StyleCouncil: Forever Karneval
Jeden zweiten Mittwoch liefert unsere Beauty-Chefin in ihrer neuen Kolumne Antworten auf drängende Stil-Fragen: Sind Lockenwickler noch okay, Waxing-Methoden eigentlich harmlos und Riesentaschen nun in oder out? Hier finden Sie Antworten - und sind herzlich eingeladen, Ihre eigenen Fragen zum Thema Style und Beauty zu stellen.
Im Urlaub ist alles anders. Das Geld geht lockerer von der Hand, Ausschlafen ist eine Option, das Leben auf Wunsch ein gänzlich neu geordnetes. Schon an der Check-in-Grenze lassen wir uns sogar gefallen, was jeder sozial eingenordete Nordeuropäer sich normalerweise verbitten würde: die totale und unbarmherzige Durchleuchtung.
Duldsam lassen wir uns vorschreiben, wie groß unsere Zahncremetube sein und wie viel Feuchtigkeitscreme wir während eines Langstreckenfluges verbrauchen dürfen. Diktatur im Alltag. Derlei Erniedrigungen (meist setzen sie sich in lokalem Kolorit an den Einreise-Nadelöhren der Reisezielländer fort) werden seit 2001 wie von Gott gegeben hingenommen, weshalb ich nach leidvoller Erfahrung hier und jetzt für eine Ausweitung der Befugnisse der Herren und Damen Flugsicherheits-Rottweiler plädieren möchte: nämlich jede Reisegarderobe auf ihre Humanverträglichkeit zu kontrollieren. Ja, eine Art Pack-Polizei erscheint mir zusehends angebrachter. Denn was einem im Urlaub zuweilen an Monstrositäten vor die Optik gerät, steht mit größter Wahrscheinlichkeit im Konflikt mit international verabredeten Menschenrechtsgesetzen und Ethikkonventionen.
Fotos: Sylvia Grell
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Wie kommen Menschen auf die Idee, in ihrer Unterwäsche und ähnlich Unzivilisiertem herumzulaufen wäre in Ordnung, nur weil sie gerade nicht daheim in Gretelsbüren über die Dorfstraße latschen?
Egal, in welches Land die Deutschen, Engländer oder Dänen so fliegen: Andere Menschen leben dort. Täglich. Sie tragen Schuhe, Kleider, Röcke, Blusen, Hemden, Hosen, Anzüge. Ein Klimawechsel ist keinerlei Rechtfertigung für Respektlosigkeit diesen und anderen Menschen gegenüber, und wer meint, ihm sei an seinem Urlaubsziel zu warm für akzeptable Kleidung, soll gefälligst nach Island fliegen, oder Finnland, meinetwegen.
Während ich im Laufe meines Urlaubs also zum schockierten Hinsehen gezwungen wurde, stießen mir allgemein die absurden Verkleidungsgelüste von Weltreisenden jeder Art und Herkunft auf. Das arme Goa, in den letzten dreißig Jahren von Drop-outs aller Länder als Schauplatz ihrer vermeintlichen Andersartigkeit missbraucht und heute zu allem Übel im Würgegriff eines biersschwangeren Chartertourismus, scheint noch aus der letzten braven Mutti Jeckyl eine provinziell burlesque Tante Hyde zu kitzeln. Wer es braucht, inszeniert sich für zwei Wochen Halbpension, gern aber auch sehr viel länger als Karnevalsgeck, streift die Hüllen seines bürgerlichen Ichs ab und überschreitet die allerletzte Schamschwelle. Leider schäme ich mich bei dieser Jecken-Haftigkeit ebenso fremd, wie wenn es Alaaf und Helau und Wolle mer se reinlasse heißt. Eine Pointe fällt deshalb aus gegebenem Anlass aus.
