnittlichen Reiseflughöhe. Kein Zweifel, es frühlingt. Passend zu so viel Überfluss kommt hier eine tolle Nachricht für alle, die noch Tränen über die Wirtschaftsprognosen vergießen: Shopping-Touren im Internet sparen Geld. Säckeweise. Um Notgroschen und Altersvorsorge prall und stattlich zu erhalten, ist lediglich ein einfaches Rezept zu befolgen. Ich habe es in vielen langen Nächten vor dem Monitor entwickelt und OSB genannt: Online Shopping Bulimie. Die einzige Form von Freßkotzanfällen, die nachhaltig gut tut.

Die Zutaten:
1 internetfähiger Computer (Apple, sieht schon besser aus)
gut und gern 1 GHz Prozessorleistung
1 - 10 Kaufinteressen (ergeben durchschnittlich 100 Website-Aufrufe)
ausreichend Arbeitsspeicher (für gleichzeitiges Shoppen in diversen Onlineläden)
Zeit nach Belieben
1 Getränk (mindestens 0,5 Liter, aber alkoholfrei!)
1 Schale fettfreies, gesalzenes Popcorn
nach Wahl: 1 Kreditkarte

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Die Vorbereitungen:
Nehmen Sie vor dem Computer Platz und meditieren Sie kurz darüber, welche Produktwelt im Moment absolut unvermeidbar erscheint. Irgend etwas fehlt ja immer: Im Schrank hängt nicht ein Kleid in der Saisonfarbe, Schuhe sind zwar da, aber merkwürdigerweise nie die richtigen, in Sachen Weihnachten wollte man schon immer einmal heute an morgen denken, oder wie wäre es mit einer praktischen Digitalkamera, die ist absolut fällig und bei Amazon.de interessanterweise täglich im Sonderangebot. Geben Sie dann Ihr Kaufziel in Stichworten bei Google ein. Wer glaubt, wunschlos glücklich zu sein, aber einen Beweis braucht, kann sich auch in die unendliche Weite des Internets fallen lassen, vielleicht bleibt im Netz der Netze ja irgendein Fang hängen, der den Zweifel hinreichend zu nähren vermag.
Freuen Sie sich nun sehr bewusst darüber, dass Ihnen niemand in den Hacken steht mit der Frage, ob Sie beim Einkauf allein zurechtkommen. Klicken Sie entschlossen alle Links an, deren Seiten ansprechend genug gestaltet worden sind, um Ihre Aufmerksamkeit zu verdienen. Klicken Sie dagegen rückhaltlos alles weg, wo man Ihr Geld und Ihr Engagement nicht zu würdigen weiß: Da die Transparenz des Internets so ziemlich alle Preise nivelliert, hat man es nicht nötig, sich durch billige, schlecht gewartete und stümperhaft zusammengedengelte Web-1.x-Seiten zu quälen. Einzige Ausnahme: Spezialinteressen. Zum Beispiel dem erlesenen Wohnstil angemessene Katzenkratzbäume (ich könnte da erschreckende Details offenbaren, gedenke dieses Thema aber eher zu anderer Zeit angemessen auszuschlachten). Stellen Sie Getränk und Popcorn in Reichweite, man weiß ja nie, wie lang man bummeln geht. Hochleistungs-Shopper (Training, Training, Training, Leute!) legen außerdem Ihre Kreditkarte neben die Tastatur.

Der Einkauf:
Sobald Google Ihnen ein Menü appetitlicher Angebote dargeboten hat und Sie – reiner Spaß an der Freud – vielleicht noch den günstigsten Anbieter mit den besten Kaufbewertungen gefunden haben, hauen Sie rein. Respektive, legen Sie Waren in Ihren Einkaufswagen. Seien Sie hemmungslos, das Zeug wiegt schließlich nichts. Christian-Louboutin-Sonderanfertigungen, Cocktail-Kleider von Zac Posen und Taschen von MiuMiu und Marni (www.net-a-porter.com), ökologisches Waschmittel, das selbst die LOHAS-Prominenz in die Trommel kippen würde (www.ecover.com), ein Surfboard-Teakstuhl, brandneu antik, aus Indonesien (www.balifurnish.com) oder Sammlerpretiosen von Christie’s London (www.christies.com) – möge Ihr Appetit grenzenlos sein. Stopfen Sie sich so richtig voll. Aber bleiben Sie nüchtern! Kurz vor knapp brauchen Sie nämlich doch einmal Nerven.

Der Gang zur Kasse:
Hier trennt sich die OSB-Spreu vom OSB-Weizen. Feiglinge und solche, die nur würgen, aber nicht brechen können, sollten abbrechen. Aufstehen, einatmen und ausatmen, den Raum verlassen, zu Bett gehen. Echte, wahre und durch und durch verdorbene Online-Shopping-Bulimiker gehen dagegen den ganzen Weg, bis zum intimsten Dateneintrag: Bankverbindung, Kreditkartendetails, Lieferadresse, Mobiltelefonnummer und im unvermeidlichen Pop-up-Fenster noch die Kundenzufriedenheitsbefragung inklusive Altersangabe und Offenlegung des Freizeitverhaltens, falls vorhanden. Ziehen Sie blank, erleben Sie den Rausch des totalen Einkaufs. Werfen Sie die Euro-Scheinchen mit beiden Händen auf der Tastatur zum Monitor raus, ob hunderte oder tausende, ganz ohne Reue und Schuldenberater. Denn zum schönen Schluss kommt

Die Ersparnis:
Kotzen Sie jetzt das ganze Gerumms zurück in den digitalen Orkus. Loggen Sie aus. Quit, Command-Q und wie immer man auf Windows-Dosen mit einem Browser Schluss macht. Und falls Ihnen doch etwas durchrutscht, das einige Tage später dann in der Paketannahmestelle des Vertrauens Staub fängt: Schicken Sie es zurück. Kostet wieder nichts. Gibt aber den dümpelnden Deutsche-Post-Aktien einen Schub. Ein bisschen echtes Wirtschaftswachstum hie und da kann nicht schaden, auch, um sich beizeiten wieder an den wirklichen Konsum-Tropf hängen zu können. OSB hin oder her – ewig kann das so ja nicht weitergehen. Am Ende kürzt man Ihnen noch das Haushaltsgeld. Wo man’s ums Portemonnaie herum doch lieber etwas füllig hat.

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